Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 6 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEU jiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHim Stift 1 Richtung sorgt, und daß die „großen Geschäftsleute" der Agency gewillt sind, mit manchen unrationellen Projekten der Radikalen von rechts und links kurzen Prozeß zu machen. Die Haltung der Juden gegenüber dem Zionismus variiert je nach ihrer geistigen und materiellen Lage. Bei den wohlhabenden Westjuden ist der Zionismus mehr oder weniger eine Philanthropie und unvereinbar mit der Treue gegen ihr Adoptiv-Vaterland. Die Assimilation der Westjuden ist bereits so weit fortgeschritten, daß eine Rückkehr zum Nationaljudentum unmöglich erscheint. Der erste zionistische Kongreß mußte statt .in München in Basel zusammentreten, da die Juden dieser deutschen Stadt dagegen opponierten. Obgleich der Zionismus für liberale Juden zu orthodox gewesen ist, haben einige orthodoxe Juden ihn zu liberal gefunden. Die Vereinigung der deutschen Rabbiner erklärte im Jahre 1897. daß „die Be- strebungen der Zionisten, einen Nationalstaat im heiligen Lande zu errichten, im Widerspruch zu den messianischen Verheißungen stünden", nach welchem Gott selbst sein auserwähltes Volk nach Palästina führen werde. Der Streit, der sich bald um die Führung im Zionismus erhob, endete mit dem Siege der Konservativen, besonders als die orthodoxen „Misrachi" sich ihnen anschlössen. Der philanthropische und ökonomische Zionismus erhielt eine nationalistische und religiöse Färbung. Wie Felix Wartburg es sehr klar ausdrückte: „Wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung kann von jedem geleitet werden, doch nur Palästina ist imstande, eine hohe wirtschaftliche Entwicklung mit geistiger Wiedergeburt zu vereinen". Nach Professor Gottheil von der Columbia Universität ist „Nationalismus das innerste Wesen des Zionismus". Es versteht sich, daß einzig das religiöse Motiv die meisten Juden dazu treiben kann, in Palästina zu leben. Die „Misrachi" zwingen die zionistische Verwaltung, die Ansiedler die jüdischen Religionsgesetze befolgen zu machen. Viele glauben, daß ohne die Inspiration des Zionismus das jüdische Volk durch Absorption verschwinden wird oder, wie Max Nordau sagte, „die Juden werden entweder Zionisten werden, oder sie werden ganz aufhören, zu existieren". Andere hoffen, daß die Juden als Nation in Palästina einen natürlichen Beitrag zur Kultur leisten werden. Unter die westlichen Nationen zerstreut, haben die Juden sich als sehr wertvoll gezeigt, aber diese Leistung ist nur im Westen gewesen; denn die Juden, die auch in großen Mengen im Morgenland (Levante) leben, haben wenig aufzuweisen. Jedoch in Westeuropa, wo sie gemeinsam mit anderen Völkern die griechische Erbschaft aufnahmen, haben die Juden viel geleistet Dies könnte als Grundlage für den Glauben dienen, daß der Jude der Menschheit und sich selbst mehr Ehre machen kann, wenn er unter den westlichen Nationen bleibt. Unser hebräischer Unterricht. (Ein Vorschlag zur Lösung.) Von L. W i e s n e r. (Schluß.) Man wird zugeben, daß solche in der Geistesbahn der Kinder gelegene hebräische Lesestücke religiöser Tendenz ungleich mehr sprachlichen und religiösen Nährwert enthalten als die unverstandenen Leseübungen von Nischmas und Borchi nafschi und dergleichen mehr. Und noch eines. Mit dem Verständnis des Gelesenen machen die Kinder zu ihrer eigenen Ueberraschung die Wahrnehmung, daß das Hebräische doch nicht so schwer ist, wie sie sich bisher eingebildet haben, und wie ihnen von mancher Seite eingeredet wird. Der Umstand, daß das Hebräische in manchen Kreisen einen wahren Schauer auslöst, ist nicht selten die Ursache, daß Kinder aus solchen Kreisen sich einbilden und vorgeben, aus dem Hebräischen absolut nichts erlernen zu können. Dieses Vorurteil hat dem hebräischen Unterrichte schon viel geschadet. Auf das Erlernen der hebräischen Kursivschrift werden wir in der öffentlichen Schule verzichten und die Pflege derselben der Bibelschule überlassen. Die Kinder haben in den ersten drei Jahren ihres Schulbesuches so viele Buchstabenformen zu bewältigen, daß wir ihnen nicht noch eine Buchstabenform aufbürden können. Hingegen erscheint die zeitweilige Vornahme von schriftlichen Uebungen zur besseren Einpragung der Formen der Quadratschrift, gemäß der modernen Forderung, das Buchstabenbild von den Kindern erarbeiten zu lassen, sehr zweckdienlich. Wir möchten es ferner gerne vermieden sehen, daß die Kinder in der öffentlichen Schule—zur sephardischen Aussprache des Hebräischen verhalten werden, während in unseren Gotteshäusern und in der Familie die aschkenasische Aussprache die übliche ist» abgesehen davon, daß Kinder in den ersten Schuljahren durch zweierlei Aussprachen des Hebräischen leicht verwirrt werden. Man wird vielleicht gegen unseren Vorschlag die Einwendung erheben, daß durch die Einschaltung des hebräischen Lesebuches das Gebetbuch zurückgedrängt und der aus diesem zu erteilende Unterricht zu kurz kommen würde. Diese Befürchtung ist ganz unbegründet Das hebräische Lesebuch ist nur für das dritte Schuljahr gedacht, bis der Unterricht aus dem Gebetbuche mit mehr Aussicht auf Erfolg einsetzen kann. Mit dem Beginne des vierten Schuljahres soll das Gebetbuch die ihm gebürende dominierende Stellung in unserem Religionsunterrichte einnehmen und in den folgenden drei Jahren den integrierendsten Bestandteil desselben bilden. Nachdem die Kinder mit dem hebräischen Sprachgebilde einigermaßen vertraut sind, wird sich auf diesem vorbearbeiteten Boden, dessen sind wir fest überzeugt, in viel kürzerer Zeit und mit viel weniger Anstrengung ein Mehrfaches von dem erreichen lassen, was bisher erreicht wurde. Der längere Weg wird sich auch hier als der kürzere und der scheinbare Zeitverlust als Zeitgewinn erweisen. Die Verteilung des Lehrstoffes auf drei Jahre ergibt sich aus der Kennzeichnung der Gebete für entsprechende Zeiten des Jahres: Wochentags-, Sabbath- und Festtagsgebete. Jede Gruppe wird als abgerundetes Ganzes in einem Jahrgange zu behandeln sein. Trotz der Abgrenzung des Jahrespensums darf das Gebetbuch als Ganzes auf keiner Stufe außer acht gelassen werden. Die Uebungen im Gebrauche des Gebetbuches vertragen keine Unterbrechung. Hier führt nur strenge Kontinuität zum Erfolge. Und nun die Frage, wie kommen wir zu dem von uns vorgeschlagenen hebräischen Lesebuche? Wir antworten, die Frage ist zu einem guten Teile bereits gelöst Dank unseren ostjüdischen Kollegen, die wir auf dem Gebiete des hebräischen Unterrichtes als unsere Meister betrachten dürfen, verfügen wir über eine Fülle von einschlägigen Arbeiten, welche dem pädogogischen Verständnis und Geschicke ihrer Verfasser alle Ehre machen und unsere ernste Beachtung verdienen. Diese Arbeiten sind in der uns vorhegenden Gestalt für uns unbrauchbar, nicht nur weil sie für unsere Kinder manches Wesensfremde enthalten, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie auf ein Maximalprogramm zugeschnitten sind, welches die Aneignung derhebräischen Sprache zum freien mündlichen und schriftlichen Gebrauche im Auge hat. Es wird sich also für uns nur darum handeln, aus dem vorhandenen reichen Material zunächst das uns geeignet Erscheinende zusammenzutragen und in weiterer Arbeit es unseren Zwecken und Verhältnissen entsprechend zu gestalten. Diese Aufgabe, bei welcher einige Sprachbeherrschung, feiner pädagogischer Takt und klares religiöses Urteil in Betracht kommen, wird sicherlch ohne große Schwierigkeit zu lösen sein. Unter normalen Verhältnissen müssen Kinder mit Hilfe unserer Fibel und des dieser sich anschließenden hebräischen Lesebuches in den ersten drei Jahren zumindest das Hebräischlesen gut erlernt haben. Die Bibelschule wird alsdann nicht mehr gezwungen sein, eintretende Kinder durch mechanische Leseübungen für den Bibelunterricht zu präparieren. Dieser kann sogleich beginnen. Die Bibelschule spart Zeit und Kraft und kann das sein, was sie ihrer eigentlichen Aufgabe und Bestimmung gemäß sein soll und früher auch war — Bibelschule. In Wirklichkeit aber haben die Kinder, wie bereits gesagt, mehr als Hebräischlesen erlernt. Durch das Verständnis der Lesestücke unseres hebräischen Lesebuches ist dem Bibelunterrichte schon tüchtig vorgearbeitet worden, so daß die Kinder beim Uebergange zu diesem eigentlich auf dem bisherigen Geleise verbleiben. Es ist dieselbe Straße, die sie aufwärts und vorwärts führt, nur die ihnen begegnenden Personen und Handlungen wechseln. Wir haben in dem Bisherigen die Umgestaltung unseres hebräischen Unterrichtes in den Hauptzügen darzulegen versucht. Wir bilden uns nicht ein und sind weit entfernt davon, glauben zu machen» daß mit der Verwirklichung unserer Vorschläge ein Idealzustand des hebräischen Unterrichtes herbeigeführt würde. Man vergesse nicht daß dem ganzen Religionsunterrichte nur zwei Stunden in der Woche zur Verfügung stehen. Von einem kleinen Felde darf man keine reiche Ernte erwarten. Daß aber unsere Vorschläge, die den hebräischen Unterricht auf eine rationelle Grundlage stellen, gegenüber dem jetzigen Zustande einen Fortschritt bedeuten und wesentlich bessere Erfolge erwarten lassen, das glauben wir ruhig behaupten zu dürfen.