Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 7 (17.2.1928)
- Date
- 1928-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT miiiiiiiMHiMiiMiiimmiHiiiiiiiiiMiiiHiiiw Seite 5 tragen werde. Ich betone hierbei ehrlich und offen, es kann sich hierbei nur um religiöse Schulen handeln, nicht um politische, nicht um nationale Anstalten, nicht um nationale Schulen, die aus welchen Gründen immer ins Leben gerufen werden sollen oder bereits bestehen. Nur um religiöse Schulen kann es sich handeln. Auf die Frage, was eine religiöse Schule ist, habe ich zu antworten, daß ich darunter eine Schule verstehe, welche nicht in politischer, nicht in nationaler Hinsicht die Erziehung des Kindes beeinflußt, sondern lediglich auf die lückenlose religiöse Erziehung des Kindes eingestellt ist und sie vom Eintritt des Kindes in die Schule angefangen bis zu seinem Austritte konsequent durchführt. Wenn sie einen We.g zur gemeinsamen Arbeit finden wollen, so liegt er klar vor uns geebnet. Wir können ohne weiteres zusammenarbeiten, wenn es sich um die r e 1 i g i ö s e Erziehung der Kinder handelt, wir können bestehende religiöse Schulen ausgestalten und unterstützen, immer unter der Voraussetzung, daß sie religiös sind, weil wir dadurch ein religiöses Bedürfnis der Eltern befriedigen. Sie müssen aber ebenso offen und ehrlich, wie ich es äußere, sich darüber erklären, ob sie religiöse oder nationale Schulen wollen. Zur Unterstützung religiöser Schulen werden sie uns bereit finden, zur Unterstützung nationaler nicht. Hierbei muß ausdrücklich hervorgehoben werden, daß an der großen Errungenschaft der Simultanschule nicht gerüttelt werden darf, und daß nur in jenen Ausnahmsfällen, in welchen religiöse Eltern ihre Kinder nicht in die öffentlichen Schulen senden wollen, um sie desto religiöser erziehen zu können, die Kultusgemeinde durch Unterstützung religiöser Anstalten auch diesem Bedürfnisse Rechnung tragen soll. Wenn Sie daher unter jüdischer Erziehung der Jugend nichts anderes verstehen, als die religiöse Erziehung der Jugend, so können Sie mit uns gehen und wir mit Ihnen. Denn stets wird uns der Grundsatz leiten, daß unsere Aufgabe darin besteht, für die religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung z u sorgen. Wir werden daher bei Unterstützung und Errichtung von Schulen in erster Linie uns stets die Frage vorzulegen haben, ob es eine solche Schule ist, welche religiösen Unterrichtszwecken dient, und werden dann diese Unterstützung versagen, müssen, wenn es sich nicht um eine religiöse, sondern um eine nationale Schule handelt. Unser Hauptaugenmerk bleibt stets darauf gerichtet, für den Religionsunterricht zu sorgen. Diesem Gedanken müssen alle anderen untergeordnet werden, alles andere muß in die zweite und dritte Linie rücken. Ein weites Feld gemeinschaftlicher Arbeit dehnt sich vor unseren Augen aus. Es gilt, unsere Jugend religiös zu erziehen und alles wegzuschaffen und wegzuräumen, was irgendwie dies zu hindern oder in ihrer Entwicklung zu hemmen geeignet ist. In diesem Zusammenhange soll auch von der Abfallbewegung gesprochen werden, weil diese hier mehrfach hervorgehoben wurde, und ganz unrichtige Schlüsse hieraus gezogen wurden. Die Abfallbewegung ist nahezu zu einem Schlagworte geworden. Die Juli-Ereignisse haben eine von sozialdemokratischer Seite betriebene lebhafte Agitation für den Austritt aus der katholischen Kirche hervorgebracht und wird von derselben Seite behauptet, dai.» vom Juli 1927 bis Dezember 1927 gegen 30.000 Personen die katholische Kirche verlassen haben. Wird berücksichtigt, daß die jüdische Bevölkerung Wiens ungefähr 200.000 ausmacht, also neun Prozent der Gesamtbevölkerung, so hätte im gleichen Verhältnisse aus der israelitischen Religionsgemeinschaft 2700 Personen austreten müssen, während die amtlichen statistischen Ausweise des Matrikelamtes bloß den Austritt von 1063 Personen im Jahre 1927 melden. Nun sind aber ebenso viel Personen im Jahre 1920 ausgetreten. Im ganzen sind um 150 Personen mehr ausgetreten, als im Vorjahre, was gewiß zu keiner Besorgnis Anlaß geben kann. Man kann selbst in diesem Mehraustritte kein Symptom erblicken, da im Jahre 1922 um 230 Personen mehr ausgetreten sind, gegenüber dem Jahre 1926. Man kann diese Differenz ohne weiteres negligieren. Es ist daher ganz und gar unwahr, wenn in verschiedenen nationalen Blättern behauptet wird, daß eine starke Abfallbewegung eingetreten sei, daß die Kultusgemeinde hierzu schweige, und es erübrigt sich daher, über die Ursachen der Abfallbewegung zu sprechen, weil die Mehraustritte von 150 Personen gar keine Bedeutung haben, und daher jedwede Erörterung überflüssig ist. Hierzu kommt aber, daß die Dispensabilität des Ehehindernisses der Religionsverschiedenheit leichter zum Austritte führt, und daß die Zunahme der Mischehen zwischen Juden und Katholiken eine auch im Auslande viel beobachtete Erscheinung ist. Man kann übrigens aus der Statistik alles nachweisen, was man will, die Mehraustritte von 150 Personen können ebenso gut auf Zufälle zurückzuführen sein und würde deren Erforschung gar nicht möglich sein. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß gegenüber der in der katholischen Kirche erfolgten Austrittsbewegung in der israelitischen Religionsgesellschaft nur ein Drittel des Prozentsatzes erreicht wurde. Man muß entschiedenst dagegen Stellung nehmen, daß derartige Ziffern in marktschreierischer, beinahe möchte ich sagen, reklamehafter Weise in den öffentlichen Blättern verbreitet werden, wobei dem Vorstande der Kultusgemeinde mit Unrecht der Vorwurf gemacht wird, daß diese Abfallbewegung auf eine Lässigkeit desselben zurückzuführen ist. Man handelt gewiß nicht gut und keinesfalls vernünftig, wenn man derartige Dinge aufbauscht. Man kann insbesondere nicht wissen, bei wie vielen Personen, der Gedanke, aus der angestammten Religion auszutreten, die Schwelle des Bewußtseins gar noch nicht betreten hat, und erst durch diese marktschreierische Reklame der Austritt veranlaßt wird. In dasselbe Kapitel gehört die gleichfalls in nationalen Blättern wiederholt verbreitete Nachricht, daß jüdische Eltern den Austritt ihrer Kinder aus dem Religionsunterrichte verlangen, daß zu diesem Zwecke Drucksorten verwendet werden und daß solche Abmeldungen vom Religionsunterrichte zahlreich wären. Im ganzen sind bisher fünf Abmeldungen eingelangt, von welchen drei bereits zurückgezogen sind! Die Unterrichtsverwaltung ist stolz darauf, daß sich allen, welche ehrlichen Willens sind, für die religiöse Erziehung der Jugend Sorge zu tragen, ein weites Feld der Betätigung eröffnet. Das Juden-