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Die Wahrheit · 1928-02-03 · Heft 5 (3.2.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 5 (3.2.1928)
Date
1928-02-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iinnunmHwuiHMmn^^ Seite 5 aber nicht und nannte Paty de Clam einen Fälscher. Da entschloß man sich endlich, den Obersten Henry zu verhaften, der beschuldigt wurde, den oben erwähnten Brief des Militärattaches gefälscht zu haben. Als er sich mit einem Rasiermesser den Hals abschnitt, trat der Qeneralstabschef Boisdeffre zurück, weil sein Vertrauen getäuscht worden wäre. Cavaignac folgte ihm. Noch ging man nicht weiter. Paty wurde nur zur Disposition gestellt, nicht etwa festgenommen. Am 26. September beschloß das neue Kabinett, das Revisionsverfahren zuzulassen. Der Generalrat von Algier aber telegraphierte an die Regierung, sie solle schleunigst durch ein Gesetz die Juden entrechten. Am 25. Oktober fiel das neue Kabinett Brisson. Allmählich kam nun der neue Prozeß in Gang, namentlich, nachdem der Präsident Faure an einem Herzschlag in den Armen der späteren Mörderin Steinheil gestorben (also nicht von Juden vergiftet worden) war. Sein Nachfolger Loubet war ein Ehrenmann. Der Sozialist Breton, der heute noch eine Rolle spielt, beschuldigte Melin öffentlich, die Fälschungen begangen zu haben. Noch stand eine gewaltige Partei, die den Prozeß verhindern wollte, zum Teil, um die Ehre der Armee zu retten, die zwar nicht durch Fälscher und Meineidige, aber durch eine Aufklärung verletzt worden wäre. Der Straßennöbel aber amüsierte sich unter Führung des Abgeordneten Deroüledet auf seine Art, d. h. antisemitisch. Als jedoch der „Figaro" die Akten des ersten Prozesses veröffentlichte und sich durch polizeiliche Strafen daran nicht hindern ließ, wuchs die Zahl der „Dreyfusards"; Clemenceau, Millerand, Poincar6 gehörten zu ihnen. Nach einem Attentat auf Loubet, das von der antisemitischen Seite verübt worden war, verstärkte sich der Druck. Am 1. Juli 1899 landete Dreyfus wieder in Frankreich. Der Kassationshof hatte die Revision beschlossen. Am 7. August 1899, vor 25 Jahren,- begann der Prozeß, der in der ganzen Welt mit atemloser Spannung verfolgt wurde. Doch noch einmal versuchten die Antisemiten ihr Heil: ein Attentat auf den Verteidiger Labori erfolgte. Höhnisch schrieb damals „Libre Parole": „Ganz Israel ist in Bewegung." Dabei zeigte fast die ganze Presse des Auslandes ohne Unterschied der Partei, die ganz rechts stehende natürlich ausgenommen, daß sie diesen Skandal als eine Schändung Frankreichs empfand. Im Prozeß, der fünf Wochen dauerte und in Rennes stattfand, zeigte sich, wie fest noch die Militärclique stand. General Mercier wurde ein Meineid nachgewiesen, ohne daß man gegen ihn einschritt. Picquart erklärte, daß er die antisemitische Einstellung des Generalstabs gekannt hätte. Er wäre .selbst von ihr nicht frei gewesen. Und Oberst Cordier versicherte., daß er selber leidenschaftlicher Antisemit sei, aber trotzdem für Dreyfus zeugen müsse. Am 9. September wurde das Urteil gesprochen: 10 Jahre Gefängnis. Mildernde Umstände bei Landesverrat. Es war ein Kompromiß der Richter zwischen ihrem Gewissen und der angeblichen Ehre der französischen Armee. Nachdem Dreyfus so verurteilt und begnadigt worden war, reichte er — Untersuchungen im französischen Kriegsministerium hatten weitere Aktenfälschungen ergeben — im Oktober 1903 ein Wiederaufnahmegesuch ein. Der Prokureur General Baudoin schloß sich an. Das Urteil ergibt volle Unschuld Dreyfus'. Erst nach diesem Urteil, das ihn vollständig rehabilitierte, wurde Dreyfus zum Major befördert. Falsdie Information. In der letzten Nummer vom 27. d. M. in der „Stimme" und der „Die neue Welt" ist unter dem Titel „Der neue Geist in der Grazer Kultusgemeinde" und „Brief aus Graz" je ein Artikel erschienen, der bei der Wiener Judenschaft eine unrichtige Vorstellung von den Verhältnissen in unserer Kultusgemeinde erwecken könnte und dürfen diese Ausführungen nicht unwidersprochen bleiben. Als. Vorgänger des jetzigen Finanzreferenten Herrn Karl Schwarz glaube ich legitimiert zu sein, die in diesen beiden Artikeln enthaltenen Ausführungen wie folgt richtigzustellen: Ich will mit dem Artikelschreiber nicht darüber rechten, ob der am 4. d. M. vom jetzigen Vorstande erstattete Rechenschaftsbericht eine vom demokratischen Geiste diktierte, unbedingte Notwendigkeit war, angesichts der Tatsache, daß von 624 zu dieser Versammlung eingeladenen Steuerzahlern kaum 20 der Einladung durch ihr Erscheinen Folge geleistet haben, während alle übrigen Zensiten durch ihre Absenz teils ihre Interesselosigkeit, teils ihre Unzufriedenheit mit der Geschäftsführung des jetzigen Vorstandes dokumentiert haben. Uebrigens wurden derartige Rechenschaftsberichte auch vom früherem Vorstande zuletzt im April 1926 bei viel größerer Beteiligung erstattet. Es soll auch nicht darüber diskutiert werden, daß nach dem obigen Artikel der Herr Präsident Dr. Sonnenwald auf den neuen frischen Geist, der sich unter dem jetzigen Regime bemerkbar mache, hingewiesen hat, da dieser Hinweis doch ein versteckter Angriff gegen den früheren Vorstand ist, als hätte dieser seine Pflicht nicht getan und es erst dem neuen Vorstande vorbehalten blieb, das Richtige für unsere Gemeinde zu leisten. Ohne diesen Ton der Selbstberäucherung glossieren zu wollen, sei nur kurz darauf hingewiesen, daß wir bisher gerade von Herrn Dr. Sonnenwald eine urbanere Form der politischen Kampfweise gewohnt waren, ferner daß das Einzige, was bisher zum Lobe dies jetzigen Vorstandes gesagt werden kann, das ist, daß die neuen Herren bisher an den altehrwürdigen und bewährten Institutionen unserer Gemeinde, die natürlich von der alten konservativen Partei bzw. deren Vertretung geschaffen wurden, nichts geändert haben. Sonst ist von dem gerühmten frisch-fröhlichen Geiste in unserer Gemeinde rein nichts zu bemerken als höchstens, daß allgemein getadelt wird, daß das Erfordernis der Kultusgemeinde unter dem jetzigen Regime von S 71.000.— auf S 92.000.— sich erhöht hat, ferner, daß die Tempelsitze gleichfalls schon zweimal empfindlich erhöht wurden und daß endlich in unserer Gemeinde über die ungerechte Re- Dartierung der Steuern allgemein die größte Unzufriedenheit herrscht. Dagegen darf nicht unwidersprochen bleiben, wenn Herr Präsident Dr. Sonnenwald die großen finanziellen Schwierigkeiten betont, mit welchen der neue Vorstand bei Uebernahme der Geschäfte zu kämpfen hatte. Diesbezüglich muß ich als gewesener Finanzreferent schon darauf verweisen, daß die Finanzen unserer Gemeinde dem neuen Vorstande in vollster Ordnung sogar mit einem Gebarungsüberschusse pro 1925 per S 2600.— rund übergeben wurden. Von sonstigen Schwierigkeiten, die Herr Dr. Sonnenwald erwähnt, ist mir nichts bekannt. Den Vorwurf des Herrn Dr. Sonnenwald, daß eine gerechte Besteuerung aus dem Grunde nicht möglich ist weil die Kultusräte der konservativen Partei die von der jetzigen Leitung abermals geforderte Erhöhung der Maximalsteuer von S 1000.— auf S 1500.— sabotiert haben (für das Jahr 1927 wurde erst die Maximalsteuer von S 600.— auf S 1000.— erhöht), will ich im Zusammenhange mit dem Referate des^ jetzigen Finanzreferenten Herrn Karl Schwarz widerlegen: Dieser hatte die Kühnheit zu behaupten: erstens, daß die Höchstbesteuerten pro 1928 nur den 8000 fachen Steuerbetrag leisten gegen die Höchststeuer vom letzten Friedensjahre 1914, wogegen der Mittelstand den 21.000 fachen Friedensbetrag zu zahlen habe. Beide Angaben sind falsch. Es mußte Herrn Karl Schwarz ebenso gut bekannt sein wie mir und jedem Mitgliede unserer Gemeinde, daß für das Jahr 1914 unsere Gemeinde auf Grund einer Maximalsteuer von Goldkronen 720;— budgetiert hat und da pro 1928 die Maximalsteuer per S 1000.— zuzüglich 5 Prozent für Armenbeitrag somit S 1050.— als Maximalsteuer vorgeschrieben wurde. So bezahlen die Höchstbesteuerten heute zirka das 14.600 fache der Höchststeuer vom Jahre 1914 und nicht das 8000 fache, wie Herr Schwarz glauben machen wfll. wobei gar nicht in Betracht 5"e705?en wird, daß erstens das Erfordernis im Jahre 1914 rund Goldkronen 71.000.— ist gleich S 102.000.— betrug, während das Erfordernis im Jahre 1928 nur S 92.000— beträgt, daher um zirka 10 Prozent untervalorisiert ist, zweitens, daß die Anzahl der Steuerträger seit dem Jahre 1914 sich wesentlich erhöht hat. wodurch sich die Leistung des einzelnen Steuerträgers im Verhältnis zu der Zunahme der Anzahl derselbenermäßigen müßte, und drittens, daß die Steuerkmft des Mittelstandes, also der weitaus überwiegenden Anzahl der hiesigen Steuerträger, sich gegen die FnTedenszeiten bedeutend gebessert hat. hat auch nicht ein einziger der gegenwärtig mit der Höchststeuer Bemessenen auch nur annähernd d?s Vermögen und das Einkommen der im Jahre 1914 Höchstbesteuerten. Damit ist erklärt, aus welchem Grunde die Mandatare der konservativen Partei gegen eine neuerliche Erhöhung der Maximalsteuer Stellung genommen haben, da doch, wie bereits oben angeführt, erst vor einem Jahre die Erhöhung der Maximalsteuer von S 600.— auf S 1000— bewilligt wurde.

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