Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Masse, die ihm Hosianna zugerufen hatte, für die er gelebt und gestritten hatte, ihn verlassen und um den „Baal", den Herrn der Bewegung tanzen. Ich war wieder in Amerika, als die Trauerbotschaft hinüberdrang, daß Max Nordau sein unvergleichlich großes, erhabenes Leben beschlossen habe. Ich eilte in Town Hall, wo eine große Trauerfeier stattgefunden hat. Rabbi Dr. Stephen Wise, der große Mime, hielt die englische Trauerrede. Dann aber sprach der große europäische Zionistenführer, just derselbe, der in jener Sitzung gegen Nordau getobt hatte und ihm die letzten Jahre seines Lebens so gründlich verbittert hat. Nun ist das Zensurverbot der zionistischen Presse, Rühmendes von Nordau zu schreiben, aufgehoben. Eine seltsame Variation des bekannten Wahlspruches: Max Nordau est mort, vive Max Nordau! Zur Krise der Weltanschauung Die Krisis, die unsere Weltanschauung jetzt durchlebt, wird durch nichts so charakterisiert, wie durch die Broschüre „Die Zukunft einer Illusion", mittels deren Herr Prof. Freud den lieben Herrgott entthront hat. Selten wohl war das Rüstzeug, mit dem einer gegen die Gottesidee in den Krieg zog. so armselig, so verrostet und brüchig, wie diesmal. Man hatte förmlich die Illusion, daß da ein alter Ladenhüter aus der seligen Zeit der Büchner, Vogt. Moleschott oder spätestens Häckels von einem pfiffigen Verleger aus dem Moder hervorgeholt, durch Einflickung neuer Schlagworte und Phrasen auf „modern" herausgeputzt und als Saisonware auf den Markt geworfen wurde. Als wären nicht inzwischen Wundt. Eucken, Vaihinger, Bergson. James. Jerusalem, Chwolson und — Freud gekommen, die die Welt unserer Erkenntnis in einem anderen Lichte zeigten. Die magere Broschüre Freuds hat nur unter den Fünfzehn- und Sechzehnjährigen überzeugte und begeisterte Leser gefunden, die durch die darin vorgetragene Weisheit in der Sehnsucht, aus dem Religionsverband auszutreten, und sich so von dem lästigen Religionsunterricht zu befreien, bestärkt wurden, eine Sehnsucht, die von sozialdemokratischer Seite angefacht und geschürt wird. Auch bei den Antisemiten hat Prof. Freud großen Ruhm geerntet, da sie in ihm einen neuen Zeugen dafür haben, daß die Juden die Grundlagen der Religion und der Gesellschaft untergraben. Durch diesen zweifachen Erfolg hat sich Prof. Freud um die jüdische Gemeinde, deren Mitglied er doch wohl bleibt, sicher ein bedeutsames Verdienst erworben. Die Erwachsenen und geistig Selbständigen aber werden es tief bedauert haben, daß Prof. Freud es verabsäumt hat, seine Psychoanalyse auf — sich selbst anzuwenden. Er hätte dann vielleicht gefunden, daß seiner Psyche der vollständige Maneel anhake. Peligion zu empfinden und zu erleben, sogar nachzuempfinden und nachzuerleben — ein Mangel, den schon einer der besten Versteher und eifrigsten Verfechter Freudscher Lehren, der scharfsinnige, geistvolle und hochkultivierte Dr. Robert Drill mit großem Nachdruck hervorgehoben hat. Dieser Mangel ist vorerst ein Mangel der Erziehung: die Jueend Freuds fiel nSmliob In e>ne?p.it, da die Juden vermeinten, sich nur durch vollständige Vernachlässigung ihrer Religion der Aufnahme in die nichtiüdische Gesellschaft würdig erweisen zu können. Sie haben daher die Jugend von jeder tieferen Kenntnis des religiösen Lebens und der religiösen Lehren nach Kräften ferngehalten. Jetzt fängt man schon, viel zu spät, an, einzusehen, daß das ein Irrtum war. Ferner hätte Prof. Freud bei sich einen bedauernswerten Mangel an philosophischer, namentlich erkenntnistbeoretischer Durchbildung entdeckt. Gründlichere Studien auf diesem Gebiete würden Prof. Freud auch lehren können, sich vor seinen Jüngern besser in acht zu nehmen. Diese nämlich sind es. die die Grundlehren des Meisters durch logische Aberrationen und Uebertreibung lächerlich machen und das Vertrauen zu ihnen untergraben. Das beste Mittel gegen schlechte Bücher sind gute Bücher und so möge denn auf eine Reihe von hervorragenden Büchern hingewiesen werden, die die einschlägigen und verwandten Probleme auf eine gründliche, aber dennoch gemeinfaßliche Weise behandeln. iifuiiwiuiiUiMMiüifliuiiiii» Seite 5 „N a t u r Wissenschaft. W e 1 t anscbauung. Heiig Jon. Bausteine für eine natürliche Grundlesung des Gottesglaubens" von Dr. med. et phil. Johannes Reinke, Professor an der Universität In Kiel (Freiburg I. B.. Herder und Co.) Hier spricht zu uns ein exakter Naturforscher allerersten Ranges, einer der bedeutendsten Biologen Deutschlands, dessen bahnbrechende Untersuchungen auf seinem engeren Gebiete, dessen Bücher (Einleitung in die theoretische Biologie, Philosophie der Botanik, Grundlagen der Biodynamik, Kritik der Abstammungslehre. Die Welt als Tat, Biologische Gesetze. Die schaffende Natur) ihm einen wohlbegründeten Ruf in der wissenschaftlichen Welt verschafft und ihn zugleich als einen Forscher erwiesen haben, der von der Erkenntnis der Naturerscheinungen hinauf zu einer Welt- und Lebensanschauung strebt, dessen Blick die Hüllen des Naturgeschehens durchdringen möchte, um die Kraft zu erkennen, die „die Welt im Innersten zusammenhält". Durch das vorliegende, im edelsten Sinne des Wortes populär geschriebene Buch ziehen sich in der Hauptsache zwei Fragen. Die erste Frage geht dahin, ob die Naturwissenschaften der Gottesidee, der theistischen Weltanschauung widersprechen. Diese Frage wird nach allseitiger eingehender Erörterung entschieden verneint Die andere, ungleich schwierigere Frage, lautet: Ist die Natur mit ihren anendlich durcheinanderlaufenden Kausalreihen ein geschlossenes mechanisches Gefüge, in das auch der Mensch derart eingesponnen ist, daß sein geistiger Horizont mit den Grenzen der Natur ein Ende findet? Oder erschauen wir bei unserer forschenden Beschäftigung mit der Natur bereits das Dasein einer hinter und über der Natur sich erhebende Geisteswelt, in der wir unter Anwendung der in den Naturwissenschaften geübten Methode zwar nicht einzudringen, die wir aber mit dem eeistigen Auge von weitem zu schauen vermögen? Mit anderen Worten: steht dem forschenden Menschen nur die Natur, die physische Sphäre offen, oder kann er von dieser aus einen Brückenbau versuchen bis zur jenseitigen, zur metaphysischen Schäre? Zwar muß die Naturwissenschaft innerhalb ihrer Grenzen bleiben, aber die weitestreichende, physische Erklärung dieser Welt kann den tiefen und beunruhigenden Drang, die unwiderstehliche Sehnsucht nach einem immer noch weiter reichenden Schauen nicht unterdrücken. Diese jedem Menschen innewohnenden metaphysischen Bedürfnisse berühren sich aufs innigste mit den religiösen Regungen, mit dem Suchen nach Qr-tt Wen" nun der Verfasser findet, daß d'e in der Natur wirkenden Kräfte im Sinne der Gottesidee gedeutet werden müssen, indem sie über sich selbst hinausweisen, auf einen erhabenen Urgrund aHer Dinge, so hat solcher Schluß zwar keinen zwingenden Charakter, aber er ist mittelbar einleuchtend bei denkender Betrachtung der Natur im Hinblick auf ihre letzte Ursache, d'e nicht in ihr seihet Hegen kann, sondern nur in einem außer ihr zu denkenden, von aller materiellen Beschranktheit freien, in sich selbst gegründeten, geistigen Wesenheit und Allmacht. Diese Stellungnahme eines der bedeutendsten Naturforscher unserer Zeit, der nicht auf einem neW'eem Gebfete herumtastet und geistreiche Thesen aufstellt, sondern in harter nüchterner Forscherarbeit experimentell nachprüfbare Ergebnisse zutage fördert, die unser Wissen von der Welt wirklich bereichern, ist sehr bedeutsam. Anziehend und lehrreich sind die vom Verfasser mit großer Sachkenntnis zusammengestellten Bekenntnisse der größten Naturforscher aller Zeiten zur Gottesidee und zur religiösen Frage. Die Lektüre dieses köstlichen Buches macht den Wunsch re^e, daß der Vprf-«er seine zahlreichen Aufsätze über Politik. Soziologie und Philosophie, die er in verschiedenen Zeitschriften, besonders während des Krieges veröffentlicht hat. gesammelt in Buchform herausgeben möge. Das wäre eine Quelle reicher Belehrung und erlesenen Genusses. „Die Ueberwindung des Materialismus. Sechs Dialoge zur Einführung in die Philosophie" von Paul Apel (Berlin, Akademische Buchhandlung A. Haller und G. Schmidt) ist eine wohlgelungene, ja meisterhaft zu nennende Einleitung in die Hauptprobleme der Erkenntnistheorie. Die Unterhaltung spinnt sich ab zwischen einem gebildeten Laien und einem .Philosophen vom Fach", nimmt seinen Ausgang von den allereinfachsten Fragen des Alltagslebens und entwickelt sich fort bis zu den schwierigsten Problemen der Weltanschauung, z. B. dem Zusammenhang zwischen Leib und Seele. Der gebildete Laie ist ein Kind seiner Zeit und natürlich Materialist, sein Weltbild ist das des sogenannten „naiven Realismus" und es ist im höchsten Grade belehrend und amüsant, wie sein Partner ihn durch Fragen zwingt, seine Gedanken logisch zu Ende zu denken und da-