Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT IlllllllöililiiiiiiiiuiiuiiiiiiRW Seite 11 vorragende Juden eine besondere Rolle gespielt. Dennoch ist es eine Fehlmeinug, von Rembrandts Kunst als jüdisch zu sprechen, das jüdische Milieu hat wohl anregend gewirkt, seine Kunst war aber Frucht seines Temperaments. An ganz großartigen Bildern zeigte Professor Eisler die Entwicklung der Rembrandtschen Malerei im Laufe des Lebens des großen Meisters, wobei Bilder mit jüdischen und besonders biblischen Motiven namentlich herangezogen wurden. Den Höhepunkt dieser gelungenen und von dem Vortragenden meisterhaft erklärten Vorführungen bildete das Prachtgemälde „Segen Jakob s", das besonders deutlich erwies, daß die Meinung Professor Eislers, daß wohl die Bibel hilft, die Gestaltung aber ureigenes Gut dies Künstlers ist, als diurchaus richtig bezeichnet werden kann. Reicher Beifall lohnte seine vorzüglichen Ausführungen und der Vorsitzende der Versammlung Herr M. Oesterreicher sprach ganz im Sinne derselben, als er Herrn Professor Eisler Worte des Dankes und des Stolzes sagte, daß sich dieser unserer Sache in so hervorragender Weise. gewidmet hat. Börserat Ignatz Glück hielt hierauf ein sehr interessantes Referat „Was erwarten wir von der Kultusgemeinde?", wobei er einleitend betonte, daß er wohl dem Kultusvorstand nicht mehr angehöre, dessen Tätigkeit, aber dennoch genau kenne. Die Leitung der Kultusgemeinde ist nicht so einfach, wie sie sich mancher. denkt, sie beschränkt sich nicht darauf, wie der Redner witzig meinte, Steuervorschreibungen auszuschicken, sondern es gibt außerordentlich viel zu arbeiten und gerade der gegenwärtige Vorstand ist besonders wegen seines Eifers zu bewundern. Zunächst sind die finanziellen Sorgen sehr große. Während die Kultusgemeinde im Jahre 1912 ein Ausgabenbudget von 3K Millionen hatte, betrug dasselbe im Jahre 1924 schon 35 .Milliarden und stellt sich heute gar auf 55 Milliarden. Diese Beträge aufzubringen ist natürlich ungemein schwierig, dennoch ist es unsere erste Erwartung, daß die finanzielle Situation intakt bleiben wird, denn es wäre unerwünscht, wenn die Kultusgemeinde nicht das leisten könnte, wozu sie verpflichtet ist. Von diesen Aufgaben erwähnte der Redner zunächst die religiösen, wobei er betonte, daß man mit den Leistungen auf diesem Gebiete zufrieden sein könne, besonders mit der Ausgestaltung des Jugendgottesdienstes, dennoch sind noch weitere Forderungen, besonders der Tempelvereine, zu erfüllen. Große Leistungen werden auf charitativem Gebiete vollbracht, für welche wohltätige Zwtecke mehr als die Gesamfeteuereifmahmen aufgewendet werden, wodurch allein schon manche unberechtigte Klage der Steuerzahler hinfällig wird. Es gilt, das Spital zu erhalten, das ein Defizit von 3 Milliarden aufweist, ebenso das Versorgungshaus, das ein solches von VA Milliarden verschlingt. Man hört oft Klagen über unseren Religionsunterricht, diese sind aber abzuweisen, denn vor allem müssen unsere Kinder jüdisch erzogen werden. Viele Wohlfahrtsinstitute sind zu erhalten und man darf für sie nicht immer im Ausland betteln gehen, zumal dasselbe seine Subventionen einschränken will und wir nicht wissen, ob wir sie nach 1928 noch erhalten. So hat der „Joint", der bisher 3 Milliarden jährlich hergab, diese Summe heuer schon eingeschränkt, und es war dies auch eine Sorge des verstorbenen Oberrabbiners, woher das Geld für die charitativen Zwecke weiterhin genommen werden soll. Da müssen eben Ersparungen vorgenommen, Wohltätigkeitsvereine, die nicht existenzbereohtiet smd, aufgelöst werden, denn mit der Hinaufsetzung der Einnahmen ist nicht alles getan, es ist schon jetzt nicht mehr möglich, die Steuern weiter zu erhöhen, deshalb müssen die Ausgaben herabgesetzt werden. In einer Zeit, in der Angriffe von rechts und links erfolgen, sehen wir uns selbst seitens unserer Glaubensbrüder mit einer Feindschaft bekämpft, die ihresgleichen sucht. Im Kultusvorstand sitzen Parteien, denen entweder das Judentum nebensächlich ist, oder die es für politische Zwecke mißbrauchen wollen und die sich jetzt .wieder rüsten, die Kultusgemeinde zu „eröbern". Wir wollen dies nicht, wir wollen unsere altehrwürdige Gemeinde in dem schönen Geiste, der sie bisher beseelte, weiterführen, und dazu kann nur die Wiener Judenschaft selbst beitragen. Mit dieser Erwartung schloß Börserat Glück seine beifällig aufgenommenen Ausführungen. Präsident Dr. Jakob O r n s t e i n sprach über die bevorstehenden Kultuswahlen, deren Gestaltung heute noch nicht absehbar ist, denn wir wissen noch nicht, gegen wieviel Fronten wir zu kämpfen haben werden. Die Mehrheit der zionistischen Partei ist wohl mit uns koaliert, aber nur in dem Sinne, daß alle Erfolge von ihr als die Frucht gemeinsamer Arbeit hingestellt werden, während bei etwaigen Mißerfolgen sie nicht mehr unsere Bundesgenossen sind, sondern nur die Mitglieder der Majorität alles, was da gefehlt wurde, vetv schuldet haben und allein die Verantwortung tragen sollen. Nun haben sich die „radikalen Zionisten" Ingenieur Stricker und Dr. Plaschkes durch ihren Austritt aus dem Kultusvorstand losgelöst und wollen eine eigene Partei bilden, deren erste gänzlich mißlungene „Massenversammlung" Dr. Ornstein treffend behandelte. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Forderung der „radikalen Zionisten" nach Ausgestaltung des Unterrichtes, der nach ihrer Ansicht wichtiger als der Kultus ist und „judaisiert" werden muß. Was darunter zu verstehen ist, erörterte Dr. Ornstein an einem Zwischenfalle in der letzten Lehrerkonferenz, der entgegen der bisherigen Uebung in der „Neuen Welt" öffentlich besprochen wurde und mit dem wir uns in unserer nächsten Nummer eingehend befassen. Dr. Ornstein betonte die Unmöglichkeit der Schaffung jüdischer Schulen, die die Anwendunc der Prozentnorm zur Folge hätten und außerdem die jüdische Jugend, anstatt sie mit ihren christlichen Kameraden für den Lebenskampf zu stählen, von der Umwelt, die für sie von Wichtigkeit ist, abschließen würde. Viel dringender ist es, die Bibelschulen nicht nur zu subventionieren, sondern sie auch auszubauen und zu vergrößern, dann wird die Jugend in gutem Sinne „judaisiert" werden. Unser Hauptkampf bei den kommenden Kultuswahlen wird wohl den „Werktätigen Juden" gelten, deren Name allein schon eine Falschmeldung beinhaltet. Diese Vereinigung erstrebt nach ihrem Programm die Erfassung jüdisch-bürgerlicher Schichten, um sie der sozialdemokratischen Partei zuzuführen. Was hat ein solcher Programmpunkt mit dem Kultusvorstand zu tun? Bestenfalls bei den Nationalratswahlen kann er in Erscheinung treten, zu welchem Zeitpunkt eine jede oolitische Partei ihre Kreise zu vergrößern sucht. Aber die Kultusgemeinde hat kein Interesse daran, Ablageruntrsstätte für sozialdemokratische Bestrebungen zu sein, wobei noch das Programm dieser Partei ansonsten für völlige Neutralität in Fragen der Religion eintritt. Dr. Ornstein zitierte diesbezüglich einige bemerkenswerte Aeußerungen. so die ehies Abgeordneten, daß der Sozialismus auf religiösem Gebiete zum Atheismus führt, und zeigte auf, wie widersinnig es sei, daß gerade diese Partei nun zur ..Eroberung" der Kultusgemeinde schreiten wolle. Er besprach noch den bekannten Standpunkt der Majorität in bezug auf das Kultuswahlrecht und fand mit diesen seinen Ausführungen, die in der Ansicht gipfelten, daß die Kultusgemeinde Ehrenrechte — und als solches muß das Wahlrecht betrachtet werden — nur denjenigen verleihen kann, die an ihr mitarbeiten. Beifall und Zustimmung in der Versammlung, die der Vorsitzende mit OanVeswnrten schloß. Unlon'deofschOsfeiTeictiischer tauen' Mitgliedschaft 11 Elnladnng zu der Donnerstag, den 16. Februar. HS Uhr abends, im Großen Saale des Wiener Bürger-Cafe. IL. Praterstraße U. stattfindenden Vepeins-Versammlung Tagesordnung: 1. Dr. Josef Ticho: Aktuelles aus der Wiener Kultusgemeinde. 2. Diskussion, zu der sich bereits mehrere Kultusvorsteher zum Worte gemeldet haben. Von Mitgliedern eingeführte Gäste, auch Damen, herzlichst willkommen. „Union deutschösterreichischer Juden" Der Präsklent: Dr. Jakob Ornstein. Mitgliedschaft II der „Union" Der Obmann: Medizinalrat Dr. Heinrich Haase. mmpqraraFqi