Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 ^iiiiiiiiiiuMißiMiLAiiwwuia^ DIE WAHRHEIT Erinnerungen an die Dreyfus-Affäre. Von Richard May (Berlin). Als kürzlich Leopold Hilsner starb, erinnerten sich viele der in ihren Wirkungen diesem dunkelsten Kapitel des alten Oesterreich ähnlichen französischen Dreyius-Affäre. 25 Jahre sind bald vergangen, seit die Tragödie ihren weder erhebenden, noch befreienden Abschluß fand. Die Dreyius-Affäre ist zugleich die Geschichte des modernen, internationalen Antisemitismus, und deshalb sei ihr an dieser Stelle ein Erinnerungsblatt gewidmet. Der französische Hauptmann Alfred Dreyfus war ein Elsässer Jude, dessen Familie 1871 für Frankreich optierte und deswegen zum größten Teil nach Paris übergesiedelt war: er gehörte vorübergehend dem Generalstab an und sollte zu seinem Artillerieregiment zurückkehren, als plötzlich am 1. November seine Verhaftung erfolgte. Er wurde des Verrates mit dem deutschen Militärattache v. Schwartzkoppen und dem italienischen Pannizardie beschuldigt. Hauptstützpunkt der Anklage war ein Schriftstück. . das sogenannte Bordereau, das von Dreyfus hergestellt sein sollte, sich aber später als eine Fälschung erwies. Nur dieses Schriftstück kam in der geheimen Verhandlung zur Verlesung. Aber auf ausdrücklichen Befehl des damaligen Kriegsminister General Mercier wurden dem Richter noch andere Schriftstücke vor der Verhandlung überreicht, die man dem Angeklagten und der Verteidigung nicht zeigte. Eines, das aus der deutschen Botschaft gestohlen worden war, enthielt die Worte „cette canaille de D", das sich aber gar nicht auf Dreyfus bezog. Ein Richter hat später genaue Auskunft über die Machenschaften gegeben, denen er selbst bei seinem Urteil zum Opfer gefallen ist. Das Urteil wurde am 22, November 1894 gefällt und lautete auf lebenslängliche Deportation. Nachdem das Revisionsbegehren abgelehnt worden war. wurde Dreyfus auf die Teufelsinsel geschafft, auf der er bis Sommer 1899 unter ständigen Bedrohungen verblieb. Es zeigte sich sehr bald, daß der persönlich nicht sehr sympathische Offizier, der durch seinen Hochmut sich viele Feinde gemacht hatte, in erster Linie dem Antisemitismus erlegen war. Der zweite Prozeß hat darüber völlige Klarheit geschaffen. Es war schon auffällig, daß die Verhaftung, die geheim gehalten werden sollte, in der antisemitischen „Libre Parole" durch eine Indiskretion, die aus dem Generalstab stammte, bekannt gegeben wurde. Das Blatt wurde von Drumont geleitet, dessen unglaublich gehässiges und ver- Duiders Hiob denken — wie es Otto Stößl getan hat — und glauben, daß dieser dem Dichter für seine Figur Modell gestanden hat, aber das alttestamentliche Buch läßt den Menschen Hiob dulden, damit er eine Probe bestehe, sein unerschütterliches Gottvertrauen beweise und endet versöhnlich mit dem Sieg des Guten, mit dem Triumph der ausgleichenden Gerechtigkeit. Abdias ist kein Hiob, hat keine Tröster im Unglück, geht aus den Heimsuchungen nicht doppelt gesegnet hervor, ist nicht einmal ein Peter Schlemiehl, wie ihn Chamisso entworfen hat denn hier ist wenigstens als tragische Schuld eän Schattenverkauf, ein Handel auf Fortunati Wunderbeutel. der mühe- und arbeitslos Gold und Schätze spendet. Abdias quält und plagt sich um den Erwerb, setzt alles, was Mensebenkraft vermag, an die Wahrung seines Reichtums. Erwerben ist kein Verbrechen, keine Sünde und keine Schuld. Aber mehr noch: Abdias ist gut, gut zu allen, seinem Gesinde, seinen Tieren, seinen Nachbarn. Er tut niemand freventlich oder im Uebermut etwas zuleide, ist ein guter Sohn, ein guter Gatte, ein guter Vater. Wo ist die Schuld, um derentwillen das Unglück kommt? Er ist auch kein Fatum-Mensch, der resigniert spricht: „Was bestimmt ist, das muß kommen, und was kommt, das ist bestimmt", sondern kämpft sich mit aller Kraft aus jedem Mißgeschick heraus, sucht es zu überwinden, seiner Herr zu werden. Das geistige Motiv, das eine Gestalt wie die des Abdies schaffen konnte, ist auch nicht mit dem Worte Goethes bezeichnet: „Ihr laßt den Armen schuldig werden und überlaßt ihn dann der Pein". Es ist keine Schuld da. um derentwillen Abdias gerechtermaßen leidet. Es ist nur eine Schuld da, die man ihm auflegt. daP. er sich in Reichtum reicher kieidet und so der Feinde Blicke auf sich und seine Glaubensgenossen lenkt, d. h. auf ihren versteckten Reichtum. (Schluß folgt.) leumderisches Buch „La France Juive" bis 1896 133 Auflagen erlebte. Es stützte sich dabei auf die Tatsache, daß an dem Panama-Skandal neben sehr viel bekannten französischen Politikern katholischen Glaubens auch mehrere jüdische Finanzleute, wie Cornelius Herz und Baron Reinach, beteiligt waren. Kennzeichnend ist die Wendung der „Libre Parole" von 1892: „Jeder Jude ist ein Spion." Sie brachte auch die Mitteilung über die Verhaftung in der Form: Sucht unter den Juden Meier, Levy oder Dreyfus die Verräter. Zunächst blieb alles still, obwohl sich die Familie, und vor allem die tapfere Frau, mit aller Energie der Sache annahm. Erst 1896 konnte Bernhard Lazare ein Buch veröffentlichen „Une Erreur Judiciaire — la v6rit6 sur l'affaire Dreyfus". Großen Eindruck machte es nicht, aber wenigstens fand die Familie bald einen Helfer in dem Senator Scheurer- Kestner, gleichzeitig verlangte Mathieu Dreyfus, ein Bruder des Verurteilten, den Prozeß gegen Esterhazy, dessen ganzes Vorleben äußerst dunkel war und blieb. Der englische Militärattache* hat später geäußert, es wäre in den diplomatischen Kreisen bekannt gewesen, daß man von Esterhazy jedes Geheimnis für 1000 Francs erfahren konnte. Er hat in der Tat auch die Dreyfus zur Last gelegten Verratsverbrechen begangen. Es gab am 7. Dezember 1897 in der Kammer und im Senat große Debatten, doch verbürgten sich der Ministerpräsident Meline wie der Kriegsminister Billot für die Berechtigung des ersten Urteils. Nur ein französisches Blatt blieb mit kurzer Schwankung der Sache treu. Es war der „Figaro". Während Scheurer-Kestner zum Vizepräsidenten des Senats gewählt wurde, wurde Esterhazy nach einer Justizkomödie ohnegleichen freigesprochen. Die Richter waren im Bilde. Man legte ihnen auch nichts vor, was zu einer Verurteilung hätte Anlaß geben können. Da griff am 13., also zwei Tage später, Emile Zola ein. Er veröffentlichte in der „Aurore" seinen berühmt gewordenen Artikel „Ich klage an". Unbarmherzig beschuldigte er den Oberstleutnant du Paty de Clam unsauberer Machenschaften. Dieser Offizier hatte die Untersuchung gegen Dreyfus geleitet. Aber das genügte Zola nicht. In seinem, an den Präsidenten der Republik, Felix Faure, gerichteten, „offenen Brief" beschuldigte er die Generale Mercier, Billot, Boisdeffre und Gonse" der Mitschuld, vor allem aber griff er das Kriegsbericht an, das auf Befehl einen Esterhazy freigesprochen habe. Wieder eine stürmische Kammersitzung. Da wird zum erstenmal von dem Kriegsminister Cavaignac ein angebliches Geständnis Dreyfus' vorgelesen, das wiederum eine Fälschung war. Jaur6s, der später bei Kriegsausbruch so heimtückisch Ermordete, gab nicht nach, und als er als bezahlt hingestellt wurde, nannte er den Zwischenrufer Grafen de Bernis einen Elenden und einen Feigling. Darauf kam es zu einem Handgemenge und Militär wurde aufgeboten. Es war das erste, nicht das letzte Mal. Schon zwei Tage später schilderte Jaures wiederum die Unregelmäßigkeiten im Esterhazy- Prozeß. Und nun beginnt etwas, was dieser ganzen Affäre ihren internationalen Charakter gab: antisemitische Straßenkundgebungen in Paris und Algier. Es hat eher geschadet als genützt, daß die deutsche Regierung auf eine Anfrage Eugen Richters im Reichstag an demselben Tage erklärte, sie habe keinerlei Beziehungen zu Dreyfus gehabt. Wir wissen aus jetzigen Veröffentlichungen der deutschen Akten, daß man in Berlin später diesen ganzen Skandal sehr wohlgefällig ansah, weil man sich, kurzsichtig genug, davon eine dauernde moralische Isolierung Frankreichs versprach. Im übrigen aber stellt sich jetzt heraus, daß der deutsche Botschafter auch von den Beziehungen seines Militärattaches zu Esterhazy nichts gewußt hat. Er wurde direkt irregeführt. Am 23. Februar 1898 wurde Zola zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe verurteilt. Das Urteil wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben, aber am 18. Juli wieder bestätigt. In der Kammer aber kamen immer neue Schriftstücke gegen Dreyfus zur Verlesung. Das interessanteste war ein gefälschter Brief Schwartzkoppens. in dem es hieß: „Ich werde sagen, daß ich niemals Beziehungen zu diesem Juden unterhalten habe. Das ist abgemacht." Und diese Ableugnung wurde weiter ausgeführt. Man nahm ohne weiteres an, daß ein deutscher Militärattache Antisemit sei. Da erschien im „Temps" ein Artikel des Oberstleutnants Picquart, Chefder Nachrichtenabteilung des Generalstabs. Dafür: wurde er verhaftet, während Zola Frankreich verließ. Picquart schwieg