Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 iillf'HlllWHIIIi|ll!lllllll!llll!ll!lllllllll!IIIIIW DIE WAHRHBI1 w i k i s c h e Z a r i s m u s auch die Methode der administrativen Verschickung nach Sibirien aufrechterhalten und — welch eine Ironie des Schicksals! — die Waffe, welche Trotzki und Genossen so oft gegen andere geschwungen haben, sie kehrt sich nun gegen sie selber. Diese Gemeindesteuern! Zu der bevorstehenden Budgetdebatte. Das Steuerzahlen, richtiger: das Steuerzahien- Müssen, wird allgemein nicht den Annehmlichkeiten dieses Erdenlebens zugezählt. Man zahlt die Steuern dem Staate und der politischen Gemeinde, weil es nicht anders geht; man zahlt sie auch — erfreulicherweise sind diejenigen, welche durch Austritt sich ihrer Steuerpflicht entziehen, doch gering an Zahl — wir sagen: man zahlt die Steuern auch der Kultusgemeinde; aber vielfach doch nicht ohne eine leise Klage oder gar ein lautes Murren, sei es gegen die Steuern überhaupt, sei es gegen ihre Höhe. Was die Höhe der Gemeindesteuern betrifft, so können wir an der Tatsache nicht vorbeigehen, daß sie oft — besonders von dem jetzt wirtschaftlich so schwer leidenden Mittelstand — als drückend empfunden werden, zumal von vielen Mitgliedern der Gemeinde neben ihren Gemeindesteuern größere finanzielle Opfer für die jüdische Allgemeinheit gefordert und auch geleistet werden. Aber nicht die Höhe der Steuern, sondern die Gemeindesteuern an sich stehen hier zu Diskussion. Der Erkenntnis von ihrer Notwendigkeit soll hier, soweit das im Rahmen eines Zeitungsauf satzes möglich ist, der Weg bereitet werden; es ist schon viel gewonnen, wenn der Gemeindesteuerzahler sich Gewißheit darüber verschafft, was mit den Gemeindesteuern geschieht, wozu sie verwandt, welche Anstalten und Einrichtungen aus ihren Erträgnissen unterhalten werden. DaßGotteshaus,Rabbiner undKantor notwendig sind, das wird noch allenfalls verstanden. Und daß letztere ihrer Stellung, ihrem Amte, ihrem Bildungsgrade entsprechend bezahlt werden müssen das ist eine Erkenntnis, die jetzt so ziemlich Allgemeingut geworden ist. Mit der Deckung des finanziellen Bedarfs für den Kultus ist aber der Geldbedarf einer jüdischen Gemeinde bei weitein nicht aufgebraucht. Das unterscheidet eben seit je die jüdischen Gemeinden und ihren Aufgabenkreis so wesentlich von denen der christlichen Religionsgemeinden, dali bei ihnen die F ü r s o r g e für d e n K u 11 u s als etwas Selbstverständliches gilt, daß aber ihr Aufgabengebiet gewissermaßen erst beginnt mit ihren kulturellen, erzieherischen und sozialen Aufgaben. Eine jüdische Gemeinde, die nicht für die religiöse Unterweisung und Heranbildung ihrer schulpflichtigen und ihrer schulentlassenen Jugend sorgt, eine jüdische Gemeinde, die in ihren Etat nicht jährlich einen Betrag für ihre Arm en und ihre -Kranken, ihre Witwen und ihre Waisen einstellt, eine solche jüdische Gemeinde ist undenkbar. Ja, wir gehen bewußt noch einen Schritt weiter und sagen: selbst auf die Gefahr hin, daß die Gemeindesteuern noch höher werden müßten, eine Gemeinde, die in der wohl ungewöhnlichen glücklichen Lage sein sollte, keine Bedürftigen der vorgenannten An in ihrer Mitte zu zählen, müßte gleichwohl in ihrem Etat einen bestimmten Betrag einsetzen, um aus ihn. Beiträge an die Waisenhäuser, Alters- und Siechenheime, Kranken- und Genesungsheime ihrer Stadt oder ihres Landes zu leisten. Denn es gibt fast'keinen Notstand und es gibt demzufolge auch fast keine auf Abstellung solchen Notstandes abzielende kulturellen Christen, gut und freundlich gegen sein Kamel, für das er sich das kostbare Wasser entzog und den Balsam nicht sparte, um dessen Wunden zu heilen. Ueberall war Abdias gewesen, hatte gedarbt, gehungert, gewuchert, zusammengerafft, gehütet und kommt nach 15 Jahren Fremde zu Fuß mit zerrissenen Kleidern in die väterliche Behausung zurück. Ehe er die Wohnung betritt, weist er im Keller dem Vater den Gewinn der Jahre vor und als ihn dieser zufriedenstellt, bricht die Vaterfreude durch. Wiedersehen und Ankunft weiden gefeiert. Später heiratet Abdias die schöne Debora aus Balbek lind bringt sie in das Vaterhaus. Aron, der Vater teilt mit ihm sein Gut. Abdias geht dem Geschäfte nach, ist gehorsam und demütig gegen die Leu neu der alternden Eltern, die-sterben und von Abdias begraben werden. Abdias reiste, handelte und zog die schimmernde Straße des Reichtums. Er häufte den Reichtum, war gut gegen alle, Tiere und Sklaven und Nachbarn, aber sie haßten ihn dafür. Sein Weib überschüttete er mit allem Guten, obwohl sie unfruchtbar war; als er aber von einer Reise nach Odessa, wo er von den Pocken befallen wurde, im Antlitz ungestaltet und entstellt heimkehrte, erstirbt ihre Liebe zu ihm. Sie wendet sich von ihm ab. verabscheut ihn. Die Nachbarn belachten sein Angesicht und sagten, der Aussatzengei Jehovas wäre über ihn gekommen und habe ihm sein Merkmal eingeprägt. Schweigend arbeitet Abdias weiter, wird ein Führer der Karawanen, ein Krieger und Kämpfer, besiegt Feinde, kleidet sich in Reichtum und strebt in Gedanken, die Würde eines Bei zu erlangen. Er kehrt heim: sein Heim, sein Hab und Gut ist von den Berbern geplündert, ausgeraubt; er ist um alles gebracht. Die Nachbarn beschuldigen ihn, durch sein äußerlich reiches Auftreten sie alle verraten, die. Habgier der Berber gereizt zu haben und fordern von ihm, daß er auch ihnen den Schaden gut mache. Er begegnet ihnen, mit Ruhe, zwingt sie so alle zur Ruhe und sucht nach den .Resten Seuilletcn, Stifters Abdias. Anläßlich des 60. Todestages des Dichters. Von Dr. V. K u r r e i n. In einer Ruinenstadt der nordafrikanischen Berberstaaten haust der Jude Aron und sein Weib Esther, die einen Knaben von wunderbarer Schönheit, Abdias, haben. Als der Sohn herangewachsen war, sprach der Vater zu ihm: „Sohn Abdias gehe nun in die Welt und da der Mensch auf der Welt nichts hat, als was er sich erwirbt und was er sich in jedem Augenblicke wieder erwerben kann und da uns nichts sicher macht, als diese Fähigkeit des Erwerbens, so gehe hin und lerne es!" — Ein Kamel, eine Goldmünze und ein alter Kaftan sind die Ausstattung, die der Sohn auf den Weg mitbekommt, dazu noch eine väterliche Mahnung: ,.Wenn du so viel hast, davon ein Mensch leben kann, so komme zurück und ich gebe dir so viel dazu, daß ein zweiter und mehrere andere auch zu leben vermögen .... Jetzt, Sohn Abdias, sei gesegnet, gehe hin und verrate nichts von dem Neste, in dem du aufgeätzet worden bist." Abdias zieht in die Welt Er kannte keine Sprache und lernte sie alle, er hatte kein Geld und erwarb sich dasselbe, hatte keine Wissenschaft, lebte sehr dürftig und war ein Ding, das der blödeste Türke mit dem Fuße stoßen zu dürfen glaubte und stieß. Er war hart und unerbittlich, wo es seihen Vorteil galt, hämisch gegen die Moslims und