Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 6 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JUiiiiiHniiiHiiuiiuiM DIE WAHRHEIT saß, an. dem Gottesdienste auch gar nicht teilnahm, sicher auch den Fasttag nicht hielt und jedenfalls mit dem Ritus dieses allerheiligsten Tages gar nichts zu tun haben wollte. Prof. R e d i s c h fügte bei, daß er hierüber bald darauf mit dem Oberrabbiner gesprochen habe. Es ist nun ganz und gar unrichtig, daß Prof. Redisch gesagt hätte, er habe den Oberrabbiner wegen des Benehmens dieser Jugendlichen am Versöhnungstage, welches allerdings sehr empörend war, „gestellt". Ob nun die eine Version richtig ist, daß Öberrabbiner Dr. Chajes hierzu geschwiegen oder die andere Version, daß er wegen des Ritus mit Rücksicht auf die Jugendlichen mit Prof. Redisch gesprochen hat, ist vollkommen gleichgültig. Sicher ist jedenfalls, daß der Vorwurf, als ob diese Darstellung irgendwie dem Ansehen des Oberrabbiners abträglich gewesen sei, ganz und gar ungerechtfertigt ist. Jeder Zuhörer mußte den Eindruck gewinnen, daß Prof. Redisch lediglich gegen die Jugendlichen, die sich in so unqualifizierterer Weise benommen hatten, in berechtigter Empörung Stellung nehmen und daß er mit seinen Ausführungen sagen wollte, daß auch Oberrabbiner Chajes diese Empörung mit ihm geteilt habe. Es war auch nicht anzunehmen und wäre geradezu beleidigend gewesen, wenn dem Oberrabbiner Chajes zugemutet werden sollte, daß er diesem unreligiösen und unjüdischen Verhalten der Jugendlichen zugestimmt oder auch nur ein Wort der Verteidigung für diese vorgebracht hätte. In den mehrfach genannten Zeitungsberichten wurde endlich auch die Behauptung aufgestellt, daß Prof. Redisch die Unsitte vieler Juden, Christbaumfeiern im Familienkreise zu veranstalten, irgendwie gutgeheißen oder auch nur entschuldigt hätte. Prof. Redisch bemerkte, daß er sowohl auf seinem früheren Dienstorte, als auch jetzt mit aller Entschiedenheit gegen diese Unsitte in jüdischen Kreisen aufgetreten sei und stets auftreten werde; er versuchte nur in wissenschaftlicher Weise darzulegen, wie es zu erklären sei, daß die von den Juden selbstverständlich abzulehnende Feier trotzdem aus jüdischen Kreisen so schwer zu bannen sei, warum es noch immer nicht gelinge, diese Unsitte gänzlich zu beseitigen. Davon, daß er diese Feier in jüdischen Kreisen auch nur im entferntesten gebilligt hätte, davon war gar keine Rede. Wenn seine Bemerkung von irgend einer Seite so aufgefaßt wurde, so lieet ein offenbares Mißverständnis vor, welches wohl dadurch hervorgerufen wurde, daß er zum Schlüsse äavon SDrach, daß es Aufgabe der Kultusgemeinde sei und daß es ihr gelingen müsse, auch jene Juden für sich zu gewinnen, welche einen Weihnachtsbaum haben und am Versöhnungstag nicht fasten. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen kritisch auf diese Aeußerungen einzugehen. Zweck dieser Zeilen ist lediglich der, die in den zionistischen Wochenblättern erschienenen Anwürfe als den Tatsachen nicht entsprechend zurückzuweisen, weil die Verbreitung cföeser unwahren Berichte naturgemäß eine Beeinträchtigung des Ansehens der mit der Verwaltung des Religionsunterrichtes betrauten Organe der Kultusgemeinde und hierdurch auch der Kultusgemeinde selbst zur Folge hat, welche Konsequenz gewiß nicht in der Absicht irgend einer ehrlichen jüdischen Partei gelegen sein kann. Die Krisis im Zionismus. Von Erwin S. Acel. Ph. D. (Schluß.) Die arabische Gefahr. Druck erzeugt jedoch Gegendruck, und der Handvoll Zionisten steht die gewaltige Macht des Islam gegenüber, unorganisiert, wie sie noch ist. Sogar in Palästina übertreffen die Araber die Juden an Zahl im Verhältnis von vier zu eins, und hinter Palästina liegen ungeheure mohammedanische Länder, kriegerisch und fanatisch, noch eingedenk der Zeit, da Suleiman vor den Toren Wiens mit christlichen Heeren rang, und die Sarazenen von Spanien aus nach Norden drängten, um Charles Martel in Südfrankreich zu bekriegen. Es würde verhältnismäßig geringe Anstrengung kosten, den Zionismus, der sich ja an einen engen Landstrich klammert, in das Mittelländische Meer zu treiben. Großbritannien mag Palästina beaufsichtigen, aber was nutzten alle Noten an Kemal Pascha, als er die unglücklichen Griechen und Armenier aus Kleinasien trieb? Die mächtigen Anstrengungen, die Frankreich in Syrien zu machen hatte, mögen auch zu denken geben. Es ist ebenso nutzlos, zu argumentieren, daß der Zionismus den Arabern nütze, wie, daß Kleinasien von den Griechen geschaffen worden sei. Der gegenwärtigen Krisis wegen sahen die Zionisten mit großem Interesse dem fünfzehnten „Jubiläums"-Kongreß entgegen, der im September 1927 in Basel abgehalten wurde. Nach stürmischen Sitzungen wurde Professor Weizmann trotz der heftigen Opposition der Radikalen, der chauvinistischen „Revisionisten" und der religiösen „Misrachi" wiedergewählt. Die Exekutivkomitees wurden aus tüchtigen konservativen Männern erwählt Großbritannien müßte viel Kritik über sich ergehen lassen, daß es den Zionisten nicht mehr tatkräftige Unterstützung zuteil werden lasse, während Professor Weizmann wegen seiner nachsichtigen Haltung gegenüber der Mandatsmacht angegriffen wurde. Man verlangte vom Britischen Kolonialamt einen Schutzzoll, Ermäßigung der Steuern, mehr Beschäftigung von Zionisten an öffentlichen Arbeiten, einen größeren Beitrag zu den Lasten für Erziehung und Gesundheitswesen und Oeffnung der palästinensischen Staatsländereien für die jüdische Einwanderung. Aber die Lage Großbritanniens ist schwierig, da das Mandat bedingt, daß die Interessen der Araber nicht „beeinträchtigt" werden sollen. Ohne die britische Neutralität würde vielleicht die Unzufriedenheit der Araber, die in den Jahren 1920 bis 1921 zu blutigen Demonstrationen führte, wieder aufflackern. Ein allgemeiner Zolltarif würde nur dazu dienen, daß die Araber die Kosten für die Errichtung der Jüdisch-Nationalen Heimstätte tragen. Hinsichtlich der Beschäftigung bei öffentlichen Arbeiten und hinsichtlich der Staatsländereien muß die Regierung auch die Bedürfnisse der Araber berücksichtigen. Großbritannien behauptet, daß die vollendeten sanitären Einrichtungen, die hebräischen Schulen und die Universität nicht den englischen oder arabischen Steuerzahler belasten sollten. Die gegenwärtige Krisis wird automatisch die Steuern vermindern, welche die Zionisten zu drückend finden. Aber es ist klar, daß das Gewähren der zionistischen Forderungen seitens Großbritanniens nicht genügen würde, die augenblicklichen Schwierigkeiten zu lösen. Die Rettung muß von der Judenheit kommen, und zwar in Form von mehr Geld und konstruktiven Ideen, denn die zionistische Organisation schloß im letzten Jahr mit einem Defizit von 750.000 Dollar. Nunmehr werden das Ruthenberg-Elektrifizierungsprojekt, die Verbesserung des Hafens von Haifa und andere öffentliche Arbeiten sofort begonnen werden, und die Verwaltung wird versuchen, ein Darlehen abzuschließen. Keine Einwanderung wird unterstützt werden, bis die gegenwärtige überschüssige Bevölkerung völlig von den landwirtschaftlichen Bezirken absorbiert worden ist. Die Frage der „Jewish Agency" veranlaßte eine andere lebhafte Diskussion. Um alle Juden für das Aufbauwerk zu interessieren, fordert Artikel 4 des Mandats die Gründung einer Leitung, die aus einer gleichen Anzahl von Zionisten und Nichtzionisten gebildet werden soll. Professor Weizmann und Louis Marshall aus Chikago, der Führer der nichtzionistischen Judenheit in Amerika, schlössen im letzten Jänner ein Vorabkommen. Mehrere Sachverständige haben soeben eine Prüfung Palästinas beendet, und sobald ihr Bericht vorliegt, wird die „Jewish Agency" endgültig organisiert werden. Um die heftige Opposition gegen diesen Plan zu verstehen, muß man wissen, daß das zionistische Budget für jede zionistische