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Die Wahrheit · 1928-02-24 · Heft 8 (24.2.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 8 (24.2.1928)
Date
1928-02-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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i>lB WAHRHEIT iit'tiiiiiiiiiiiiiiiihiiiiiiiuiiiiiiiiiiiimiiMmiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiimininHHUiiiiiiiiii» Seit* a Juden sei." Dieser Definition folgen wir und wenden uns darum grundsätzlich gegen den politischen Zionismus, weil wir die angegebenen Voraussetzungen nicht teilen. Die Verwurzelung der österreichischen Juden in ihrem Vaterlande halten wir nicht nur für wünschenswert, nicht nur für ausführbar, sondern für gegeben. Die Tatsache, daß wir hierbei dem Widerspruch einzelner Volksteile begegnen (Antisemitismus als Beweismittel des jüdischen Nationalismus), ist kein Gegenbeweis. Deshalb ist es auch von unserem Standpunkte aus gefährlich, wenn Vizekanzler a. D. Dr. B r e i s k y bei der Konstituierung des Komitees ohne nähere Erklärungen emphatisch sagte: „Die Bestrebungen des Zionismus werden von der nichtjüdischen Bevölkerung verstanden und gewürdigt," ist es bedenklich, wenn Dr. Seipel in seinem mehrfach erwähnten Briefe sagt, daß „die zionistische Bewegung für eines der schwierigsten politisch-sozialen Probleme der Gegenwart eine vernünftige, aussichtsreiche Lösimg vorbereitet". Nein, die Herren des Komitees werden besser daran tun, sich statt solcher Enunziationen der gleichen Neutralität im innerjüdischen Meinungskampf zu befleißigen, deren sich ihre reichsdeutschen Kollegen bemühen. Graf Bernstorff, der Vorsitzende des deutschen Pro-Palästina-Komitees, betonte bei der Generalversammlung desselben, daß auch nach der Balfour- Deklaration „in Sachen des Palästinaaufbaues nichts geschehen werde, was die staatsrechtliche Stellung der Juden in allen Ländern irgendwie beeinträchtigen könnte". Wenn auch im österreichischen Komitee in ähnlichem Sinne gearbeitet wird, dann mag es bei uns jene Sympathie finden, die uns als Juden und Menschen einen unpolitischen Palästinaaufbau befürworten heißt. Oskar Hirschfeld. Max Nordaus letzte Jahre. Von Samuel B e 11 e 1 h e i tn, Budapest, gewesenes Mitglied des zionistischen Aktionskomitees. in den letzten drei Jahren seines von bewundernswerter geistiger Produktivität erfüllten großen Lebens war der Name Max Nordau Tabu für die zionistische Presse, deren Stolz und höchste Spitze er einst gewesen war. Er, dessen berühmte politische Jahresrevuen achtungsvolle Aufmerksamkeit bei Königen und Staatsmännern genossen haben, besaß keine Autorität mehr in dem kleinen Kreise seiner Partei, die er einst auf den Adlersflügeln seines gewaltigen Geistes von den Niederungen des Ghettos zur Höhe geschichtlicher Bedeutung emporgetragen hat. Kaum hatte er die Augen geschlossen und der Mund, der niemals wissentlich eine Lüge sprechen wollte, war kaum verstummt, da war die zionistische Presse aller Länder, die ihn so konsequent totgeschwiegen, seine Mahnungen und Lehren in den Papierkorb geworfen hatte, wieder voll des Lobes über das Phänomen Nordau, über seine hingebungsvolle Treue zu seinem Volke, über die unfaßbar enorme Geistesarbeit, die dieses einzige Hirn vollbringen konnte; Trauerfeiern, die Veröffentlichungen von Erinnerungen, Briefen, Anekdoten füllen alle Organe der zionistischen Bewegung. Nun wird sein großes Leben, von der Hand seiner Lebensgefährtin ihm nicht ein und der Rebbe schnaufte, hustete schwer mit seiner kranken Lunge und schrie, bis er heiser wurde. Diesen Moment benützten wir, um aus dem Zimmer zu schlüpfen und Anstalten für den „Glitsch" zu treffen. Man klammerte sich dann an einen Bauernschlitten, der gerade des Weges kam, schützte sioh, so gut es ging, vor des Bauern Peitschenhieben, und sauste in rascher Fahrt, am rechten Bein balancierend, den Hügel hinunter. Man blieb gewöhnlich nicht bei der einen „Tour", war längere Zeit mit allen Sinnen bei dem verwerflichen Vergnügen und merkte es nicht, als der Rächer nahte. Es war dies mein Vater, der tagsüber in einem nahegelegjenen Dorfe zu tun hatte und jetzt, wie immer, zu Fuß nach Hause zurückkehrte. Bart und Schnurrbart waren ein einziger Eiszapfen, die große Pelzmütze mit Reiff bedeckt, und die Hände, in deren einer er einen selbstverfertigten Stock hielt, steckten in großen Fäusteln. Trotz der Dunkelheit erkannte er seinen Sprößling sogleich an dem lustigen Gejohle, das alles übertönte. Ich war vernichtet. Er faßte mich bei der Hand, führte mich zurück, küßte umständlich die Mesuse und wandte sich in großer Verzweiflung an den Melamed. „Reb Srul", sagte er fast weinerlich, „zu diesem Zwecke zahle ich Ihnen monatlich einen Rheinisch (Gulden), damit sich das Jüngel auf dem Glitsch herumtreibt?" Wahrlich, es war nicht leicht, dein Rheinisch zu verdienen, das wußten beide sehr genau, sowohl mein Vater als auch der Melamed. Dieser suchte sich zu verteidigen, tat ganz zerknirscht und wälzte die ganze Schuld auf mich, dem „Schkuz" (Lausbub), der es sehr arg treibt. Weiter kam er nicht, denn es befiel ihn sein böser hartnäckiger Husten, er griff sich krampfhaft an die Brust, während sein Gesicht hochrot wurde. Die Rebezzin, welche die ganze Zeit wie schützend vor ihm stand, brachte ihm einen selbstgebrauten Trank. Der Melamed erholte sich, beteuerte wiederum seine Unschuld und schließlich ging mein Vater, ohne ein Wort zu sagen, fort, seine Schritte dröhnten unheilverkündend. Was hierauf geschah, davon könnten die krummen Wände unserer nunmehr zerstörten Holzstube vieles erzählen. Ich machte damals die Beobachtung, daß die Züchtigung mit einem selbstverfertigten Stocke mehr schmerzt als mit einem feinen, polierten Fabriksstöckchen, mit dem mich unser Apotheker traktierte, so oft er mich beim Aepfelstehlen erwischte. Jedoch bei uns zu Hause war alles ländlich: die Lebensführung, der Stock, die Züchtigung . . . Seit damals — es sind fast zwanzig Jahre verflossen — huldigte ich dem Wintersport nicht mehr. Die Skifahrten in den Alpen während der Kriegszeit nicht mitgerechnet, denn diese waren mit doppelter Lebensgefahr, seitens des Feindes und der Lawinen, verbunden. Erst neulich erinnerte ich mich jener Episode aus den Kinder jähren und das kam so: Auf einem großen Eislauf platz rannte mich ein ganz kleiner Bub, er mochte kaum vier Jahre zählen, heitig an, überschlug sich und blieb eine Weile liegen. Ganz erschrocken hob ich ihn auf, er aber lachte schelmisch, wischte den Eisschnee von seinen nackten Knien und wollte weiterlaufen. Darauf kam sein Vater, wart ihm seine Ungeschicklichkeit im Ausweichen vor, nahm ihn dann bei der Hand und begann mit ihm einige Kunstgriffe zu üben. Das stimmte mich nachdenklich, augenblicklich erinnerte ich mich der erwähnten Episode aus meiner Jugendzeit und beschloß, sie niederzuschreiben. Das soll mir eine teilweise Genugtuung für die damals erlittene Schmach und Schmerz sein . . . Der Vollständigkeit halber will ich noch bemerken, daß unser Melamed Reb Srul tot ist: es half weder der heiße „Molken" (Schafmilch), den er jeden Sommer trank, noch die ramponierten Eier, die er täglich schluckte. Auch der grobe Schal, den seine Frau für ihn strickte und den der Rebbe stets, Sommer und Winter, um den mageren Hals gewunden hatte, half nicht es half einfach nichts und der böse Husten brachte ihn zur Strecke . . . Die Rebezzin jammerte oft und sagte voraus, daß ihn das „Knallen" mit uns wilden Kindern die Lunge „auffressen" wird. Wirklich, ich zählte auch nicht zu den zahmsten unter ihnen, — Gott möge es mir verzeihen . . .

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