Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRriLI l|i'!!!ll!:ill!l!IIIMI|limilllllll!IMIII!lMIIIIMIIIIIMIIIIIMIIH^ Soit% 3 oder Wohlfahrtsbestrebimgen, die nicht von uns und unserer Gemeinde — ganz abgesehen von unseren rituellen Bedürfnissen — in ihrer besonderen jüdischen Art gesehen und erfaßt werden müßten. In diesem Sinne hat eine volkstümliche Redewendung, die darauf hinausläuft, daß unser jüdisches Leben häufig ein getreues Spiegelbild unserer Umgebung sei, ihren guten Sinn und ihre Berechtigung. Wir glauben, mit diesen Ausführungen schon einiges über den Aufgabenkreis der jüdischen Gemeinde gesagt zu haben. Prüfe ein jeder, ob die Gemeinde bereits den hier skizzierten Aufgaben gerecht wird — und man wird feststellen müssen, daß noch manche Aufgabe ihrer Erledigung harrt, noch mancher fromme und berechtigte Wunsch unerfüllt bleibt und — bei dem offen baren Mangel an M i t t e In — vorderhand unerfüllt bleiben muß. Und dabei haben wir mit der Aufzählung derjenigen gemeindlichen Aufgaben, welche die Gemeindesteuern aufzehren, erst den Anfang gemacht: wir haben noch nicht der Friedhöfe gedacht, auf denen unsere Väter und Mütter ruhen, . auf denen wir mit ihnen dereinst wieder vereint werden wollen, wir haben noch kein Wort von den vielfachen und bedeutsamen G es a m th e i t s au f g a b e n gesprochen, deren Kosten auch aus den Gemeindesteuern zu bestreiten sind: für unsere Rabbiner-Seminare und Lehrerbildungsanstalten und dergleichen mehr. Nein, die Gemeindesteuern sind notwendig, und sie sind — von den eingangs erwähnten Schwierigkeiten, deren Beseitigung ja nur eine Frage der Zeit ist, abgesehen — auchnicht zu hoch. Und sie werden in dem Augenblick auch nicht mehr als drückend empfunden werden, in welchem wir uns mit den Aufgaben, deren Er tüllung sie dienen, innerlich, seelisch, in Erkenntnis ihrer Notwendigkeit und ihrer Bedeutung für unser Eigenleben und unsere Gemeinschaft, deren Gegenwart und Zukunft, identifizieren. Das Wort: tua res agitur — deine eigene Sache, deine höchstpersönliche Angelegenheit ist es, um die es geht — es gilt ganz besonders von den Aufgaben einer Gemeinde. Wäre die Gemeinde nicht da — die Aufgaben, die sie erfüllt, würden heute und morgen an jeden einzelnen von uns herantreten. Das ist der Dienst, den die Gesamtheit dem einzelnen leistet, und — um keinen Ausdruck zu gebrauchen, der verletzen könnte, sagen wir: abwegig ist die Frage „wozu die Gemeindesteuern zahlen, was habe ich von ihnen und der Gemeinde?" Nochmals: die Gemeindesteuern sind notwendig — und wir werden anders zu ihnen stehen, sie mit andern Augen betrachten, wenn wir uns mit den Aufgaben unserer Gemeinde identifizieren. Wer betrachtet die Beträge, die er aus seinem Vermögen und seinem Verdienst seiner Mutter, die ihn geboren, seinem Vater, der ihn erzogen, widmet, als ein hartes Muß, als ein schweres Opfer? Wier erfüllt mit der Widmung dieser Beträge nicht vielmehr eine gern übernommene, eine in kindlicher Dankbarkeit gern erfüllte Pflicht? Welches Kind gar möchte dieses Recht sich nehmen lassen? Und das ist das Ziel und das Ergebnis unserer Ausführungen: je inniger wir mit unserer Gemeinde verwachsen, um so mehr wandelt sich in unserem Denken und Empfinden unsere PflichtzurZahlung d'er Gemeindest e u e r um in ein Re ch t, we n i gs t e n s du r ch unsere Steuer an der Arbeit unserer Gemeinde teilzunehmen, teilzuhaben an dem Segen, der von ihr und ihrer Wirksamkeit ausgeht. Wui^Mciumkn^^tthAde0 seiner Habe. Die Diener sind entlaufen, sein Weib liegt einsam und verlassen da, gebiert vor Schrecken ein Kind und stirbt trotz seiner Pflege an Verblutung. Abdias und der Säugling bleiben in der leeren, verwüsteten Felsenwohnung allein. Eine einzige Magd kehrt zurück, die das Kind pflegt, aber Abdias haßt, weil sie ihm die Schuld an diem Tode der Frau gab. Auch einen Knaben der Dienerschaft, Uram, findet er und behält an ihm einen treuen Diener. Heimlich bereitet Abdias alles zur Flucht vor und verläßt unbemeirkt mit den Dreien den Ort. kommt nach mühseliger Reise an die Küste und schifft sich nach Europa ein, nachdem, ihm noch die Magd wegen einer Liebschaft entlaufen war. Mit dem Kind und dem Diener Uram kommt er nach Europa, erwirbt in unfruchtbarer Gegend am Südabhange der Alpen einen Grund, baut sich ein Haus und lebt einsam. Eine furchtbare Erkenntnis wartet seiner. Sein Kind ist blind. Die schönen Augen Judiths waren eine Täuschimg, waren lichtlose Leuchten. Alle Aerzte können nicht helfen, nur die traurige Tatsache bestätigen, daß von menschlicher Hilfe nichts zu hoffen ist. Er lebt ganz dem Kinde, erwirbt, verdient nur, um dem blinden Kinde durch Geld später Pflege und Liebe erkaufen zu können, für dasselbe über seinen Tod hinaus gesorgt zu haben. Der Diener Uram stirbt. Uni diese treue Seele ärmer, muß er auch noch seinen treuen Hund erschießen, weil er scheinbar Zeichen der Tollwut äußert. Da schlägt noch der Blitz in das Haus ein — aber dieses Unglück wandelt sich in Segen. Unter dem elementaren Ereignis wird Judith sehend. Das Glück kaum fassend, lebt er wieder ganz denn Kinde, lehrt es* sehen, sieht sie erblühen und geneser. Eines Tages — es ist wieder Gewitter im Anzüge — sinkt Judith ohne Anlaß und Grund bei heiterster Gesundheit dem Vater tot in die Arme. Abdias hat alles verloren — stumpf und dumpf soll er, im Wahnsinn lebend, über 100 Jahre alt geworden sein. Dies ist der kurze Inhalt der Erzählung, die ein Problem darstellt, wie Stifter eingangs selbst bemerkt: „Es gibt Menschen, auf welche eine solche Reihe von Ungemach aus heiterem Himmel fällt, daß sie endlich dastehen und das hagelndeGewitter über sich ergehen lassen; so wie es auch andere gibt, die das Glück mit solchem ausgesuchten Eigensinne heimsucht, daß es scheint, als kehrten sich in einem gegebenen Falle die Naturgesetze um, damit es nur zu ihrem Heile ausschlage." Stifter will von einem Mann erzählen, an dem sich manches davon darstellte und von dem es ungewiß ist, ob sein Schicksa! ein seltsameres Ding sei oder sein Herz. Und dieser Mann ist der Jude Abdias. Warum der Jude? Warum hat der Dichter einen Juden zum Träger dieser Idee gemacht und den Leser autgefordert, am Ende der Geschichte über den Juden Abdäas zu urteilen, „wie es ihm sein Herz nur immer eingibt?" Diese Frage ist berechtigt, denn das Schicksal waltet über Guten und Bösen, Juden und Nichtjuden. Oder etwa nur über Juden? Lauert etwa hinter dieser Vermutung die alte Vorstellung von dem fluchbeladenen Volke der Juden, auf dem dräuend die Hand des strafenden und rächenden Gottes lastet, wie sie die Ahasversage zur gedanklichen Seele ihrer Entstehung hat? Man ist versucht zu glauben, daß Stifter in „Abdias" nicht das Schicksal eines einzelnen Menschen, sondern das des jüdischen Volkes zeichnen wollte. So ist es erklärlich, daß wir in der ganzen Erzählung ein Wort vermissen, das uns — und wäre es nur an einer einzigen Stelle — so wohltuend berührt hätte — das Wort: Mitleid! Auch die poetische Gerechtigkeit verlangt für den vom Schicksal Beladenen Mitleid. Für das jüdische Volk hatte die Kirche eine eigene Auffassung verkündet. Es sei mit dem Fluche Gottes beladen, solle leben und nicht sterben, damit es Zeugnis und Wahrzeichen sei, wie sich die Dräuung Gottes erfüllt hat. Mit seinem Schicksal brauchte niemand Mitleid zu haben. Man könnte bei Abdias, über den Unglück über Unglück kommt, an die biblische Gestalt des