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Die Wahrheit · 1928-02-10 · Heft 6 (10.2.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 6 (10.2.1928)
Date
1928-02-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 .iiililHHIillllllllllllHlllllllilKmillllW DIE WAHRHEIT den Forschungskommission*) als eine „BeleidigungfBKomitees nicht in Einklang zu bringen mit den unserer Zivilisation, als eine Schmähung des "Wünschen Ihrer Regierung, die sie in ihrem Tele« Namens Christi und als ein schwarzer Fleck auf:' dem Schild Rumäniens" bezeichnet worden. Eine . derartige hetzerische Propaganda wurde auch in den Universitäten angewandt, wo die christlichen Studenten angestiftet wurden, Maßnahmen zu ergreifen, um. die vorschriftsmäßig eingeschriebenen jüdischen Studenten vom Besuch der Vorlesungen fernzuhalten. Keine polizeilichen Maßnahmen sind ergriffen worden, um jüdische Studenten bei der Ausübung ihrer gesetzlichen Rechte zu unterstützen, und das Ergebnis ist, daß heute sich kaum einer mehr in die Universität hineinwagen darf. Von der Regierung wurde des öfteren übersehen, daß die Juden durch eine große Zahl von Verwaltungsmaßnahmen in ihren rumänischen Bürgerrechten beschränkt wurden. Sie sind z. B. bei Ausübung ihres Berufes in Handel und Industrie behindert. Den Landbesitzern wurde oft der ihnen nach dem Ackergesetz zustehende Boden verweigert. Ihre Schulen sind verwüstet und ruiniert, und sie sind von jedem öffentlichen Dienst ausgeschlossen. Dazu kommt noch, daß Tausenden von ihnen in den anliegenden Provinzen die ihnen bei den Friedensverhandlungen gewährten nationalen Rechte verweigert wurden und sie als Staatenlose gelten. In dieser bedauernswerten Situation und der unheilvollen Atmosphäre müssen die wahren Gründe für die antisemitische Bewegung gesucht werden. Hier müssen deshalb auch schärfste durchgreifende Mittel angewandt werden. Der Gedanke, daß diese Zustände durch die Entlassung dreier Präfekten und die Verurteilung einiger Studenten beseitigt werden könnten, ist nach Ansicht meines *) Siehe unseren Leitartikel ,.Wahre Seeflengröße" in Nr. 3, 1928. gramm zum Ausdruck brachte. Mein Komitee glaubt, die M ei Hungen der ganzen Judenheit auszudrücken und auch die aller rechtschaffen denkenden Angehörigen anderer Konfessionen, wenn es die Bitte an die königliche Regierung richtet, daß diese ohne Zeitverlust Anstrengungen machen möge, Rumänien immerwährenden Frieden zu bringen und ein für allemal die oben geschilderten Zustände zu unterbinden. Die öffentliche Meinung wird sich nicht mit weniger begnügen, und untrügliche Zeichen in Westeuropa und Amerika lassen erkennen, daß eine Vernachlässigung dieser Aufgabe in ungünstigstem Sinne sich für den Ruf Rumäniens auswirken muß. Ich habe die Ehre, sehr verehrter Herr Minister, Sie zu begrüßen als Ihrer Exzellenz ergebener gez. Lucien Wolf (Sekretär). An Seine Exzellenz Herrn M. Titulesco, Königlich rumänischer Minister des Auswärtigen. Wir sind erfreut, daß sich gerade die englische Judenheit, die infolge der gegenwärtigen politischen Konstellation große Wirkungsmöglichkeiten entfalten kann, so energisch für das Wohl der rumänischen Juden einsetzt. Sie darf dabei des vollen Beifalls und der Sympathie der österreichischen Juden aller religiösen und politischen Schattierungen gewiß sein. ]!ÖtvhdMcm&iimfm$k WahcLitl SeuiUetoti Stifters Abdias. Anläßlich des 60. Todestages des Dichters. Von Dr. V. Kur rein, Linz. (Schluß.). Als in der Zeit des schwarzen Todes die Juden hingeschlachtet wurden, schrieb der Straßburger Chronist Closener von den Juden: „Ihr bares Geld war die Vergiftung, welche die Juden tötete." Die Fabel von dem Reichtum der Juden spiegelt sich in Abdias ebenso wieder, wie der alte Vorwurf von dem Kieideriuxus, den sie treiben. Man lese nur die Disputation nach, die zwischen dem spanischen König Alfonso und Don Joseph Nassi im Schewet Jehuda berichtet wird: Der König sagt: „Wenn ihr Knechte und Verbannte: seid, warum legt ihr fürstliche Kleidung an, was nur dazu dient, Haß und Neid zu erregen und doch habe ich in meinem Reiche den Befehl erteilt, daß ihr euch nicht in Seide kleiden sollt" Man denke an den Omarpakt, demzufolge die Kaliifen die Juden zwangen, grobe dunkle Kleider zu tragen. Achtet man auf solche Züge in der Erzählung, so gelangt man immer sicherer und eindeutiger zu dem Bilde, das vergangene Zeiten dem Juden zugeschrieben haben. Liest man erst, was Stifter von dem Volke der Juden schreibt, so stimmt sein Bild fast wörtlich mit dem Urteil der Alten. „Es waren Kinder jenes Geschlechtes," so schreibt er, „welches das ausschließendste der Welt. . ." In diesem Worte tönt uns das ganze Arsenal des judenfeindlichen Altertums entgegen. Man hört förmlich das Zitat aus Tacitus' Historien, daß diei Juden ängstliche Abschließung gegenüber Fremden halten, von den Urteilen eines Timagenes von Alexandreia. Hekatäus aus Abdera, Appollonius Molo, Diodorus Sikulus u. a. gar mcht zu redein. „Es wußte niemand von ihnen, außer die änderen Glaubensbrüder, die draußen wohnten", sagt Stifter... weiter und läßt den alten Aron obendrein zu seinem Sohne folgendermaßen sprechen: „Gehe hin und verrate nichts von dem Neste, in dem du aufgeätzet worden bist." Das klingt doch genau wie des Juvenal 14. Satire: „Non monstrare vias eadem nsise sacra colenti — quaesitum ad fontem solos deducere verpos", „Nur Glaubensgenossen den Weg zu zeigen, nur Beschnittene zur gesuchten Quelle zu führen." — „Sie handelten mit Gold und Silber und mit anderen Dingen, von dem Lande Aegypten herüber auch mit verpesteten Lappen und Wollenzeugen, davon sie zuweilen die Pest brachten und daran verschmachteten", so schreibt er. Das Bild des römischen Ghettos steht vor unserem' geistigen Auge, die ungesunden Tiberquartiere, in die sie päpstliche Liebe sperrte, der Alte-Kteider- Handel, zu dem sie christliche Liebe verdammte, ja glauben möchte man, daß Stifter Prewenhubers Annales styrienses gelesen hat, wo die Juden beschuldigt sind, „die Pest aus Asia gebracht zu haben". Tatsache ist, daß Stifter seine Erzählung „Abdias" als Phantasieprodukt gearbeitet, Szenerie und Oertlichkeit nicht nach Augenschein, sondern nach Studien geschildert hat, da er nie Afrika gesehen, ja Europas Boden nie verlassen. Er hat aber auch die jüdischen Menschen, ihre Seele, ihr Denken nicht nach der Wirklichkeit, sondern nach dem, was er gelesen und in anderen Autoren gefunden hat. geschildert, mit anderen Worten: nach dem tausendjährigen Vorurteil, das sich wohl konserviert im Geiste der Schulmeister und anderer erhalten hat. Vielleicht ist dies mit Absicht geschehen? Dem unduldsamen Oriente, sozusagen den wirklichen und geistigen Trümmern einer alten Welt stellt Stifter im Fort-

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