Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-02-24 · Heft 8 (24.2.1928) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 8 (24.2.1928)
Date
1928-02-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064256--16076-3088806
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

4 ......illllllllliililllll]|llllllllllllllllll!llllllllliflllill!lllll!llllll!lll!ll!illli]!llllll!r 0f£ WAffRtf£tt gezeichnet, in allen Blättern vorgeführt werden. Nordau ist tot, er muß nicht mehr totgeschwiegen werden. Sein katonisches Urteil wird nimmermehr das Werk der jetzigen Führer irritieren. Seine herbe Rechtsliebe steht niemandem mehr im Wege, er hat sie ins Grab mitgenommen. Doch, ich erinnere mich an einen Artikel über Nordau in einem der höchoffiziellen Organe des Zionismus, etwa ein Jahr vor seinem Tode. Es wurde darin gefordert, daß die zionistische Leitung Max Nordau, den 71jährigen Max Nordau, auf die Anklagebank setzen möge, um seine „Verleumdungen" der zionistischen Exekutive gerichtlich zu ahnden. Nordau hatte im Vereine mit Marmorek und Jacobus Kann Protest gegen die exorbitanten Spesennoten einiger Zionistenführer erhoben. Nordau hat die letzten Jahre in schwerer materieller Bedrängnis verlebt. Ich weiß, daß er einem zionistischen Journalisten das Originalmanuskript von „Paradoxe" zur bestmöglichen Veräußerung nach Amerika mitgegeben hat. Man hat sich kaum darum bekümmert. Er hat einem jüdischen Zeitungsherausgeber in Amerika Artikel zugesendet, mit der Bitte, sie placieren zu lassen. Sie wurden nicht gedruckt. Die Hetze gegen Nordau setzte bald nach dem Tode Herzls, der ihn auf das innigste verehrt hat, ein. Schon früher, im Winter 1903, feuert ein Student, Louban, bei einem Chanukaball in Paris zwei Schüsse auf Nordau ab, ohne ihn zu verletzen. Professor Alexander Marmorek erzählte mir darüber folgendes: „Ich wollte gerade aus dem Saale gehen, als ich einen Schuß hörte. Ich wende mich um und sehe den weißhaarigen Nordau allein mit einem Studenten ringen, die Umstehenden sehen ratlos zu. Ich stürze mich auf den Attentäter, der neuerdings den Revolver gegen Nordau hält, reiße seinen Arm hoch, der Schuß geht dicht vor meinem Kopfe los und schwärzt mir die Stirne. Wie wenig Nordau seine Geistesgegenwart verloren hat, zeigt der Witz, den er in diesem Momente machte. Ein jüdischer Major außer Dienst (auf französisch major en retraite), der ebenfalls Gast auf dem Chanukaball war, verschwand beim ersten Schuß schleunigst aus dem Saale. „Major en retraite!" (retirierender Major) sagte Nordau ironisch." An dem Kongresse nach dem Tode Herzls, in Basel anno 1905, beginnen die Russen gegen ihn zu wühlen. Er wird sukzessive kaltgestellt. Am Hamburger Kongreß im Jahre 1909 wird der greise Nordau von Nachman Syrkin tätlich mißhandelt. Die Aufregung ist enorm, man will Syrkin lynchen. Das Ehrengericht erbringt die Entscheidung, daß Dr. Nachman Syrkin von allen künftigen Kongressen ausgeschlossen werde. Doch zehn Jahre später ist Nordau so gut wie ausgeschlossen und Nachman Syrkin wird in die Delegation zur Friedenskonferenz nach Paris entsendet. Nordau, der providentionelle Anwalt des jüdischen Volkes, der Clemenceau seit 40 Jahren kennt, der titanische Meister der Sprache, der Kenner der verschlungensten diplomatischen Wege aller Länder, wird sabotiert. Seine Rede vor der Friedenskonferenz wäre ein Ereignis gewesen, das von der ganzen Weltpresse registriert worden wäre, eine Perle der Rhetorik aller Zeiten und Völker, eine große historische Tat. Statt ihm sprach Sokolow. Man redete sich darauf aus, daß Nordau als feindlicher Ausländer von Paris ausgewiesen sei. Die Ausrede war faul. Zudem ist bereits 1913, am 11. Zionistenkongreß in Wien ein Lärm darüber entstanden, daß man Nordau die Teilnahme am Kongresse unmöglich gemacht hätte. Die berühmte Nordau-Rede wurde an diesem Kongresse nicht von Nordau, sondern schon damals von — Sokolow gehalten. Noch eine Episode sei festgestellt. Es war im Jahre 1916. Der Krieg schien zu Ende zu gehen. Da fand eine engere Sitzung zwischen einigen Vertretern des deutschen und des österreichisch-ungarischen Judentumes mit einem europäischen Zionistenführer in New York statt. Es war eine Vorbesprechung über die Persönlichkeit, welche der Jüdische Kongreß zur Friedenskonferenz entsenden sollte. „Wer anders," sagte ich, als Max Nordau, der Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und wer weiß, was noch, mit Nordauischer Sprachgewalt spricht, dessen politisches Urteil seit Jahrzehnten bei allen Kabinetten achtungsvolles Gehör findet?" Der Zionistenführer sah mich ungnädig an. „Nordau ist owar ubotel" (greisenschwachsinnig) erklärte er. Ich protestierte dagegen, aber der große europäische Zionistenführer zerpflückte den Lorbeer Nordaus aufs grausamste. Ich ward auch zu keiner Sitzung mehr geladen. Damals dachte man nicht im entferntesten an eine Pariser Konferenz, sondern an eine Berliner öder jedenfalls an eine von Deutschland überschattete, und schon damals sabotierte man ihn. Nordau, der König Lear des Zionismus, irrte damals von Land zu Land. Bei der ersten Sitzung des zionistischen Aktionskomitees nach dem Kriege, die inkorrekterweise in London stattfand, war auch Nordau anwesend. Er äußerte ehrlich seine Bedenken über die zionistische Politik. Aber die Zeit freier Kritik war vorüber. Man erzählte sich in Amerika, daß ein junger amerikanisch-russischer Zionistenführer die Leute, die Nordaus Einwendungen gegen die betriebene zionistische Politik anhörten, beim Arme wegriß und geschrien hätte: „Hert ehm nit zu, dem alten Schojte!" Man hatte beschlossen, Nordau in England fest* zuhalten und seine Kraft der zionistischen Zentrale zu sichern. Der greise Führer, der ahnenstolze Sproß des Don Isak Abrabanel, der gefeierte Polyhistor, wurde wie ein Angestellter behandelt und dankte ab. Er kam endlich nach Paris zurück. Die französische Regierung hatte sein Vermögen konfisziert. Zweifellos hätte ein ernster Schritt seitens der zionistischen Leitung diesem Unrechte steuern können. Der „Schwachsinnige" hatte inzwischen den „Sinn der Geschichte" geschrieben und die „Geschichte der spanischen Kunst". Er hatte im letzten Jahre nicht die Mittel, sich die gebotene Erholung zu gönnen. Aber in derselben Stadt führte ein anderer berufsmäßiger Zionistenführer eine fürstliche Existenz. Mehr als die Existenzsorgen nagten seelische Tantalusqualen an seinem Herzen. Er sah die gewaltigen Möglichkeiten, die sich in der großen Schicksalstunde des jüdischen Volkes seinem geistigen Auge offenbarten, und sah sie in den Händen von Unberufenen rettungslos verspielt. Er durchkostete! die Bitterkeiten des jüdischen Lorbeers, die klassische Tragödie des treuen Hirten in Israel, er sah die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.