Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 iuaiiiUfliHiuiiHiiiitytiiii iiiniiiiiHiiniiiiiHiiiiniiMiiiiuniiHiiiiiiuMiiiiiiiiiiiiii qh? WAHRHEIT durch ihre Unhaltbarkeit darlegt. Es erscheint ihm anfänglich befremdlich und unfaßbar, daß die Welt da draußen hur seine Vorstellung sein soll. Aber der unerbittliche Frager, der die Folgerichtigkeit seiner Intelligenz fest im Auge behält, hat ihn am Ende dahin gebracht, daß er sein Ich, an dessen Dasein er mit Cartesius allein nicht zü zweifeln vermag, nicht anders denn als geistiges, raumloses Wesen zu denken vermag. Alles Lob verdienen die Klarheit und Frische des Vortrages, der Leichtfaßlichkeit und Allgemeinverständlißhkeit mit Gründlichkeit und Tiefe meisterhaft verbindet. Der bereits erwähnte Dr. Robert Drill bietet in seinem auch äußerlich würdig ausgestattetem Buch „Aus der Philosophen-Ecke" (Verlag der Societäts-Druckerei, Frankfurt a. M.) eine prächtige Sammlung von tiefbohrenden Studien über mehrere der brennendsten Kulturprobleme der Gegenwart, die er durchwegs vom philosophischen Gesichtspunkt behandelt. Im Gewirr der philosophischen Lehrmeinungen der Gegenwart hat Drill sich an der Hand von Kants „Kritiken" eine eigene Weltanschauung errungen, die ihm ermöglicht, allen Erscheinungen des geistigen Lebens gegenüber eine unbefangene, ruhig abschätzende Haltung einzunehmen. Er ist mit den letzten Ergebnissen der Natur- sowie Geisteswissenschaften vertraut, beherrscht das Gebiet der Nationalökonomie sowie das der Psychologie, der bildenden Kunst sowie der Literatur und Poesie. Gleich am Eingang steht der Essay über die Anthroposophie. Ich getraue mich zu behaupten, daß diese 16 Druckseiten das Beste und Gründlichste enthalten, was über diesen vielbesprochenen Gegenstand gesagt wurde. Dieser in dem allermodernsten Kostüm gekleidete Aberglaube ist im Panorama unserer Zeit das ergänzende Gegenstück zu dem Unglauben, den Freud repräsentiert. Eine tiefgreifende Analyse unseres Zeitgeistes bieten die Studien „Ueber den angeblichen Zusammenbruch der alten Weltanschauung". „Die Kultur der Häckelzeit", „Ordnung und Chaos", Wunschlose Nationalökonomie". Die Studien über Karl Marx, Hegel. Proudhon und Schopenhauer, zeigen den Verfasser als ausgezeichneten Porträtisten, während die „Analyse des Expressionismus" eine der brennenden Streitfragen der Gegenwart erörtert. So bildet diese änspruchlose. Essaysammlung einen gediegenen und zuverlässigen Wegweiser durch das Geistesleben unserer Zeit. „Aus dem Vermächtnis des Neunzehnten Jahrhunderts", philosophische Aufsätze, nennt sich eine Sammlung von Studien des Darmstädters Philosophen Professor Dr. J. G o 1 d s t e i n (Berlin, Schwetschke & Sohn. „So verschieden die Themen dieser Aufsätze sind, kreisen alle um eine Idee, des Irrationalen . . , Das Irrationale ist auch etwas Positives, es gehört aber in eine andere Ebene als das Rationale. Es bezeichnet Tatbestände mit eigener Seinsqualität.... Ihr Wesen ist nicht dem Nächdenken, sondern nur dem Nacherleben zugänglich." Diese paar Sätze aus dem Vorwort kennzeichnen treffend Richtung und Standpunkt des Verfassers, der namentlich in den Studien über ästhetische Weltanschauung, „Schillers Lebensproblem", Euckens „Wahrheitsgehalt der Religion", „Moderne Religionspsychologie". „Das Irrationale und die Volksbildung" ausgeprägt zur Geltung kommen. Den amerikanischen Philosophen William James, der, gleich Wundt, von der Medizin und Physiologie zur Philosophie überging und Schöpfer der modernen Religionspsychologie wurde, hat Goldstein in Deutschland eingeführt und seinem Pragmatismus zum Verständnis verholfen. Ihm ist auch eine der Studien gewidmet. Die umfangreichste und bedeutsamste aber behandelt „Henry Bergson und die Sozialwissenschaft". Diese Studie wird vielen Lesern erst das Verständnis Bergsons erschließen. Das subtile und komplizierte Gedankensystem Bergsons gleicht einer Festung, die man lange vergeblich umkreist, ohne in sie eindringen zu können. Bis ein Eingeweihter kommt und den Suchenden an den richtigen Platz stellt, wo sein Blick endlich den Punkt wahrnimmt, an dem sich ein Eingang auftut. An Bergsons Einfluß auf den Führer der französischen Syndikalisten S o r e 1 entwickelt Goldstein die Grundgedanken des ersteren, von wo aus der Leser mittels ehrlicher Geistesarbeit in sein System eindringen kann. Bergson ist durch seinen Empirismus der Ueberwinder Piatons und seines Rationalismus, der bisher unser Denken beherrscht hat. Das ist der Sinn von Bergsons ..I n t u i t i o n". mittels deren wir die „Duree reelle" erkennen____..„Es ist Bergson wie Hegel ergangen": die Konservativen einerseits und die Radikalen anderseits berufen sich auf ihn. Ein Mann wie Le Roy benutzt in seinem Werke ..Dogme et Critique" Bergsons Ideen zur Apologetik des katholischen Glaubens. Und ein Theoretiker des Syndikalismus, wie George Sorel. will dem revolutionären Sozialismus mit den Lehren Bergsons die Weihe geben." Albert Einstein sagte einmal: „Wenn meine Theorien sich bewähren, bin ich für die Deutschen ein Deutscher, für die Franzosen ein Jude: wenn nicht, bin ich für die Deutschen ein Jude..für die Franzosen ein Deutscher." Aehnlich geht es seinem großen Zeitgenossen Bergson, diesem Sohn eines Warschauer Chazans, der zuerst in der Genfer Synagoge, dann in einer kleinen englischen Gemeinde seine Funktion ausübte, wo sein Sohn Henry geboren wurde; schließlich wurde er nach Paris berufen. Sein«n berühmten Sohn lassen die deutschen Uebersetzer in England geboren sein, ohne anzudeuten, daß er ein Jude, noch dazu ein Ostjude ist. Als er aber 1915 für die französische Akademie kandidiert wurde, kam es den französischen Chauvinisten, mit Maurice Barres an der Spitze, in den Sinn, daß dieser glänzendste französische Stilist seiner Epoche eigentlich nur ein polnischer Jude ist ... B. W. S. Qlerj*en>. ', **^«,JS'~'tf^ÄfgsT- Die Energie, mit der die ungarische Regierung endlich daran ging, der Ordnung, Oesetz und Autorität verhöhnenden antisemitischen Studentenschaft den Herren zu zeigen, muß wirklich imponieren. Die „erwachenden Studenten" hatten beschlossen, während der Parlamentsvierhandlungen über den Numerus clausus die Abhaltung der Vorlesungen an der Budapester Universität mit ihren so oft bewährten Gewaltmitteln zu verhindern. Was tat die Regierung, die die Augen Europas auf sich gerichtet sieht? Site verfügte sofort, daß die Universität während der Parlamentsverhandlungen über den Numerus clausus geschlossen bleibt. Das heißt die Energie! Jetzt sollen die „Erwachenden" es probieren, die Vorlesungen zu stören! * Wegen des Numerus clausus ist schon genug Blut in den Räumen der ungarischen Universitäten geflossen. Wegen der eine Modifizierung bezweckenden Regierungsvorlage ergießen sich jetzt im Parlament wahre Redefluten. Man erfährt im großen und ganzen aus der Debatte nichts Neues. Bethlens Regierung war. schon früher so aufrichtig, den Juden wie den Rassenschützlern wiederholt zu versichern, sie habe die Vorlage, die scheinbar an dem alten Numerus clausus zu rütteln wagt, eigentlich nur aus notgedrungener Rücksicht für das Ausland eingebracht. Die Antisemiten erhielten auch schon längst wieder von Klebelsberg die ehrliche, beruhigende Erklärung, daß sie, Gott behüte, sich nicht der Befürchtung hingeben mögen, es könnten infolge der Revision dieses Gesetzes mehr Juden Aufnahme an der. Universität finden als bisher. Die Juden aber, die allen Grund haben, sogar mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sie in Zukunft einen noch geringeren Prozentsatz durchbjringen werden, mußten es sich gesagt sein lassen, sie sollen Oott danken, daß ihnen die Regierungsvorlage den gelben Fleck abnimmt. Wenn man fürderhin einen jüdischen Studenten zurückweisen wird, so darf es ..niemals heißen, es geschieht dies wegen seiner Rasse. Sondern aus irgendeinem anderen Grunde. Zum Beispiel weil sein Großvater einst mit Hasenfellen handelte, * •"' . Einzelne . hübsche Episoden verdankt man immerhin der Debatte. So stellte sich zum Beispiel