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Die Wahrheit · 1928-01-27 · Heft 4 (27.1.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WA HR HEU ^tiiiiiiiiliiiiiiiiilliiilillllillllllllllOllllllllllM Seite / über. So sehen wir die Sache. Eine Zerrüttung des Geistes und der Nerven anzunehmen, ist ein ebenso billiger Trost als eine ganz an der Oberfläche haftende Erklärungsart. Der Vorgang ist psychologisch zu bewerten. Ja, wir finden bei dem General noch einen löblichen Charakterzug. Wie bei all dem häßlichen Verhalten von Josephs Brüdern betont wird, daß sie Offenheit zeigten und mit „ihren Brüdern nicht friedlich reden konnten",, so bei Ludendorff. Er ist nicht hinterhältig: er deckt seine Karten auf und gefällt uns besser als Tausende, die versteckt und verschlagen ihr Gift gegen uns spritzen und ihren klar erwiesenen Judenhaß christlich zu verbrämen suchen. Solches Doppelspiel treibt Ludendorff nicht. Er geht bis zur letzten Konsequenz; wir wollen auch ihm in dieser Beziehung Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wie oft haben prominente Vertreter der Kirche, der Wissenschaft, des Staates, der Politik erklärt, ein wahrer Christ könne nicht Antisemit sein. Und doch sehen wir soviel Judenhaß gerade unter christlicher Flagge segeln. Im Jahre 1922 haben Hitleragentcu überall in Bayern erklärt, das christliche Kreuz könne nur im Lichte des Hakenkreuzes neu erstarken und blühen. In staatlichen Schulkommissionen suchte man bei Beratung von Lehrplänen des Religionsunterrichtes das Alttcstamentliche stofflich möglichst zu beschränken und qualitativ möglichst hinabzudrücken, unter für uns wenig schmeichelhafter Begründung. Der Wellenschlag antijüdischen Geistes dringt in alle Maßnahmen und Organisationen ein. Vielleicht gibt Ludendorffs Religionswechsel doch Anlaß zu prüfen, ob man mit Judenhaß echt christlichen Geist züchten und gewinnen kann. Hakenkreuz und Kubus sind neuere Götzen, die — um mit der Schrift zu reden — die Vorfahren „weder kannten noch gefürchtet" haben. Sie dürften aber während ihrer kurzen Lebenszeit schon jedem Vernünftigen genügend klar ihr Bild abgegeben haben. Unser hebräischer Unterricht. (Ein Vorschlag zur Lösung.) Von L. Wiesner. Die Ereignisse im letzten Jahrzehnt haben unsere Nervei; derart in Spannung gehalten, daß eine der jüdischsten unserer Angelegenheiten, der hebräische Unterricht unserer Kinder, in den Hintergrund getreten ist. Während der ganzen Dauer d&r Zurückstellung dieses Themas, das früher zuweilen auch Gegenstand öffentlicher Diskussionen zu sein pflegte, hat der hebräische Unterricht unserer Jugend nicht nur keine Förderung erfahren, sondern, was viel ernster ist, einen immer schärfer sich ausprägenden krisenhaften Charakter angenommen, der es gebieterisch fordert, den Gegenstand wieder auf die Tagesordnung zu setzen und sich mit demselben ernstlich zu befassen. Ein Blick in die öffentlichen Schulen genügt, um den Tiefstand der hebräischen Kenntnisse unserer Schuljugend zu erkennen. Daß der Fortbestand des Kultuslebens einer jüdischen Gemeinde ohne Kenntnis und Verständnis des Hebräischen seitens des Nachwuchses ernstlich gefährdet ist, wird jeder Jude, welcher Richtung immer er angehöre, zugeben. Der wundeste Punkt unseres Hebräischunterrichtes ist das mangelnde und mangelhafte Hebräischlesen. Dieses ist es, welches wie ein Bleigewicht den Hebräischunterricht beschwert, einen solchen gar nicht aufkommen läßt und Verstimmungen und Verdrießlichkeiten schafft, welche dem Schüler das Lernen und dem Lehrer das Lehren verleiden. Diese Erkenntnis ist ebensowenig neu, wie es bisher an ernsten Bemühungen gefehlt hat. das Uebel zu beseitigen. Vor mehr als 35 Jahren glaubte man durch Errichtung sogenannter Leseschulen Abhilfe zu schaffen, später hatte man für eine Unterklasse der Volksschule eine fakultative Ueberstunde für das Hebräischlesen eingeführt, die Lehrmittel (Fibel und Gebetbuch) wurden verbessert, einzelne Lehrer liaben praktische Lehrbehelie ersonnen, andere methodische Winke und Ratschläge erteilt, und nebstbei wurde die Frage in vielen Konferenzen eingehend und eifrig erörtert. Aber alle Versuche und in Vorschlag gebrachten Mittel und Wege haben zu keinen dauernden und durchgreifenden Erfolgen geführt. Es ist für eine sich ihrer Aufgabe und Verantwortlichkeit bewußte Lehrerschaft ein peinigendes und bedrückendes Gefühl, trotz des besten Willens und trotz des Aufwandes vieler Mühe, auf diesem Gebiete nicht weiter gekommen zu sein. Nach wie vor stehen wir vor der Frage, wie ließe sich der hebräische Unterricht in der uns zur "Verfügung stehenden Zeit, von seinen grundlegenden Elementen angefangen, derart gestalten, daß er in seinem Unterbaue eine tragfähige Grundlage abgebe, auf welcher in angemessenem, systematischen Stufengange erfolgreich weiter gebaut werden könnte? Uns damit abzufinden, daß die Frage unlösbar ist, geht wohl nicht an. Wir müssen an diese vitale Frage immer wieder von neuem herantreten. Es ist im Interesse des Fortbestandes des jüdischen Kultuslebens unmöglich, darauf zu verzichten, daß unsere Kinder in den ersten vier bis fünf Jahren ihres Schulbesuches zumindest ein, wenn auch langsames, aber korrektes Hebräischlesen erlernen, um im wetteren Verlaute, bei zielbewußter Lehrmethode und Schulung, jene positiven hebräischen Kenntnisse zu erwerben, auf welchen sich das öffentliche praktisch-religiöse Leben breiter Volksschichten aufbaut. Die Frage rührt an das innerste Mark einer jüdischen Kultusgemeinde. Zu den vorliegenden Vorschlägen ermutigt uns der Umstand, daß wir damit nichts Neues und Originelles vorbringen, sondern bereits Bekanntes, Erprobtes und Bewährtes mit entsprechender Modifikation und Einschränkung auf unsere Verhältnisse zur Anwendung gebracht wissen wollen. Das ist alles. Angesichts der unbestreitbaren Erfolge, welche die meisten hebräischen Schulen erzielen, drängt sich die Erwägung von selbst auf, ob wir in methodischer Beziehung von diesen Schulen und ihren Lehrern nicht manches lernen und übernehmen könnten, was für unsere Zwecke von praktischem Werte wäre. Sollte es nicht möglich sein, das Unterrichtsprinzip der hebräischen Schulen auf unsere bescheideneren Ansprüche einzustellen und der Erreichung eines weniger weit gesteckten Zieles dienstbar zu machen? Für uns ist ja das Hebräische nicht Haupt- und Selbstzweck, sondern Mittler der religiösen Idee, von welcher wir es rächt loslösen wollen, weil wir dafür halten, daß Geist und Gemüt des Kindes in dein ungleich festeren Boden der Religion verankert werden müssen. Wenn aber auch, vom Gesagten abgesehen, das Hebräische für uns schon aus dem einfachen Grunde nicht Haupt- und Selbstzweck sein kann, weil die Erlernung der hebräischen Sprache bei einem wöchentlich ein- bis zweistündigen Unterrichte sich von selbst ausschließt, so ist nicht recht einzusehen, warum wir nicht zumindest jenes Maß von positiven hebräischen Kenntnissen erzielen sollten, welches man nach bescheidensten Forderungen von jedem Juden vermöge seiner Zugehörigkeit zum Judentum beanspruchen darf. Es ist oit genug gesagt worden, daß es keinen Sinn und Zweck hat, Kinder unverstandene Worte lesen zu lassen. Losgelöst von seinem Begriffe ist das Wort tot, ein leerer Schall, eine Schale ohne Kern. Solches Lesen bringt nicht nur keinen Gewinn, sondern ist sogar schädlich, weil es geisttötend ist. Sehen wir das ein, so müssen wir mit der bisherigen Methode des Leseunterrichtes und mit den mechanischen Leseübungen brechen. Wir trauen unseren Augen nicht, wenn wir lesen, daß eine allgemein anerkannte religiöse Kapazität im 13. Jahrhundert den Satz niederschrieb: „man achte darauf, daß das Kind alles, was es lernt, auch versteht, selbst wenn es auch nur lesen lernt." Also schon beim Leseunterrichte soll auf das Verständnis des Gelesenen geachtet werden. Der Mann, der so dachte und schrieb, war kein geringerer als Rabbi Jehuda Hachassid, Verfasser des Werkes Sefer chassidäm. (Güdemann, Gesch. des Erziehungswesens und der Kultur bei den Juden in Frankreich und Deutschland, S. 190.) Wir können unmöglich noch im 20. Jahrhundert unverstandene Texte in der Schule mechanisch lesen lassen und noch weniger verlangen, daß Kinder solche als Aufgabe zuhause üben. Die erste und wichtigste Aufgabe eines jeden Unterrichtes besteht darin, Interesse für den Gegenstand zu wecken. Das gilt besonders vom Leseunterrichte und ganz besonders vom hebräischen Leseunterrichte. Rousseau nennt das Lesen die Geißel der Kindheit und sagt, daß das Interesse die einzige große Triebfeder sei. die zum Ziele führt. (Rousseau, Emil, Deutsch von Karl Grosse, 6. Auflage, S. 82—83.) Insolange wir an dem toten Punkte des hebräischen Leseunterrichtes nicht den Hebel des Interesses ansetzen und in den Kindern irgendein Lustgefühl an der Sache erwecken, werden wir bei aller unserer Mühe keine nennenswerten Erfolge erzielen. Wie beginnen wir es aber, unsere Kleinen schon auf der ersten Stufe für den Gegenstand zu interessieren? Ganz gewiß nicht in der Weise, daß wir ihnen ein, Seite für Seite mit Buchstaben bedrucktes Büchlein in die Hand geben, in welchem sich auch nicht eine einzige Abbildung befindet. Das Kind sucht in seinem ersten hebräischen Lesebüchlein vergebens nach irgendwelcher bildlichen Darstellung für seine lebhafte Phantasie. Es findet nichts dergleichen darin. Es gewinnt von vornherein zur hebräischen Fibel nicht das gleiche innere Verhältnis wie zur deutschen, welche es aus freien Stücken öfter hervorholt, „um sich die Bilder anzuschauen" und in

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