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Die Wahrheit · 1928-03-02 · Heft 9 (2.3.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 iiinniininniuiinininM DIE WAHR HEU schüfe Zähn#gewetzt und; geschliffen am Steine des Anstoßes gegen unser zähes kleines Völklein. Warum also nicht Purim, mit herzlicher Freude begeheiii wa er doch nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat? Hat doch jeder Tag, an dem wir uns des heutigen Lebens erfreuen, gestern ein Eßter- Tanis, ein Ach und Weh gehabt; warum ihn also nicht als Purimtag feiern? So fragen wir, und indem wir so fragen, haben wir uns auch schon die Antwort gegeben: heute und gestern. Das- Judentum von gestern, Jakobs Rose, ward jubelvoll und freute sich, weil Gott seine Hilfe war uncLEr seine>Rettung in jeglichem Geschlecht. Gottes Beistand erblickten sie in der Hilfe und seine sich manifestierende Hand in der Rettung. Darum freuten sie sich, konnten sich freuen, denn ihre Freude galt Gott, ihr Lied war Ihm geweiht, war verklärt von dem süßen Zauber, den nur der religiöse Optimismus dem gläubigen Gefühle und Gemüte offenbart. Das Judentum von heute aber, Jakobs heutige Rose, ist welk und fahl. Erschüttert der Glaube, darum geschwunden die Freude. Herausgerissen aus der reichen Innenwelt des von der gefühlten Gottesnähe und Glaubensinnigkeit durchglühten Gemütes, von dem einst das jüdische Leben getragen und zu einem ungetrübten heiteren Giück-sdasein gestaltet war; hinausgezerrt in die eisigkalte Welt des alles Innenleben zersetzenden, kührberechnenden Verstandes, die den heutigen Juden zu einer alle Ideale zermalmenden Rechenmaschine umgeformt hat, scheint er das Werten des Glückes, der Lust und der Freude mit den Maßstäben des Gemütes fast verlernt zu haben. Ihm — wir spreche»; von dem Durchschnittsjuden — gelten muv die greifbaren, einen „Rechenposten" ab- Seuilletctt Purim des Flüchtlings. (Alis den Aufzeichnungen eines Kriegsflüchtlings.) Von J. Tig.er, ... Eist, jetzt, beim Herannahen des Purimf estesi empfandensie die, ganze Schwere ihres Geschickes, die kleine Schar gaüzischef Juden, welche nach wochenlaneen und auaiveile* Irrfahrtei* imböhmischen- Marktflecken K. Unterkunft fanden. Denn dieser Tag, war ja der Vorbote eines noch viel bedeutsameren Festes, des. Pessach, zu dessen Empfang sogar inder galizischen Heimat umständlich gerüstet werden mußte. Was-, soll, man nun hier in diesem fremden und trostlosen Nest begingen? Jenseits der Brücke befand, sich zwar ein Tempel, der von der Existenz einer jüdischen Gemeinde zeugte, jedoch nur während der hohen Feiertage-fand sich ein „MimW' zusammen. Sonst waren: die Pforten geschlossen und nur der „Vorstand", dgr stets griesgrämige und verdrießliche, machte sich dort einmal zu schaffen. Die galizischen Flüchtlinge jtnieden aus sonderbarer Scheu den Tempel, sie erbaten sich bloß eine Thora und bei Mejlech Melamed wurde ein „eigenes" Minian etns^richtet. Die fünfundzwanzig Kreuzer österreichischer Währung, die man pro Konf und Tag als Unterstützune erhielt, reichten kaum für das AJIernotwendigste aus, aber Przemysl war noch fest in unseren Händen und „Kireh" (die populäre Be- . neaaung des österreichischen Kaisers bei den galizischen Juden), der große Judenfreund, lebte noch — das gab Hoffnung und Mut zum Ausharren. Draußen war es öde und Kot gab es hier noch mehr als imgaji^schen Städtehen; Den ganzen Tag saß man im Zimmer, schlief oder zankte. Die Mädchen; die trotz der kärglichen gebenden Werte. Hierin hat er de» Positivismus, unter dessen Zeichen die Fortschritts- und Kulturanbeterei unserer entseelten Zeit steht, gründlich übernommen. Womit soll er, der sich höchstens dem blasiertem Lusttaumel des modernen Optimismus, des Materialismus, oder Naturalismus hingibt,, womit soll er sich am Purim freuen? Die in eine intelligibie Welt hineinragenden Innenerkenn misse sind ja bei ihm zu sehr außer Mode gekommen, um ihndie unsichtbare Hand, die ihn und sein Geschick leitet, und stets eingreift, wo die unzulängliche Menschen- und Naturhand versagt, bemerken zu lassen. Wohl muß er, wenn auch noch so stumpffühlig, auch mit den Sinnen wahrnehmen und mit dem Verstände erfassen, daß es nicht mit so einfachen, sogenannten natürlichen Dingen speziell mit ihm, dem Juden, zugehen könne, und daß es in der Tat an das Phänomenale streife, wenn man des Juden unvermeidbares Bestehen und ewiges Nichtuntergehen — worauf der Purim hinweist — betrachtet. Aber da ihm die einstige, nun leider verlorene Dosis Gemüt fehlt, die allein die zündende Kraft dies an sieh nur kalten Gedankenblitzes ist, vermag er sich nicht zur seelisch-heiteren Erkenntnis aufzuraffen, die nötig ist, um sein Leben in Freud und Leid mit Gott und seinen Gesetzesbahnen einzurichten; die nur blitzartige, aber nicht zündende, daher sich sofort verflüchtigende Erkenntnis ist nur ein schwaches Aufdämmern, kein Klarheit verbreitender Tag. Wie sagt doch ein großer deutscher Dichter: „Geist und Sinn-hat ewige-Uhrast; Nur im Herzen keimt der Friede; Keimt di© Freude, lebt die Liebe, Lebt der heilige Daseinswille»" Freuen, wirklich freuen, kann, sich nur der religiöse Gemütsmensch, der in gläubigem Herzens- Kost „wie auf Höfe wuchsen", schauten, stundenlang zum Fenster hinaus und stichelten einander. Alles war trostlos. Mutter seufzte und des Vaters Auge beobachtete sie. besorgt um die Zukunft der heranwachsenden Töchter. Die Vorläufer des „Joint" besannen das Hilfswerk: Aus unbekannter Ferne langten beim Vorstand verschiedene Sendungen ein. Alte Kleidungsstücke, Strohsäcke und papiergefüllte Schlafdecken, die wie brennessel stachen. Die Frauen mußten sich mit großen, breiten Männerschuhen zufrieden geben und die kleinen Jungen liefen in langen Röcken herum, deren Aermel leer hinunterh'neen als wenn sich in ihn^n M-nß Händestummel befänden. Wollte man passendere Kleidungsstücke haben, so wurde der Vorstand noch mürrischer, schob die landesübliche Pfeife in den linken Mundwinkel und meinte, daß er eigentlich keine Modekleider auf Lager habe und die Unzufriedenen mögen in Prag eine Bestellung mächen. Fleisch genoß man keines; zum „Meschubeil", der Rabbiner^ Prediger, Vorbeter, Kinderlehrer und Scho.chet in einer Person war, hatten die Galizianer kein Vertrauen und seine „Schlechita" wollten sie nicht anerkennen; was ihn nicht wenig verdroß. Aber für die Purimsu.de; mußte, dpch vorge* sorgt werden. So machte man sich auf die Suche nach Fischen, die man schließlich um teures Geld erstand. Und nun wurde der „Vorstand" ersucht, ihnen eine „Megilla" auszuborgen. Dieser weigerte sich anfangs und. meinte, sie sei unauffindbar, weil man sie schon sehr lange nicht benutzt hatte, aber, die Flüchtlinge baten eindringlich, machten sich erbötig, selbst zu suchen, und er gab nach. Man betrat den unheimlichen Dachboden des Tempels, den lange schon kein menschlicher, Fuß betreten, hatte. Die einstige Blüte der Kehilla konnte man aus dem großen. Haufen verschiedener Liturgiebücher ersehen, der dort herumlag. Die Flüchtlinge warfen sich über diese Bücher mit viel größerer Vehemenz als über die alten Kleidungsstücke. Waren esdoch vertraute Bekannte, die daheim ein Raub der Flammen wurden und ohne die die Flucht so schwer anzutreten war. Nun hat man sich wieder gefunden und das „Gölus Böhmen" war einigermaßen erträglicher ....

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