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Die Wahrheit · 1928-03-02 · Heft 9 (2.3.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groscken. UlfflllHlUIII mit des Veröffentlichungen der „Union dentschösferr. Juden* und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitisches Kultusgemeinde Wien" muiinuiimniiiinffli^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 2. März 1928 Nummer & Purim einst und jetzt Eine Betrachtung von Oberrabbiner Dr. A. A11 m a n n, Trier*). » Schattenstille Judengassen, Wte verzaubert seid ihr heut', Eure dornenreichen Pfade Wie mit Rosen überstreut. Eure dumpfen Kerkergrüfte Atmen heute Balsamhauch Wie einstmals Moriahs Höhen Sanft umweht von Opferrauch. Durch die Gassen singt und klingt es. Jauchzen schwirrt und Festtagsjubel, Und in bunten Farben schiebt sich Ein phantastisches Getrubel. Purim hat heut' hell verzaubert All die dunklen Elendgassen, Will die leidbeschwerten Seelen Von der Freude schlürfen lassen. Und sie haben 's nicht verlernt, Judas sonnenarme Herzen; Tief im Innern wohnt der Frohsinn, Bloß umhüllt von Galutschmeirzen. Jauchzend springt er aus den Fesseln, Taucht in der Erinn'rung Sonne Und läßt blitzen frohen Schimmer Und erstrählt in Purimwonne. Ewiges Rätsel: Judenseele! Während tausend Sommer blüh'n. Schmachtest du in kaltem Schatten, Deine Farben aber glühn. „Jakobs Rose ward jubelvoll und freute sich, als sje allesamt Mordechais Purpur sahen. Ihre Hilfe warst Du ewig und ihre Hoffnung in jeglichem Geschlecht. Zu lehren, daß die auf Dich hoffen, alle nicht getäuscht werden, und nimmer erröten alle, die in Dich ihre Zuversicht setzen." So lautet das schöne Festlied, das nach der Verlesung der Megillah am Purim gesungen werden soll. „Jakobs Rose ward jubelvoll und freute sich", so war es einmal in der sogenannten guten, alten Zeit, aber nimmermehr heute. Wer freut sich heute noch am Purim sö recht von Herzen, wie es noch vor mehreren Dezennien in den meisten jüdischen Gemeinden zu geschehen pflegte? Höchstens von mancher Kanzel herab ertönen wärmer angehauchte Würdigungsworte, des Purims zu gedenken. Aber *.) Ein Auszug aus seinem Werke „Homiletische Weckrufe an die " zeitgenössische'Jüdenheit"," der „Wahrheit" für ihre Purim-Nummer gewidmet, ach! Sie stoßen zumeist auf taube Ohren, sie lösen in den neuen Herzen, arm an Freude und oberflächlich an Leid, keine tieferen Gefühl© aus, sie greifen und packen nicht mehr. Keine Rede mehr von Jakobs. Rose, die jubelvoll ward und sich freute. Eine poetische Floskel ist sie den meisten nur noch. Man geht wohl noch zum Megillah-Lesen, aber kalt und blaß geht auch dieses Religionszeremoniell zu Ende, ohne ein gehaltvolles Empfinden nachhaltig zurückzulassen. Warum das aber? Warum kann unser Judentum von heute sich nicht mehr so freuen, wenn man ihm von Purim spricht, wie es das Judentum' von gestern noch so innig vermochte? Man feiert doch sonst mit Vorliebe und geradiezu eudämonistischer Sucht das liebe Leben, und gerade mit der Purim- Lebensfreude will man kargen? Es ist doch am Purim von Lebensrettung die Rede, die Gottes Gnade Hunderttausenden unseres Stammes angedeihen ließ. Durch eine glückliche Fügung ist doch einst Israel um diese Zeit der Henkershand entgangen; über seinem Haupte hat todesdrohend1 das Damoklesschwert geschwebt, und es ist ihm auf wunderbare Weise entronnen. Meint etwa der moderne Jude ernstlich, daß sein heutiges Leben nicht im Spiel gewesen ist, daß ihn, der im 20. Jahrhundert lebt, all das wenig zu kümmern brauche, was sich einst in Persien unter König Ahasveros zugetragen; betrachtet er sich in der Tat nicht mehr als festgefügten Ring in der Kette der Tradition, der geschichtlichen Zusammengehörigkeit, die das Heute mit dem Gestern lückenlos verbindet? Nun denn, auch dann bleibt noch die Frage, ob er denn gar nicht bemerkt, wie Ereignisse deich denen der Purimgeschich te auch in seine Zeit hin einspielen? Nur ein einziger klarer Blick auf unsere Gegenwart muß dies erhellen. Entgehen wir denn nicht auch heute noch immer wieder den Plänen der Unglücksbringer ä la Haman? Oft bemerkt, öfter aber noch unbemerkt, ballen sich über unseren vielgehaßten Häuptern Gewitterwolken zusammen, und wenn sie sich nicht oder nur schwach über uns entladen, wer wird es leugnen, daß es stets wie durch ein Wunder geschieht? Wohin wir blicken, überall \

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