Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 jtiuiiiyn;iii!i!HHiiiiHUM 01£ W AtiKHEM tum ist eine religiöse Weltanschauung. Ohne diese kann das Judentum nicht bestehen, Sie wünschen ebenso, wie wir, daß die Entwicklung unserer Jugend, welche unsere Zukunft bedeutet, nach aufwärts erfolge, dann müssen Sie aber auch mit uns alles wegräumen und wegschaffen, was dieser Entwicklung entgegensteht, Sie müssen mit uns gemeinsam bahnen den Weg und wegschaffen alles Strauchwerk, das entgegensteht, weshalb ich Ihnen die Worte des Propheten ein wenig variierend zurufe: „Bahnen Sie mit uns den Weg und schaffen Sie weg das Strauchwerk, das die jüdisch-religiöse Entwicklung und Erziehung der Jugend unseres Volkes behindert." Die Lehrerkonferenz am 21. Jänner 1928. Von Inspektor Prof. Dr. Heinrich R e d i s c h. In den letzten Wochen war ich der Zielpunkt maßloser Angriffe gewesen, welche in den zionistischen Wochenblättern „Die neue Welt" und „Die Stimme" anläßlich einer von mir in der Konferenz der israelitischen Lehrer am 21. Jänner d. J. gehaltenen Rede veröffentlicht wurden. Ich habe mit der Antwort auf die gegen meine persönliche Ehre gerichteten Invektiven bis zur Erledigung des Budgets in der Kultusgemeinde gewartet, weil ich wohl annehmen konnte, daß der Kampf gegen meine nunmehr plötzlich und gegen meinen Willen in den Mittelpunkt heftiger Diskussionen gestellte Person gelegentlich der Budgetdebatte auf der ganzen Linie von neuem losbrechen würde. Letzteres ist nicht geschehen. Unterdessen hat der Obmann der Unterrichtskommission der Kultusgemeinde. Herr Dr. J. T i c h o, in der vorletzten Nummer dieses Wochenblattes die in den zionistischen Blättern tendenziös und nicht wahrheitsgemäß geschilderten Vorgänge in der Konferenz klar und deutlich und für jeden, der unvoreingenommen der unliebsamen Affäre gegenüberstand, auch überzeugend dargestellt. Ich will nunmehr die Ausführungen des Herrn Dr. Ticho ergänzen und vor allem meine persönliche Stellung zu den unerhörten Anklagen, die hageldicht auf mich herabsausten, charakterisieren. Ich hatte für den 21. Jänner eine Lehrerkonferenz einberufen mit der Tagesordnung: „Vorschläge zur Reform des Lehrplanes für den Religionsunterricht an der Grund- und Hauptschule". Zu dieser Konferenz hatten sich die im städtischen sowie die im Dienste der Kultusgemeinde stehenden Religionslehrer und einige Mitglieder des Kultusvorstandes, unter ihnen Herr Vizepräsident Dr. O r n s t e i n und der Obmann der Unterrichtskomission Dr. Ticho eingefunden. Ich eröffnete die Sitzung mit einem Nachruf auf den verstorbenen Oberrabbiner Dr. C h a j e s und erstattete dann einen ausführlichen Inspektionsbericht. Hierauf erhielt eine Lehrerin das Wort zu einem Referat über den Lehrplan in der biblischen Geschichte, an welches sich eine lebhafte Debatte anschloß. Die Sitzung nahm einen ruhigen und würdigen Verlauf; da wurde plötzlich von einer Seite ein Vorstoß unternommen. Eine Lehrerin erklärte, sie erzähle in der ersten Klasse jüdische Sagen und Märchen und sie werde sich, fügte sie mit einer gewissen Herausforderung hinzu, um den neuen Lehrplan nicht kümmern. Ich wies die kampfesfrohe Lehrerin in die Schranken und sagte ihr, daß ich, falls sie den vorgeschriebenen Lehrplan nicht befolgen werde, die Anzeige beim Stadtschulrate zu erstatten mich bemüßigt sehen würde. In den zionistischen Zeitungen wurde dieser Zwischenfall so dargestellt, als hätte ich auf die Bemerkung der Lehrerin, daß sie den Schülern jüdische Sagen und Märchen erzählen werde — ein Vorgang, gegen den ich nicht das geringste einzuwenden habe, — mit der Anzeige an den Stadtschulrat gedroht. Bald darauf erfolgte ein neuer Vorstoß. Ein Lehrer, der sich zum Worte gemeldet hatte, stellte die Behauptung auf. daß alle Reformen im Unterricht wirkungslos „bleiben würden, die Schüler müssen judaisiert werden und das könne nur in der k o nfessionellen jüdischen Schule geschehen, das jüdische Kind gehöre in die jüdische Schule. Ich führte nun in längerer Rede aus, daß ich mit der Errichtung von. jüdischen Schulen vollständig einverstanden Wn, ich bin ja auch aus diesem Grunde jederzeit für das jüdische Realgymnasium und die Talmud Thora-Schule eingetreten, der konfessionellen Zwangsschule jedoch könne ich das Wort nicht reden. Ich erblicke in dem Wunsche nach der konfessionellen Schule geradezu eine Gefahr und berief mich bei dieser Gelegenheit auf Ausführungen hervorragender Philosophen, Schulmänner und Schriftsteller in Deutschland, darunter auch Albert Einsteins, welche sich in der „Sächsischen Lehrerzeitung" vom 9. September 1927 einmütig gegen die konfessionelle Schule ausgesprochen haben und bei Einführung derselben Herabminderung des allgemeinen Bildungsniveaus, Knebelung der Wissenschaft. Verschärfung der konfessionellen Gegensätze befürchten. Bei diesem Teil meiner Rede war jedes Mißverständnis ausgeschlossen und ich war nicht wenig überrascht, als in der Budgetdebatte der Generalredner der Zionisten Herr Dr. Desider Friedmann sehr ausführlich auseinandersetzte, daß die zionistische Partei die Errichtung von jüdischen Schulen verlange, die obligatorische konfessionelle Schule jedoch nicht wünsche. Dr. Friedmanns Ausführungen deckten sich somit vollständig mit den meinen und es ist daher geradezu unbegreiflich, warum ich in so stürmischer Weise in den zionistischen Blättern wegen meiner Stellung zur Schulfrage angegriffen wurde. Es läßt sich nicht leugnen: zwischen dem Verhalten der Zionisten unmittelbar nach der Konferenz und in der Budgetdebatte klafft ein unüberbrückbarer Widerspruch. Es ist geradezu absurd, zu behaupten, ich hätte in derselben Sitzung, in welcher ich dem Oberrabbiner einen ehrenden > Nachruf gehalten hatte, nachher sein Andenken herabgesetzt. Dr. Ticho hat die Sachlage klargestellt und ich will das Gesagte nicht mehr wiederholen. Ich will bei dieser Gelegenheit betonen, daß mir erst vor zwei Tagen ein prominentes Mitglied der zionistischen Partei versicherte, es sei ihm bekannt, daß der verstorbene Oberrabbiner mich persönlich geschätzt hat, und gerade in diesen Tagen habe ich es so recht empfunden, welchen Verlust ich persönlich durch den Tod des Oberrabbiners erlitten habe. Chajes hätte ein derartiges Kesseltreiben, wie dasselbe von den Zionisten gegen mich inszeniert wurde, unter keinen Umständen geduldet. Des weiteren wurde ich beschuldigt, gesagt zu haben, die zionistischen Veranstaltungen seien nicht geeignet, die von den Freidenkern hervorgerufene Abfallsbewegung zu hemmen. In Wirklichkeit habe ich ganz allgemein von jüdischen Versammlungen gesprochen und erst durch einen Zwischenruf veranlaßt, habe ich auch die zionistischen mit einbezogen, Der Sinn meiner Worte war: In den Versammlungen der Freidenker werden Weltanschauungsfragen behandelt, während in den jüdischen Versammlungen, zionistischen und nicht zionistischen, Vorträge gehalten werden über jüdische Geschichte, hebräische Literatur, nationale Fragen usw., die an und für sich sehr interessant und instruktiv, aber ihrem Wesen nach nicht geeignet sind, der Abfallsbewegung Einhalt zu tun. Würden sich die Zionisten entschließen, in ihren Versammlungen gleich den Freidenkern Weltanschauungsiragen zu besprechen, dann würden sie vielleicht die Abfallsbewegung zum Stillstand bringen und dies gilt in gleichem Maße auch von den von nichtzionistischer Seite einberufenen Versammlungen. Es gehört ein großes Stück Dialektik dazu, in diesen meinen Ausführungen eine Beleidigung des Zionismus zu erblicken. Die Fama hat es zuwege gebracht, orbi et urbi mit-weittönender Stimme zu verkünden, daß ich den Weihnachtsbaum in jüdischen Häusern propagiere. Hier sind meine Worte gründlich entstellt und der Sinne meiner Rede gerade in das Gegenteil dessen, was sie sagen wollte, gewendet. Ich habe gesagt, daß ich die Unsitte, Weihnachtsbäume in jüdischen Häusern aufzustellen, jederzeit auf das schärfste bekämpft habe. Diejenigen, welche einst meine Schüler waren, wissen sicherlich zu erzählen, daß ich diesen Unfug durch die Feststellung ironisierte, daß es gewöhnlich Dienstmädchen und Gouvernanten waren, welche dem Weihnachtsbaum Eingang in jüdische Häuser verschafften. Einer mir anhaftenden - Gewohnheit, gewisse Erscheinungen wissenschaftlich zu erklären, folgend, führte ich aus, der psychologische Grund für die Verbreitung des Christbaumes unter den Juden sei in dem in der vergleichenden Religionsgeschichte bekannten Synkretismus zu suchen. Die Schlußfolgerung jedoch, die ich aus dieser Tatsache zog, war nicht die Meinung, man solle den Christbaum ruhig in jüdischen Häusern belassen, sondern die ernste Mahnung, dafür zu sorgen, daß auch diejenigen, welche in ihren Häusern den Christbaum anzünden, unter allen Umständen dem Judentum erhalten bleiben. Es ist absolut unwahr, daß ich für die Einführung der Orgel plädiert habe. Ich habe gesagt, es sei dringend notwendig, sich mit religiösen Fragen, und dazu gehört auch die Frage des Ritus, zu beschäftigen. Bestimmte Vorschläge habe