Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064256--16084-3088814- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 Kultusvorsteher D. Dohan sprach in der Debatte über die zahlreichen Leistungen der Kultusgemeinde auf sozialem Gebiete, weichen. gehaltvollen Ausführungen er einen interessanten historischen Rückblick vorausschickte. Er besprach insbesondere die Tätigkeit der vielen Leopoldstädter humanitären Vereine und würdigte die Verdienste der Männer und Frauen, die an der Spitze dieser Institutionen stehen. Die Kultusgemeinde ist stets bereit, diesen Verdineil, däe der Privatinitiatiive entspringen, helfend zur Seite zu stehen, und dankt ihnen für die Unterstützung der Gemeinde bei ihrer vielseitigen Tätigkeit für karitative Zwecke. Herr A. M. Ehrlich, Obmann des Bukowinaer Zentral Verbandes und zweiter Vorsitzender des Verbandes jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender, versuchte auf Grund eines mehr umfangals inhaltsreichen Materials die Tätigkeit des Kultusvorstandes in verschiedenen Fällen zu kritisieren. Er mußte -sich von den folgenden Rednern, den Herren Börserat L Glück und Bernhard Hofbauer, eine energische Abfuhr für seine Kritik gefallen lassen, die sich beinahe in allen Einzelheiten als völlig unrichtig erwies. Auch Präsident Dr. J. Ornstein besdiäftilgte sich mit diesen Anwürfen, die er in glänzender Weise eriedigte und die fiim Anlaß gaben, an verschiedenen Fakten aufzuzeigen, wie emsSg die Kultusmehrheit bemüht ist, im Interesse der Wiener Judensbhaft zu arbeiten. Besondere Zustimmung fanden seine Ausführungen über dSe große' Gefährlichkeit eines Verbandes jüdischer Kaufleute, mit dem zusammenzugehen die „Union" abgelehnt hat. Denn diese Abschließung kann nur Unheil aairichten, da sie als Antwort den Zusammenschluß der Christen in einer eigenen Gruppe gegen uns befürchten läßt Die „Union" mußte daher das Anbot ablehnen, dessen Annahme gegen unser Statut gewesen wäre, denn die ^Union", die vor mehr als vierzig Jahren zur Verteidigung unserer Rechte von Dr. Bloch gegründet wurde, steht auf dem Standpunkt, daß wir in allen amderen Beziehungen als Bürger dieses Staates mit unseren christlichen Mitbürgern gemeinsam arbeiten müssen. Doktor Ornstein beschäftigte sich noch mit dem Pro-Palästina- Komitee, dessen an leitender Stelle dieses Blattes gedacht wird, verwies auf den bevorstehenden Vortrag des Herrn finanzreferenten Regierungsrat Dr. HL Oppenheim über das Budgst der Kuitusgemednde und schloß seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit der Aufforderung, das bisher bekundete Vertrauen auch bei den kommenden Wahlen zu manifestieren. Medizinalrat Dr. Heinrich H a a s e beendete in später Stunde mit einem Dank an die Erschienenen ur-d Referenten die sehr schön verlaufene Versammlung. Hauptversammlung des Central- Vereins. Am 11., 12. und 13. d. M. hielt der Centr'al-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seine Hauptversammlung im Reichswirtschaftsrat zu Berlin ab*). Fast 500 Delegierte aus allen Teilen des Reiches waren erschienen. Nach Begrüßung des Vorsitzenden, Herrn Justizrat Dr. Brodnitz, erstattete Dr. Alfred Wiener den Geschäftsbericht. Die Tätigkeit des Central-Vereins besteht nicht allein in Eingaben und Beschwerden, auch nicht in der Abwehr von Geschehenem, sondern in Beobachtung der Zeitströmung. Auf drei Wegen ist versucht worden, in die Massen des deutschen Volkes und in ihre Führer Aufklärung über Juden und Judentum hineinzutragen, nämlich durch das gesprochene Wort, durch das gedruckte Wort und durch tadellose Leistung eines jeden einzelnen Juden. Der Philo-Verlag hat in den letzten Jahren 28 neue Verlagswerke herausgebracht in einer Gesamtauflagenhöhe von 33.500 Exemplaren. Unsere Aufklärungsarbeit in Wort und Schrift leitet über zur Aufklärungsarbeit für den zu erwartenden großen Wahlkampf. Nach klaren Richtlinien haben wir unsere Vorbereitung zu den Wahl- *) Der Zentralvorstand der „Union deutschösterreichischer Juden" hat zu der Hauptversammlung seines Berliner Schwestervereines eine persönliche Einladung des Vorsitzenden. Justizrat Dr. B r o d n i t z, erhalten, konnte ihr aber aus verschiedenen Gründen leider nicht Folge leisten. Wir mußten uns auf die Uebermittlung unserer herzlichsten Wünsche, zum Gelingen der imposanten Kundgebung beschränken, die vom Centrai-Verein mit innigem Danke entgegengenommen wurden. iijtimiuiiiJinniiiJiiiiiniiiiiJiiriintiuiiuiitHiiiniMiniiiiiiHijinfn:n DfE WAHRHEIT kämpfen unternommen und im wesentlichen abgeschlossen. Notwendig ist es. daß jeder deutsche Jude sich sittlich verpflichtet fühlt, durch seine Einstellung zu den Problemen Judentum und Vaterland und persönliche Lebensführung das beste Beispiel zu tiefgehender Aufklärung zu geben. Die Angriffe gegen das jüdische Schrifttum können wir nicht parieren, wenn wir selbst nicht wissen, was wir verteidigen. Dei Centrai-Verein hat in den letzten Jahren im Philo-Verlag wertvolle Werke über Juden und Judentum veröffentlicht. Wir begrüßen auch alle Bestrebungen der Jugend, die zur Verteidigung des Judentums dienen. Trotzdem müsse noch viel geschehen. Wir müßten in ganz anderem Maßstabe als bisher in die Lage versetzt sein, Werke anzuregen oder zu fördern, durch die die Erkenntnis des deutschen Judentums vorwärts getrieben wird. Zu diesem Zwecke sei eine stärkere Mitarbeit weiter Kreise erforderlich. Staatssekretär a. D. Professor Dr. Julius Hirsch ergriff das Wort zu seinem Referat über die „W i r t s c h a f t sprobleme der deutschen Juden". Der Referent wollte mit seinem Vortrag, wie er selbst sagt, nicht so sehr einen wissenschaftlichen Bericht über die Lage der Juden in wirtschaftlicher Hinsicht geben, sondern er wollte vielmehr unsere jüdische Jugend, die vom Pessimismus erfüllt, aufrufen zur tätigen Wirtschaftsarbeit im Wirtschaftskörper des deutschen Volkes. Er ging dabei auf die Situation ein, die unsere jüdische Jugend zum Nationalismus geführt habe; seine Einstellung zu der Frage des Zionismus ist die. daß es nicht in der Linie der allgemeinen Menschheits- und Weltwirtschaftsenwicklung liegen könne, noch ein kleines Natiönchen, noch eine Sonderexistenz in wirtschaftlicher Hinsicht zu schaffen. Die gewollte Abschließung, die in der Vorstellungswelt der jüdischen Jugend zum Teil zum Ausdruck komme, sei zu bekämpfen.. Die Jugend müsse sich auf die Realität einstellen und erkennen, daß in der deutschen Wirtschaft für sie der Platz sei, im Dienst der Allgemeinheit tätig zu sein. Das sei nicht nur ein jüdisches Ziel, sondern auch ein deutsches Ziel. Unverkennbar habe sich das deutsche Volk durch das Schwere der letzten Jahre hindurch gerungen und sei wirtschaftlich im Rahmen der europäischen und Weltwirtschaft wieder zu einem bedeutsamen Faktor geworden. Wir deutschen Juden, die wir mit Gedeih und Verderben mit der Entwicklung der deutschen Wirtschaft verbunden sind, müßten uns beteiligen an ihrer Arbeit mit unseren besonderen jüdischen Fähigkeiten. Der Referent stellt sich noch die Frage der Entwicklungstendenz der deutschen Wirtschaft unter besonderer Beleuchtung der Aufgabe der deutschen Juden. Wenn auch einige Anzeichen zur Ausschaltung des indischen Elementes gegeben seien, so dürfe unsere jüdische Tugend sich die Hoffnung nicht rauben lassen, denn unsere besondere geistige Fähigkeit versetzt uns in die Lage, die komplizierten Funktionen moderner Wirtschaftsarbeit mehr denn je zu erfüllen. Das Erfordernis sei also: höchste Dienstleistung in der freien Wirtschaft, denn von der Behauotung unserer Stellung im Wirtschaftskörper unseres Vaterlandes ist nach der Ansicht des Referenten im wesentlichen soziale und politische Schicksalsgestaltung des deutschen Judentums abhängig. Die große Entwicklung, die den Wirtschaftskörner Europas kennzeichnet, müsse im Gegenteil die innren Menschen gerade zu hoffnunesfreüdieer Tätigkeit aufrufen. Die neue Wirtschaft braucht aktive Arbeit. Seien wir nicht verzweifelthelfen wir mit, ein bedeutsamer Faktor in dieser großen Linie der Entwicklung zu sein; laßt uns zu kühnen Gestaltern der Wirtschaft des deutschen Volkes werden, mit d.»m wir in unserem Bewußtsein und durch unser Schicksal seit Jahrtausenden verbunden sind. Ein lang anhaltender begeisterter Beifall bewies dem Redner, daß sein Mahnruf auf fruchtbarem Boden gefallen ist. Die Sonntagsverhandlung begann mit einer großen Kundgebung im Berliner Capito 1. Nach erstklassigen künstlerischen Darbietungen und einem von Frau Lucie M a h n h e i m gesprochenem Prolog sprach Herr Justizrat Dr. Brodnitz ein Treugelübde zur deutschen Republik aus, die bereits Außerordentliches geleistet habe. Es müsse jedoch noch ein gegenseitiges Erkennen des Denkens und Fühlens aller im Dienste des Ganzen stehenden Bürger herbeigeführt werden. Herr Rechtsanwalt Dr. Norbert Regensburger, Braunschweig, schilderte die tiefe Tragik des jüdischen Einzelschicksals in den Kleinstädten und auf dem flachen Lande, die der fürchterliche Boykott veranlaßt Er sprach von den schon zu einer periodischen Erscheinung gewordenen Schändungen jüdischer Friedhöfe. Alle Entartungserscheinungen unserer kranken' Zeit werden von* völkischer Seite auf den