Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 5 (3.2.1928)
- Date
- 1928-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Numm er 50 Groschen. mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden* und den vjAmtlidieii Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" iiiiHiiiiiitiiiiiiiiiiuiiiiititiuiiiniiiiiiiiiniiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii» Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 3. Februar 1928 Nummer 5 Nach Sibirien. Bekanntlich hat die Sowjetregierung alle Mitglieder der Opposition nach Sibirien verbannt. Trotzki, Radek, Litwinow, Kamenew, Sinowiew, Rakowski und dreißig andere Mitglieder der Opposition müssen daran glauben. Sie werden, wenn sie nicht zu Kreuze kriechen, in den nördlichsten Teil von Nord-Ost-Sibiri.en geschickt, viele Kilometer weit von der letzten Bahnstation. Auf einen 8 Monate lang dauernden Winter folgt ein kurzer Sommer, und Nachrichten von der Welt da draußen erlangt man, wenn wir die Ereignisse fast schon vergessen haben. Trotzki und Genossen, die seit dem Beginn der Sowjet-Aera in Palästen gewohnt haben und mit Extrazügen gereist sind, sie werden, wenn sie das sibirische Reiseziel lebend erreichen, in niederen Holzhäusern inmitten einer armen Bevölkerung, die vom Fischfang lebt, die kurzen Tage und die langen Nächte elend vertrauern. Die furchtbarste Marter der Verschickten ist die entsetzliche Langweile, über die die nach russischer Manier endlosen Diskussionen über die Theorie des Sozialismus nicht hinweghelfen. Man wird sie auch nicht an einem einzigen Ort konzentrieren, sondern man wird sie in weit von einander entlegene Dörfer dislozieren, damit sie nicht den Trost des gemeinsamen Leides finden. Zu Justinians Zeiten schrieb Boetius im Kerker sein Buch über *den Trost der Philosophie und Trotzki wird, wenn ihn die sowjetischen Schergen und das Klima das Leben lassen, Memoiren schreiben. Da wird er sich erinnern, daß er einmal Leib Davidovicz Braunstein geheißen hat, daß ein eigenartiges Schicksal ihn weit über alle Menschen erhoben und daß dasselbe Schicksal ihn von glänzender Höhe in abgründige Tiefe gestürzt hat. Machiavelli sagt in seinem Buche vom Fürsten, daß die Staaten daran zugrunde gelten, wodurch sie groß geworden sind. Rom wurde groß durch seinen Militarismus und ging zugrunde an dessen Ausartung zum Prätorianismus. Die soziale Revolution hat Trotzki in die Höhe gehoben und die Ausartung dieser Revolution stürzt ihn in die. Tiefe. Vom Judentum hat er nichts wissen wollen, und nun erlebt er es, daß seine ehemaligen Genossen im Kampfe gegen ihn ihre Pfeile in das Gift des Judenhasses tauchen. Er hatte bereits das Judentum vergessen und er verkannte das antisemitische Gedächtnis der anderen. Sie haben dem Trotzki den Braunstein nicht verziehen, ebensowenig wie die russischen Emigranten einigen Volkskommissären verziehen haben, daß sie, trotzdem sie nur Juden waren, in ihrem Vaterlande die politische Vorsehung gespielt haben. Gutes hat Trotzki-Braunstein uns nicht gebracht, aber auf dem jüdischen Schuldkonto steht mit großen Lettern der Name des Leib Dawidowicz Braunstein. Er wird nicht einmal von sich sagen können, daß er zwar das Judentum verlassen, dafür aber die Menschheit gefunden hat. Er wird nicht sagen können, daß er, indem er alle erlöste, auch Israel erlöst hat. Denn was gut jüdisch ist im sowjetischen Rußland, es füllt die Kerker und die sibirischen Verbannungsorte und es treibt sich draußen in der Welt herum, im Elend des Exils. Die Mehrheit seiner Genossen in Rußland selbst ist von ihm abgerückt und die Sozialdemokratie aller Länder lehnt ihn ab. ebenso wie sie den Bolschewismus als eine Entartung des Gedankens vom sozialen Staat mit Entschiedenheit ablehnt. Mit Schrecken sahen die besonnenen Sozialisten aller Länder, wie sich der reine Marxismus in Sowjetrußland kompromittierte. Die Schrecken des Krieges hatten dem Sozialismus einen ungeheuren Fonds von Lebenskraft gebracht, aber ein Blick auf das bolschewikische Paradies hat diesen Fonds bettelarm gemacht. Ein blühendes Land wurde zugrunde gewirtschaftet, und — welch ein Hohn! — die soziale Erlösung arbeitet im schier endlosen Rußland mit den dreimal verfluchten Methoden des Zarismus. In unheimlichen Kellern peinigte man tau-, sende Anhänger der alten Ordnung und nicht nur sie. sondern mit besonderem Behagen auch waschechte Soizalisten, wenn sie nicht auf die alleinseligmachenden Lehren der bolschewikischen Machthaber schwuren. Man hat sie gepeinigt und man hat sie gemordet. Ein Spitzelsystem, noch schlimmer als das der zaristischen Ochrana, umspannte das Land. Die Presse wurde geknebelt, die Freiheit erdrosselt, die Demokratie erschlagen und aus der Herrschaft des Proletariats wurde die Diktatur einer kleinen Gruppe von Proletariern über ein Land von 130 Millionen, und damit an dem Bilde vom kaiserlichen Zarismus nichts fehle, hat der bolsche- ~M