Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 8 (24.2.1928)
- Date
- 1928-02-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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QJ£ WAHRHEll teren und bequemeren Weg ins Pro-Palästina- Komitee zu. gehen. Was bezweckt nun dieses Komitee? Eine genaue Programmformulierung liegt bis nun in den Tageszeitungen nicht vor, nach deren Berichten über die Konstituierung und den Presseempfang — zu beiden Veranstaltungen wurde unsere Redaktion nicht eingeladen — handelt es sich hier um eine „politische, kulturelle und wirtschaftliche Förderung des Palästinaaufbaues". Wie in diesen Blättern schon so oft ausgeführt, kann man Palästina verschieden aufbauen. Der von uns gewünschte und natürliche Aufbau wäre die rein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführte Kolonialarbeit, die darnach strebte, eine möglichst große Anzahl von heimatlosen Juden im wesentlichen zu landwirtschaftlicher Betätigung zu bringen, und zwar im Sinne des religiösen Judentums. Wir gehen hier diesmal gar nicht darauf ein, daß der von jüdischnationaler Seite begonnene Aufbau Palästinas etwas ganz anderes will, nämlich politische Ziele verfolgt, aber wir fragen: Wie kann das politisch bedeutungslose und wirtschaftlich ruinierte Oesterreich den Palästinaaufbau fördern, welche politischen und wirtschaftlichen Interessen kann dieses arme Land mit dem noch ärmeren Palästina verbinden? Verbleibt die immerhin mögliche „kulturelle Förderung". Und nach dem oben erwähnten Interview Sokolows in der „Neuen Freien Presse" wird tatsächlich vor allem' „kulturelle Zusammenarbeit und kulturelle Unterstützung" gewünscht. Sokolow sagte sogar wörtlich: „Die Zusammenarbeit mit einem katholischen Staat dürfte um so ersprießlicher sein, als ich vom Papst wiederholt 3euilletct%, Eislaufen im Städtchen. Eine Erinnerung von J. Tiger. Winterabend in Ostgalizien. Wir saßen im dumpfen „Cheder" an die zwanzig Knaben in sehr zartem Alter zusammengepfercht um den langen Tisch mit der altmodischen Stehlampe. Jedes von uns Kindern mußte „für Petroleum"' zwei Kreuzer die Woche beisteuern, welche von der Rebezzin pünktlich eingefordert wurden. So oft man diese zwei Kreuzer von der Mutter verlangte, murrte sie, war sehr unwillig und meinte, daß sich die Rebezzin daran bereichere. Aber diese duldete keine wie immer geartete Ausrede und achtete darauf genau, daß ein jeder zahlte, zwei Kreuzer die Woche — keinen Heller weniger! ... Der Frost draußen war grimmig und es-tat gut, so vertraulich und eng beisammen zu sitzen. Alle waren wir gieteh gekleidet, nämlich schäbig und schmutzig. Man trug abgelegte und zerrissene Kleidungsstücke des älteren Bruders, schwere, eisenbeschlagene Röhrenstiefel, um die teuren Ledersohlen zu schonen. Oft trug man zwei oder drei Röcke übereinander, ..der Wärme halber", wie die Mutter sagte. Die Aermelenden des oberen Rockes waren stets mit einer dicken Kruste behaftet, da man sich ihrer gewöhnlich als Taschentücher bediente . . . Mutter konnte darauf nicht besonders achten, denn sie hatte wahrlich andere Sorgen; Brot, Kartoffeln und Geld für den Melamed, alles andere war nebensäcnlich . . . Im niederen, kleinen „Cheder", in welchem sich außer uns Schülern auch die zahlreiche Familie das Melamed aufhielt, war es feuchtwarm. Die Fenster wurden nie geöffnet und von den tiefblau getünchten Wänden troff es unaufhörlich. Die die Zusicherung erhalten habe, daß er dem Palästinaaufbau sehr freundlich gegenübersteht". Dies erklärt wohl auch zur Genüge das Interesse unseres Bundeskanzlers, ergibt aber auch den Grund dafür, weshalb die Sozialdemokraten abseits stehen und im Komitee nicht mittun wollen. Wie werden sich nun die österreichischen Juden zu diesem Komitee verhalten? In seinem Briefe an Sokolow schreibt Dr. Seipel: „Ich hege hohe Wertschätzung für den Idealismus, mit dem sich so viele Juden in allen Ländern, auch in Oesterreich, Opfer auferlegen, um dem zionistischen Kolonisationswerk die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen." Dr. Seipel hat recht, es wurden auch hier, selbst in unserem armen Lande große materielle Opfer von unseren Glaubensgenossen finden Palästinaaufbau gebracht, und werden wohl auch, wenn dies halbwegs möglich ist, weiterhin gebracht werden, aber dies geschah größtenteils nur aus religiösen und humanitären, nicht aus politischen Gründen. Denn den-politischen Zionismus lehnen die österreichischen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit entschieden ab. Was will dieser politische Zionismus? Einer der jüdischnationalen Vertreter im österreichischen Pro¬ Palästina-Komitee, Adolf Böhm, gibt in seinem Buche „Die zionistische Bewegung" folgende Definition: „Der Zionismus hat in irgendeinem Grade die Voraussetzung, daß die Verwurzelung der Juden in ihren Wohnländern nicht wünschenswert oder nicht restlos ausführbar, und die zweite, daß Palästina die wahre Heimat der zahlreichen Spalten der gebrechlichen Türe waren mit Stroh und Fetzen verstopft und wer sie von außen öffnete, wurde von einer Welle übelriechenden Dampfes empfangen, der aufstieg, wie in unserem primitiven „Merchez", der Badeanstalt, wenn der hinkende und halbblinde Schabhesgoj Iwan Mälegeire mit großer Wucht einen Scheffel siedenden Wassers über die rotglühenden Steine goß. Unter den Betten waren Kartoffel und in umfangreichen Fässern ein großer Vorrat <an eingestampftem saurem Kraut und sauren Gurken aufgespeichert. Das waren die wichtigsten Nahrungsmittel für den Winter. Brot backte man nur einmal in der Woche, am Freitag, aber schon am Montag war es fast verschwunden. Ein großer Teil wurde bis dahin aufgezehrt, den Rest verschloß die Mutter in ihrem Schrank und teilte kleine Rationen zu. Man solle sich nur mit Kartoffeln und Kraut sattessen, sagte sie oft, und wohl oder übel befolgte man ihren Ratschlag. Vor dem Hause des Rebbe war die Staffe hügelig, im Winter rutschten oft die Pferde aus, obwohl in ihren Hufeisen Stollen befestigt waren. Die Kutscher stiegen aus, hielten ihr Fuhrwerk mit aller Kraft zurück und atmeten erleichtert auf, wenn sie mit den Pferden unten heil anlangten. Für uns Kinder hatte dieser Hügel im Winter besondere Bedeutung — es war unser „Glitsch" (Eislaufplatz), wo wir uns nach stundenlangem, ununterbrochenem Hocken über den Büchern zu erholen pflegten. Zu diesem Zwecke verschafften sich die meisten von uns einen gewöhnlich selbstverfertdgten „Sporn'" (Schlittschuh) aus Buchenholz, an dessen Boden man ein Stück irgendwo gestibitzten, verrosteten Eisendrahtes anbrachte. Der ..Schlittschuh" wurde mit Hanfschnüren am rechten Bein befestigt und frisch-fröhlich ging man auf den „Glifech". Der Rebbe „knellte" (dozierte) vor einem begriffsstutzigen Schüler den schweren Wochenabschnitt, der den Bau der Stiftshütte und der Menorah behandelt. Der „verstopfte Kopf, wie ihn der Rebbe nannte, konnte sich jedoch Wieder die Konstruktion der Stiftshütte und ihres Vorhofes, noch die Anzahl der Röhren, Schalen, Knäufe und Blumen der Menorah merken. Die Pläne des genialen Bezalel leuchteten