Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 f^mmmmmmmmmm^ DIE WAHRHEIT Wahtiu^ -■■- / >t- TX^XT" ' "-"S9i-"- " ^-.^ :r*>&$&i^ Antisemitischer Proteststreik. Für den 14 d. M. hatten die Budapester antisemitischen Radaustudenten durch ihre Leitung, den Hauptausschuß der christlichnationalen S t u de n t e n v e r b ä n d e, einen Proteststreik gegen den Abänderungsentwurf der Regierung betreffend den Numerus clausus angesagt. Die Mitglieder dieser Verbände hielten sich von den Vorlesungen fern, außerdem standen Burschenschafter mit Knütteln bei den Eingängen der Universität und verhinderten die Studenten am Besuch der Vorlesungen. Der Stoßtrupp der Antisemiten, die Hörer der volkswirtschaftlichen Hochschule, stürmten mit Knütteln von Vortragssaal zu Vortragssaal und schwangen drohend die Stöcke gegen jene wenigen Hörer, die doch an den Vorlesungen teilgenommen hatten. Dabei wäre beinahe ein Priester, ein Geistlicher des Piaristenordens, Dr. Josef Sutak, von den „christlichen" Studenten geprügelt worden. Dr. Sutak forderte nämlich die Radaumacher auf, die Ruhe zu wahren. Die Studenten erwiderten, daß heute keine Vorträge stattfinden dürfen. Professor Dr. Sutak rief: „Dann müssen Sie mich von hier mit Bajonetten entfernen!" Einige christlichnationale Studenten wollten nun den geistlichen Professor beiseite schieben und in den Hörsaal eindringen. Professor Sutak klammerte sich jedoch mit beiden Armen an den Türpfosten und erklärte, daß der Weg in den Hörsaal über seine Leiche führt. Erst jetzt ließen die Studenten von weiteren Handgreiflichkeiten ab. Professor Sutak setzte seine Vorlesung fort und erstattete die Anzeige beim Rektorat wegen Einschränkung der persönlichen Freiheit. Am Ende der Vorlesungen begrüßten die Radaustudenten jene Professoren und Hörer, die es gewagt hatten. Vorlesungen abzuhalten, bzw. anzuhören, mit einem lauten Pfu ige brüll und Rufen: „Es lebe der Numerus clausus!" Zwei jüdische Studenten, die einer Vorlesung des Professors K o r n i s z beigewohnt hatten, konnten nur unter dem persönlichen Schutz des Professors unbehelligt das Freie gewinnen. Im ungarischen Parlament wird übrigens die Debatte über den Numerus clausus in Abwesenheit der Mitglieder der Regierungspartei durchgeführt. Der Unterrichtsminister hat den Lehrbetrieb so lange eingestellt, bis die^, Studenten erklären, die Vorlesungen nicht mehr stören zu wollen. Rumänisches Verbot einer Rabbiner-Rede. Die jüdische Gemeinde von Klausenburg hat beschlossen, die Rede, die Oberrabbineir Dr. Leopold Kecskemeti bei der Bestattung der Thoraüberreste gehalten hat, in Druck erscheinen zu lassen. Die Zensur hat jedoch auf ^direkte Weisung des Unterstaatssekretärs Tatarescu hin. der sich den Inhalt der Rede telephonisch übermitteln ließ, die Veröffentlichung der Rede verboten. Keine Zulassung der Juden zur Höhle Machpelah. Der Oberste Mosiemjtische Rat dementiert die Meldung, wonach er den Zutritt zur Höhle Machpelah den Nichtmohammedanern gestattet hätte. Es ist interessant, daß die jüdischen Zeitungen Palästinas bereits gegen die Höhe der Eintrittsgebühren zur Höhle Machpelah Stellung genommen haben. Es scheint sich hier somit eher um die Rückgängigmachung als die Nichtfassung eines Beschlusses zu handeln. Das Elend in Palästina. Wie das gegenwärtige jüdische Palästina aussieht, von dieser verzweifelten Situation macht man sich im Ausland keinen Begriff. In hundertem Familien hungern Eltern und Kinder, und es gibt nicht wie im Ausland Instanzen, an die sie sich wenden können. Daß Arbeiter und sonstige Angestellte der Privatbetriebe Schwierigkeiten haben, ihren Lohn zu bekommen und mitunter mehrere Monate Gläubiger ihrer Arbeitgeber sind, ist in Palästina eine alltägliche Erscheinung. Die seit Jahren unpünktliche Gehaltszahlung der von der zionistischen Organisation unterhaltene n Beamtenschaft gab das Beispiel. Hoffentlich findet nicht auch-der-Rekord Nachahmung, daß jetzt mehr als [ Soeben erschienen: JOSEPH KAPLAN 5 j Im siebenten Himmel I ■ Ernste und heitere Skizzen — mit einer Photographie des S » Verfassers. 205 Seiten, in Halbleinen gebunden Rvi. 3*50 : Ein Buch ergreifender Tragik und sprühenden Humors : ■ In einer originellen Sprache zeigt uns der Verfasser u. a. den 5 ■ Chassid von der lustigsten Seite. — Vom wundertätigen Hof- | S Schneider, der den siebenten Himmel erreicht; von Kapazk, der S ■ vergessenen Stadt; von dem Armen, den das große Los zu Boden 5 ■ schmettert; von Kalmen, dem Schnorrergenie; von einer seltsamen : Reise durch Polen; vom Chassid, der in. die Lage kommt, zwei S; Stunden lang russischer General sein zu müssen — und von noch £! vielen anderen lustigen Dingen erzählt uns dieses erquickende ■ : Buch, dessen Typen uns unvergeßlich bleiben. S : Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt vom; : Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig C 1, Brühl 8 [ 500 Lehrer und die anderen Beamten der Organisation seit „sieben Monaten das Gehalt zu fordern haben. Eigenartige Intelligenz-Prüfungen für Einwanderer. Das Gesundheitsamt der Vereinigten Staaten hat der Jüdischen Wanderschutz-Gesellschaff Hias mitgeteilt, daß es zwei Psychiater nach Warschau entsandt habe, um die 'gegen das dortige Konsulat erhobenen Klagen betreffend eigenartige Methoden bei der Prüfung der Intelligenz der Einwanderer zu untersuchen. Beamte des Konsulates sollen, um die geistige Gesundheit und Reife jüdischer Einwanderungsbewerber zu prüfen, an diese ganz lächerliche Fragen gestellt haben, die geeignet waren, die Bewerber zu verwirren und lächerlich zu machen. So zum Beispiel hat ein Beamter einer jüdischen Frau die folgenden Fragen gestellt: Wieviel Federn hat eine Gans mehr als eine Ente? Worin unterscheidet sich ein Mann von einer Frau? Wieviel Beine haben drei Menschen und zwei Kükem? Die Geprüften gerieten über solche Fragen in Verwirrung und' Erregung und wurden dann als geistig unter Durchschnitt von der Einwanderung ausgeschlossen. Die Gesellschaft Hias hatte ge&en diese eigenartigen Methoden beim amerikanischen E i n wa n der ungsam t Klage geführt. Kol-nidre als — Charleston! Hier hat selbst Rabbi Ben Akiba versagt — das ist bisher denn wirklich noch nicht dagewesen. Die in Berlin auf vielen großen Bällen spielende russische Musikkapelle Iwanoff. und zwar auf Bällen, wo die Mehrzahl der Besucher Juden sind, spielt eine Potpourri jüdischer Melodien, das mit K o 1 - n i d r e beginnt, als Tanzstück. Das Stück schließt mit Moaus zur, das außergewöhnlich „zündend"' wirkt und daher stark bejubelt wird, was zur Wiederholung zwingt Wie es scheint, sind die Musiker keine Juden, denn man kann annehmen, daß auch ein religiös noch so freidenkender Jude wohl kaum als Jude so tief sinken würde, Kol-nidre als Tanz aufzuspielen. Das ist genau so geschmacklos, als wenn ein Kirchenchoral dazu herabgewürdigt wird. Die Mischehen unter den deutschen Juden. Eine Statistik über konfessionelle Mischehen zeigt, daß die Mischehen unter den deutschen Juden seit 1901 eine Zunahme erfahren haben, die ihren Höhepunkt in der Zeit des Weltkrieges erreicht. Danach findet eine Abnahme - statt, auf die wiederum eine leichte Steigerung folgt. Von 100 jüdischen Männern und von 100 jüdischen Frauen gingen eine Mischehe ein: im Jahre 1901 8 Prozent Männer und 8 Prozent Frauen: im Jahre 1908 12 Prozent Männer und 10 Prozent Frauen; im Jahre 1912 15 Prozent Männer und 11 Prozent Frauen; 1914: 23 Prozent Männer und 18 Prozent Frauen; 1915 40 Prozent Männer und 27 Prozent Frauen; 1918 27 Prozent Männer und 17 Prozent Frauen; 1921 17 Prozent Männer und 12 Prozent Frauen und im Jahre 1923 21 Prozent Männer und 13 Prozent Frauen. Die in Berlin abgeschlossenen Mischehen waren stets erheblich höher als im gesamten Reiche. Es gingen beispielsweise Mischehen ein: Von 100 jüdischen Männern im Jahre 1901 17 Prozent in Berlin und 8 Prozent in •Deutschland; im Jahre 1923 27 Prozent in -Berlin und 21 Prozent in Deutschland.