Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 6 (10.2.1928)
- Date
- 1928-02-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT m!i!!iiaiiijmiiiiiHiinit«Mniii!iniiM^ Seit* 3 Aus der Wiener Kultusgemeinde. Die schwere wirtschaftliche Situation, in der unsere altehrwürdige Wiener Kuitusgemeinde sich zur Zeit befindet, ist ein leider nur zu treues Spiegelbild der anhaltend schlechten wirtschaitlichefl Verhältnisse in Oesterreich im allgemeinen und der Wiener Judenschaft im besonderen. Es kann daher nicht wundernehmen, wenn die alljährlich stattfindende Budgetdebatte im Wiener Kultusvorstand diesmal besonders stark das Moment notwendig gewordener Sanderungsmaßnahmen betonte. Der rinanzreferent Regierungsrat Dr. H. Oppenheim brachte deshalb in seinem in der öffentlichen Plenarsitzung vom Sonntag, den 15. d. M., die unter Vorsitz des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick stattfand, ganz hervorragenden" zweistündigen Referate zum Ausdruck, daß das 60- Milliarden-Budget der Gemeinde nur dann ins Gleichgewicht gebracht werden kann, wenn es gelinge, Passivin Aktivposten umzuwandeln, die bisherigen Einnahmsquellen methodischer auszubeuten und neue zu erschließen. In alle Details des Präliminares eingehend, beleuchtete Regierungsrat Dr. 0 p p e n h e i m die einzelnen Eingangs- und Ausgangsposten und zeigte auf, welcher Weg eingeschlagen werden müsse, um die Finanzlage halbwegs auszugleichen. Dennoch muß leider wohl nur angesichts der tristen finanziellen Gesamtsituation mit einem Gebanmgsdeiizit gerechnet werden, wenn dasselbe auch glücklicherweise nicht die ursprünglich befürchtete Dimension annehmen dürfte. Die Eingänge der letzten 6 Wochen erwecken die Hoffnung, daß die bei der letzten Plenarsitzung genannte Summe von zehn Milliarden Defizit bis Ende dieses Jahres bei weitem zu hoch gegriffen erscheint. Nach Dafürhalten des Referenten dürfte das Defizit, welches Ende 1927 zirka zweieinhalb Milliarden betrug, bis Ende des laufenden Geschäftsjahres sich auf ungefähr viereinhalb Milliarden erhöhen. Der Voranschlag der Israelitischen Kultusgemeinde Wien für das Verwaltungsjahr 1928 weist an Einnahmen insgesamt S 5,731.152.—, an Ausgaben insgesamt 5,991.725.— aus, so daß sich nach dem Präliminare ein Fehlbetrag von S 260.573.— ergibt. Nachdem das Verwaltungsjahr 1927 mit einem Defizit von S 207.067.— abgeschlossen hat, welches mangels jeglicher anderweitiger Mittel aus der Gebarung des Jahres 1928 zu bedecken sein wird, so erhöht sich der präliminierte Fehlbetrag pro 1928 auf insgesamt S 467.640.—. Nach den einzelnen Kapiteln verteilen sich die einnahmen und Ausgaben wie folgt: Einnahmen Ausgaben Überschuß Zuächufi S ä S i 322.648 349.645 1. Kultus- und rituelle Angelegenheiten 59S.542 918.190 — 2. Unterr.-u.Bibliotheks- Angelegenheiten - 32.500 382.145 — 3. Friedhotu. Beerdigungswesen - - . 1,855.370*) 1,146.899 708.471*») — 4. Fürsorgewesen . 968.540 1,904.017 — 933.4' 1 5. Gemeindeverwaltung 2Ü.400 1,135.310 — 901.910 6. Gebäudeerhaltung 17.8UO 37.930 — 20.130 7. Kultussteuer - 2,000.0u0 — 2,000.000 — 8. Matrikenwesen - - . 28.000 49.234 — 21.234 9. Sonstige und a. o. Ausgaben..... — 418.000 — 418.000 Von den Ausgaben für das „Fürsorgewesen" entfallen S 871.550.— auf das Spital und S 441.970.— auf die Versorgungsanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde. Die Aufnahme einer Anleihe hält Referent nach wie vor aus bereits wiederholt bekanntgegebenen Gründen nicht für opportun, dagegen vertritt er die Ansicht, das Gleichgewicht im Haushalte durch ein Kontokorrentdarlehen herzustellen. Da in den nächsten Monaten der Friedhofbau, dessen Ausgaben sich stets im Rahmen des präliminierten Budgets hielten, seiner Vollendung entgegengeht, wird es möglich sein, das beabsichtigte Darlehen aus dem bestehenden Friedhoferhaltungsfonds in absehbarer Zeit teilweise zu refundieren. Besonders bemerkenswert war die erfreuliche Feststellung des Referenten, daß 40 Prozent der Gesamteinnahmen der Gemeinde charitativen Zwecken dienen. Regierungsrat Dr. Oppenheim bewies wieder einmal, wie ausgezeichnet er es versteht, ein solch trockenes *) In dieser Post sind Einnahmen für den Verkauf von Gräbern und Grüften mit dem Betrage von S 522.000.— enthalten, so daß die Betriebseinnahmen aus dem „Friedhof- und Beerdigungswesen" S 1,333.370.— betragen. **) Die Erträgnisse aus dem „Friedhof- und Beerdigungswesen" werden zur teilweisen Deckung des erforderlichen Zuschusses der Kapitel „Kultus- und rituelle Angelegenheiten" und „Fürsorgewesen" verwendet. gange der Erzählung das neuzeitliche duldsamere Europa entgegen, wo Abdias in einsamer, unfruchtbarer Gegend sein Haus baut und seinem Kinde lebt. Hier sind keine feindseligen Menschen, hier ist Ruhe und Frieden, erblüht sogar neues Glück, sein Reichtum mehrt sich, seine Tochter wird sehend, aber um sich in neues Unglück zu wandeln, um in der Blüte geistiger und körperlicher Schönheit zu sterben und den alten Vater, ihren Pfleger und aufopfernden Fürsorger in stumpfer Geistesnacht zurückzulassen. Die Tochter Judith ist keine bedeutungslose Figur. Ist „Abdias" ein Bild des jüdischen Volkes, so ist Judith das Sjnnbild des neuen, schöneren Judentums, das, im Orient blind geboren, im Abendlande aufblüht, aber wieder stirbt. Man denke an die Glanzzeit und die Vertreibung der Juden Spaniens. Das schöne, blind geborene, sehend gewordene Judentum, das Sinn und Augen vom Handel und den alten Lumpen, vom Schacher und dem abgelegten Trödel abwendet, für Schönheit und Natur empfänglich und empfindlich ist, stirbt jäh und unerwartet, während das Alte des Orients, verkörpert im alten Abdias, das einst glühend schön geboren, auf der Handelschaft in Odessa von furchtbarer Krankheit verstümmelt und entstellt wurde, nach allen Kämpfen und Heimsuchungen in zäher Lebenskraft im Abendlande im Leben, im dumpfen, stumpfen Dasein verharrt. Wenn Stifter sagte: „Auch derjenige, der nie etwas von diesem Manne gehört hat, folge uns, wenn es ihm gefällt, bis zu Ende, da wir sein Wesen einfach aufzustellen versucht haben, und dann urteile er über den Juden Abdias, wie es ihm sein Herz nur immer eingibt", so hat er bestimmt mehr von der Person ablenken wollen, weniger über den Menschen, dagegen mehr über den Juden zu einem Urteil herausfordern wollen. Wer dürfte aber wagen zu urteilen oder zu verurteilen, wo ein dumpfes Schicksal brütet und unbegreifliche Leiden gebiert? Wo es sich um einen vom Schicksal verfolgten leidenden Menschen handelt, sollte niemand urteilen, jeder mehr und eher Mitleid fühlen, Mitleid und Erbarmen, ohne zu fragen, warum und s wozu. Aber hier — und das wollte vielleicht Stifter mit Absicht zeigen — bei dem Juden Abdias, ist es nicht so. Weder sein Alter, noch sein Leiden erzwingt Versöhnung, sein Schicksal und sein Kämpfen ist machtlos, Teilnahme zu erwecken, well seit tausenden von Jahren die Menschheit Abdias — das jüdische Volk — nach aller Schablone aburteilt. Abdias mag Gutes tun, wem und wie er will — er wird gehaßt Er mag siegen oder fallen, kämpfen oder schachern — er wird verurteilt und schuldig gesprochen, denn er ist das Volk der Juden. So wie es Eduard Mayer in seiner „Entstehung des Judentums" niedergeschrieben hat: „Es ist nur natürlich, daß mit dem Judentum sein notwendiges Korrelat, der Judenhaß, in die Welt trat" und wie es Stähelin in seinem Antisemitismus des Altertums" zum Leit- und Grundgedanken gemacht hat, glauben sehr viele, daß nur das Vorhandensein von Juden schon Grund genug für Judenhaß sei. Es lebt in einer Mehrheit der Glaube und die Vorstellung, daß sie das Recht habe, der Minderheit Haß aufzuladen und Mitleid zu versagen. Vielleicht wollte Stifter mit der Erzählung erreichen, daß die Welt einmal bei der Gestalt des Abdias sinnend verweile und sich frage, ob sie nicht selbst Schuld trage, wenn sich ein Schicksal so dräuend erfüllt und ob die raubenden Berber nicht ein Fall für viele sind.. Er hat freilich nicht die Pflicht, die das Evangelium predigt, die Feindesliebe dem fühllosen Schicksal entgegensetzt, aber er sagt, man braucht nicht zu segnen, auch nicht zu fluchen, aber man wolle das Wesen Abdias wirklich verstehen. Schiller sagt ja: „Willst du die anderen verstehen, blick in dein eigenes Herz" und der Schluß der Erzählung lautet: „Das öde Tal ist seit der Zeit ein fruchtbares, das weiße Haus steht noch, ja es ist nach der Zeit noch verschönert und vergrößert worden und das Ganze ist das Eigentum der Söhne des Handelsfreundes des Abdias". Wer richtig urteilen will, müßte nun darin einen Segen erkennen, der aus dem Lebenswerke des gehaßten, leidgeplagten Juden Abdias den Menschen geworden ist.