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Die Wahrheit · 1928-01-27 · Heft 4 (27.1.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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!!!l||!llllllll!l!il!llini!HnillllllilllHlllil!IH SeltC 9 Eine ernstere Beachtung oder vielleicht richtiger eine gründlichere Beobachtung dürften die Betrachtungen beanspruchen, die Frau Mathilde Ludendorfi über den gegenwärtigen Stand der lutherischen Kirche anstellt. Die Dame, die weder vom Alten noch vom Neuen Testament etwas wissen will, hat angeblich ein Testament Luthers entdeckt, das sie nicht sozusagen, sondern wirklich toll vor Freude macht. In diesem Testament soll Luther die Austreibung der Juden und Zerstörung der Synagogen als Stätten des Satanskultus anbefohlen haben. Frau Ludendorff beschuldigt jetzt die Testamentsvollstrecker Luthers, das sind die lutherischen Geistlichen, den letzten Willen ihres Meisters in schmählicher Weise verraten zu haben. Und warum das? Aus einem naheliegenden Grunde. Mehr als fünfhundert Geistliche, die die Kanzel der Lutherkirchen beherrschen, seien eben Vollblutjuden und unterstünden der geheimen Gerichtsbarkeit der Oberrabbiner! Jeder Vernünftige wird einsehen, daß man von den Oberrabbinern billigerweise keine andere Haltung in dieser Angelegenheit erwarten darf. Man kann nur staunen, wie es diesen Oberrabbinern gelungen, einen so beträchtlichen Teil der bekanntlich in sehr dürftigen Verhältnissen lebenden Talmudjünger in die gutdotierten Stellungen lutherischer Geistlicher hineinzuschwindeln. Und rätselhaft bleibt es auch, daß diese Masseninvasion erst den Augen einer scharfsinnigen Frau auffiel. Frau Lüdendorff hat aber auch das Mittel entdeckt, diesen Testamentsfälschern das Handwerk zu legen. Sie empfiehlt den Völkischen, diese Geistlichen, wenn sie es noch ferner wagen wollten, von der Kanzel das Alte Testament auszulegen, durch entsprechende Zurufe zum Schweigen zu bringen. Warum die Dame nicht gleich die Völkischen ermuntert von dem betreffenden lutherischen Geistlichen die Auslegung des von ihr entdeckten famosen Luther-Testamentes zu urgieren? Sie denkt, mau darf von den Vollblutjuden doch nicht zu viel auf einmal verlangen. Frau Mathilde Ludendorif, die in treuer Liebe und unerschütterlichem Judenhaß literarisch für die Ideale ihres Gatten kämpft, schreibt in der „Deutschen Rundschau": „Juden, Jesuiten und Freimaurer sind Mondnaturen, d. h. sie zeigen immer nur eine Seite, kehren aber die andere, ganz verschiedenartige Seite, die ihr eigentliches Wesen bekundet, von der Oeffentlichkeit ab. . . . Jetzt aber sei ihre Mondnatur durch die geschichtlichen Bemühungen (vor allem des Ehepaares Ludendorff) mitten auf eine .Drehscheibe' gesetzt worden, so daß allmählich auch ihre Kehrseite sichtbar werde." Dem General Ludendorff war es seinerzeit leider nicht beschieden, die Feinde zu vertreiben, aber seiner Gattin kann es wirklich glücken, durch derartige, an unheimliche Phantasien Mondsüchtiger gemahnende Betrachtungen ängstliche Freunde ihres Gatten in die Flucht zu schlagen. Wie sich Jesuiten und Freimaurer zu den Bemühungen der Dame; sie auf eine „Drehscheibe" zu setzen, verhalten werden, das ist ihre Sache. Was die Juden betrifft, so glaube ich der Vermutung Ausdruck geben zu dürfen, daß diese in ihrer überwiegenden Mehrheit, schon aus Galanterie gegen die Dame selbst, sich dagegen sträuben werden, ihr die — Kehrseite zu zeigen. Das durfte ihr Herr Gemahl, als er sich unter dem Schutze einer blauen Brille flüchtete, den Franzosen gegenüber tun, denen er wirklich in den Kriegsjahren keine Rücksicht schuldig war. * -X- * Der neuernannte Primas von Ungarn, Justinian Seredi, hat, seitdem er den Boden seines Vaterlandes betreten, wiederholt seiner Ueberzeugung m einer Weise Ausdruck gegeben, die die Antisemiten aller Couleurs wie blutige Peitschenhiebe empfinden müssen. In einer dieser Reden, die aus Budapesi offiziell mitgeteilt, auch von der „Reichspost" reproduziert wurden, heißt es unter anderem: „Ich halte jede Religion in Ehren, ich schätze jedermanns Religion .... Wer seine Religion schätzt, dem kann man vertrauen, weil er an Gott glaubt." Die „Reichspost" macht hierzu die Bemerkung: „Ungarn horcht auf. So spricht ein unabhängiger furchtloser Mann, der nicht gekommen ist, nach Popularität zu haschen". Auch in Oesterreich mag mancher aufhorchen und denken: Welch unvorsichtige Zustimmung von Seiten eines Blattes, das, wenn es gegen die Juden und ihre Religion ging, wiederholt schützend an der Seite der Hakenkreuzler zu treffen war, die in der schamlosesten Weise das Alte wie das Neue Testament besudeln. Ego. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Die Urgroßmutter. (Aus Elisa Orzeska, „Licht in der Finsternis".) Nach einer Weile erschienen in der Tür zwei weibliche Gestalten: die eine in blendendem, vielfarbig funkelndem Glänze. Es war eine alte, eine uralte Frau. Nicht gebückt, sondern hoch aufgerichtet, groß und stark. Um ihr Haupt war turbanartig ein farbiges Tuch geschlungen, dessen Enden über der Stirn von einer Diamantagraffe festgehalten wurden. An der Halskette aus riesigen Perlenschnüren eine Diamantschließe. Die Perlen hingen bis zur Schürze herab, die den blumendurchwirkten, schwerseidenen Rock bedeckte. Die Diamantenohrgehänge reichten ihr bis zu den Achseln und waren so schwer, daß sie mit Schnürchen am Turban festgebunden werden mußten. Hell funkelten und glitzerten Brillanten, Smaragde und Rubine und stießen bei jeder Bewegung klingend an die Perlen und an die darunter glänzende dicke Goldkette. Diese hundertjährige israelitische Frau, im Schmuck aller Kostbarkeiten, die man seit Jahrhunderten in ihrem Hause erworben und aufgestapelt hatte, war für die ganze Familie eine tiefste Ehrfurcht erweckende Reliquie. Als sie, von einer ihrer Urenkelinnen geführt, entern Mädchen mit schmalem Gesicht und pechschwarzem Haar, auf die Schwelle der Stube trat, blickten aller Augen zu ihr auf. alle Lippen lächelten und flüsterten: „Bobe! Alte Bobe! Großmutter! Urgroßmutter!" Die meisten der Anwesenden sprachen das letzte Wort aus, da die Urenkel und Ururenkel in der Mehrzahl waren. Bloß der Hausherr, das Oberhaupt der ganzen Familie, sprach leise zu ihr: „Marne!1' Seltsam süß und feierlich zugleich erklang dies Wort, das sonst nur Kindermund kennt, von den welken, fahlen Lippen Sauls, die sich in dem schneeweißen Bart bewegten. Und bei diesem Worte glättete sich die durchfurchte Sürn unter dem schneeweißen, mit einer Samtkappe bedeckten Haar. Längst verschwunden waren die schmalen, schönen Wangen, die schwarzen feurigen Au^en und die schlanke geschmeidige Gestalt Frejdas, der stillen, klugen und arbeitsamen Frau und Vertrauten des Hersch Ezofowicz. hn Laufe der Zeit hatte sicli die einst schlanke und schmucke Gestalt gleich einem Stamme entfaltet, dem viele starke und fruchtbare Aeste entsprossen. Ihr Gesicht hatte ein Netz von kleinen Runzeln bedeckt; die Augen waren kleiner geworden und ein-

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