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Die Wahrheit · 1928-02-10 · Heft 6 (10.2.1928) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 6 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DE WAHRHEIT fflaktkeifairemfäge Kunrt und Literatur Geschäftstüchtig. Im letzten „Hammer" des Altmeisters der deutschen Antisemiten Theodor Fritsch lesen wir folgende wahrlich sehr intenessante Erklärung: „In eigener Sache.": Seit einiger Zeit häufen sich in der Schriftleitung Bitten um Auskunft über völkische und judengegniörische Angelegenheiten, deren Beantwortung, wenn sie mit der vom Anfragenden vorausgesetzten Gründlichkeit und Ausführlichkeit erfolgen soll, die Kräfte der Schrdftleitung bei weitem übersteigt. Nicht selten erfordern sie umständlliche Rückfragen an Dritte und eingehende Feststellungen in Bibliotheken. Es ist klar, daß wir eine Verpflichtung zu soichen Auskünften keinesfalls anerkennen können. Um aber doch unser Material und unsere Erfahrungen der Allgemeinheit nach Kräften nutzbar zu machetn, werden wir in Zukunft diejenigen Anfragen, die. von einem angemessenen Beitrag für den Streitpfennig (der ja nicht uns persönlich, sondern ausschließlich der Verfechtung allgemein-völkischer Belege zugute kommt) begleitet sind, nach wie vor nach bestem Wissen und Gewissen beantworten, während wir die übrigen zu unserem Bedauern auf sich beruhen lassen müssen. Sapienti sat. Kein Zeugenzwang an jüdischen Feiertagen! Das Breslauer Oberlandesgericht gab der Beschwerde 'eines jüdischen Kaufmanns statt, der wegen Fernbleibens von einer Verhandlung am Jaum Kippur, zu der er als Zeuge vorgeladen .war, zu einer Ordnungsstrafe von 20 Mark und Tragung der durch sein Ausbleiben entstandenen Kosten verurteilt worden war. Diese Entscheidung hat das Oberiandesgericht u. a. wie folgt begründet: Der Beschwerdeführer hat sich auf Artikel 135, Satz 2, der Reichsverfassung berufen; diese Bestimmung gibt die G ewährleistung der ungestörten Religionsausübung, die unter staatlichem Schutze steht. Der Justizminister hat in Betreff der Juden am 2. August 1873 angeordnet, daß die Gerichte, soweit es die Umstände gestatten, nicht die jüdischen Sabbath- und Festtage zu Termintagen wählen. Nur wenn_es sich um eine Sache von besonderer Bedeutung handelt, eine Schwurgerichtsverhandlung etwa mit mehrtägiger Dauer, die eine Termsnverlegung schwer verträgt, dann ist von den Zeugen zu verlangen, daß er selbst das religiöse Gebot dem überwiegenden öffentlichen Interesse unterzuordnen hat. Hier aber bot die Verlegung des Termins keinerlei Schwierigkeiten, war also dem Zeugen, <äer sonst am höchsten Feiertag seines Glaubens dem Gottesdienst nicht hätte beiwohnen können, zu bewilligen. Stresemann als Ostjudenprotege. Die „Nationalliberale Korrespondenz" beklagt sich über einen Artikel des offiziellen Nachrichten Mattes der Deutsch nationalen Volkspartei Beriin- Schöneberg, in dem es heißt: „Es ist klar, daß Stresemann der ungeeignetste Mann für nachdrückliche Vertretung der deutschen Beilange ist. Wie kann man es auch von einem Mann verlangen, der das Bestehen seiner Partej und damit seine Minister stel Jung nur der Freigebigkeit eines Ostjuden verdankt, nicht etwa der mutigen Verteidigung des deutschen Volkes gegenüber seinen rachgierigen Feinden." Mit wehmütiger Resignation fügt die „Nationalliberale Korespondenz" hinzu, daß dieser „tiefbedauerliche Ausfall" einer parteioffizieilen deutschnationalen Stelle „nicht vereinzelt" dastehe. Die in unserem Blatte in fortgesetzter Artikelserie veröffentlichte Arbeit von Medizinalrat Dr. Heinrich Haase: „Religion oder Illusion?" — eine Auseinandersetzung mit dem jüngsten Buche Professor S. Freuds: „Die Zukunft einer Illusion", erscheint demnächst im Verlage von Moritz Perl es. Wien L, Seilergasse 4, und ist dtfrcb denselben, sowie durch die Wiener Buchhandlungen zu beziehen. . MAYER Universitätsvorträge des Maimonides-Institutes. Mittwoch, den 1. Februar, hat Herr Rabbiner Doktor A. Kaminka seine Vortragsreihe im Hörsaal Nr. 34 der Wiener Universität eröffnet, welche schon im Vorjahre den bewährten Ruf des Maimonides-Institutes vermehrt haben. Die Eröffnungsvorlesung wurde von zirka 150 Zuhörern besucht, worunter die Studentenschaft aller Fakultäten stark vertreten war. . Der Redner hatte sich diesmal die dankenswerte Aufgabe gestellt, nachzuweisen, daß Judentum und Christentum insoferne in ethischer Beziehung eine Einheit bildein, aäs sich im neuen Testament nicht eine Zeile findet, welche nicht im rabbinischen Schriftum ihre Erklärung fände. Das .trifft auch bei Paulus zu, auf den die Trennung zurückzuführen ist. Viele der unter seinem Namen überlieferten Briefe sind erst im 2. Jahrhundert verfaßt und nur ihm zugeschrieben. Die in ihnen enthaltene Ethik stammt von jüdischen Zeitgenossen, was an zahlreichen Zitaten erwiesen wird. Mit gebührendem Nachdruck tritt Dr. Kaminka dem Schlagwort vom „Fluch des Gesetzes" entgegen und berichtigt dasselbe durch den Hinweis, daß sich „Gesetz" stets mit Sittliichkeitsgeboten deckt, mit Forderungen der Wohlanständigkeit. Eingehend wurde die zentrale Gestalt unter den Zeitgenossen von Paulus, Rabbi Jochanan ben Sakkai beleuchtet, besonders im Zusammenhang mit der Schule H i 11 e 1 s. Der grandiose Hymnus auf die Liebe, im XIII. Korintherbrief hat seine Vorläufer in den Psalmen, in Habakuk, dem Hohen Liede, in Hilleis Wahlspruch (auhev eth habrioth), dem Spruche R. Jochanans: „Das größte Glück ist ein gutes Herz" u. a. Größer konnte die liebe zu Gott sich nicht erweisen, als daß sie stärker wie der Tod war bei den zahlreichen Märtyrern, die ihr Leben hingaben, um nicht die Statue des Kaisers Caliguia anbeten zu müssen. Die Propagandatätigkeit des Apostel Paulus war nichts absolut Neues. O n k e 1 o s und die Ueibersetzung der Propheten ins Aramäische stammen aus der Zeit vor Paulus, der seine Erfolge nur der Existenz jüdischer Kolonien an den Küsten des Mittelmeeres verdankte. Die Ausbreitung jüdischer Ideen erweisen die zahlreicher^ Proseliten (Königin Helene von Adiabene), die besonders in Unteritalien und Rom dem Satyriker J u v e n a 1 Anlaß zu Verhöhnungen gaben. Der „Er3öser"-G€danke findet in J e s a i a auf die Kinder der Lehre Gottes seine Anwendung. Vom Juden Hyrk an stammt fast wörtlich der Text des „Vater Unser". Die großen Gedanken, daß es im Leben bloß auf die Gesinnung ankommt, daß, nur, wer nicht in Gott wandelt, keinen Anteil an der Seligkeit habe, waren im Talmud zu Paulus Zeiten schon Gemeingut der in den späteren Evangelien so oft geschmähten Juden. Medizinalrat Dr. H. Haase. * * * Die folgenden Vorlesungen finden wie folgt statt: Jeden Montag, halb 7 Uhr abends, Hörsaal 34 der philosophischen Fakultät, „Erklärung des zweiten Teiles Jesaja, unter Berücksichtigung der Septuagm,ta". Jeden Mittwoch, halb 7 Uhr abends (im .selbem Hörsaal) religionsgeschichtlicher Zyklus, und zwar am 8. Februar: „Lehre und Lebensschicksal des Rabbi Akiba", 15. Februar: „Rabbi Meir und seine Zeitgenossen". 22. Februar: „Rabbi Jehuda Hanassi und Markus Aurelius Antoninus", 29. Februar: „Rabbi Jochanan und Resch Lakisch". Es werden dann in diesem Semester Vorträge über die Ethik des Talmuds, die Ausbreitung des Judentums in Europa und die Zeit der Gaonim folgen. | In meiner mit allem Komfort ausgestatteten Wohnung S : (Klavier. Bad. Telephon) in Wien finden 1 oder 2 junge 5; Herren aus guter religiöser Familie ■ feine Pension : mit streng ritueller Verpflegungr. Anfragen telephonisch ■ : Nr. 43-4-72. Zuschriften unter „Familienanschluß" an die : ■ Administration des Blattes. ■ Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern ene naOabielliintf Zentrale: Wien II.« Glockengasse 24 Tel. 48-4-79 FQr KiiKucbaamte und VarelnsfunktlonSre gegen Legltlmatlpn 10*/. Nachlaß ,

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