Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 4 (27.1.1928)
- Date
- 1928-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT mbimmiiimm«^«»^^ Se\te S Englische Geschichte der modernen hebräischen Literatur. Die moderne hebräische Literatur ist um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland entstanden, hat hier verheißungsvolle Knospen getrieben und wurde dann nach Osteuropa verpflanzt, wo sie ihre herrlichsten Blüten hervorbrachte und wo ihre prächtigsten Früchte reiften. Die moderne hebräiische Literatur trug also von ihrer Geburt an das Gepräge der deutschen Aufklärung, sie kämpfte für Freiheit und Licht, für Mehrung und Verbreitung des Wissens, für Ueberwindung veralteter Vorurteile und Abstellung überlebter Zustände auf allen Gebieten. Und dieser Charakter ist der modernen hebräischen Literatur durch alle Wandlungen bis auf den heutigen Tag eingeprägt Reblieben. Darum ist sie den Finsterlingen alleweil ein Dorn im Auge gewesen. Da aber die deutscheu Juden mittlerweile ganz in die deutsche Sprache und Kultur hineinwuchsen, so wurde das Deutsche vollends zum Instrument ihres Denkens und Fühlens; das Hebräische fing alsbald an. sich langsam aus dem Gebiet der schönen Literatur und der Publizistik zurückzuziehen und dem Deutschen Platz zu machen. Hebräisch blieb die Sprache des Gebetes und teilweise auch die Sprache der Wissenschaft des Judentums, die ebenfalls in Deutschland die vornehmste Pflege fand. Anders lagen die Verhältnisse in Osteuropa (Polen, Litauen, Rußland). Die Sprachen dieser Länder fingen damals erst an, — und zwar meist unter dem Einfluß des Westens, besonders Deutschlands — sich zu Kultur- und Literatursprachen zu entwickeln. Die Juden hatten hier überdies sejt jeher am Geistesleben und an der Literatur des Landes keinen Anteil. Die durch die Kultureinflüsse aus Deutschland erwachten neuen geistigen Bedürfnisse unter den Juden hatten als einziges Instrument die ja ebenfalls durch deutschen Einfluß erneuerte hebräische Sprache: das Hebräische war fast ein Jahrhundert hindurch die einzige Kultursprache der Juden in diesen Ländern. Polen, namentlich diejenigen seiner Provinzen, die an Oesterreich und Rußland fielen, war der Boden, auf dem die moderne hebräische Poesie sowie die wissenschaftliche Geschichtsforschung, insofern sie in hebräischem Gewände auftrat, gedieh. Aber die vorliegende Geschichte der modernen hebräischen Literatur ist in englischer Sprache erschienen! . . . Es ist ein Beweis für die Expansion des britischen Kulturbewußtseins. daß ein englisches Unterrichtsministerium, eine Universitätsverwaltung, der Council of education of the Whitwatersrand University. den ersten Band des Werkes „Short Lectures of modern Hebrew Literature" herausgegeben hat. (Johannesburg, Whitwatcrsrand University Preß, 1925.) Die ersten akademischen Vorlesungen über die Geschichte der modeoien hebräischen Literatur sind also'an einer englischen Universität gehalten, und zwar von dem als Lyriker und Dramatiker wohlbekannten Professor der hebräischen Sprache und Literatur an der dortigen Universität, Chief Rabbi, Doktor J. L.L an d-au, —gehalten vor einer akademischen Hörerschaft, die überwiegend aus Nichtjuden bestand, mit den Parteiströmungen und den politischen und sozialen Tendenzen der Judenheit nichts zu tun hatte, und deren einziges Interesse an diesen Vorlesungen darin bestand, eine entlegene geistige Bewegung kennenzulernen. In der vorliegenden Literaturgeschichte spricht einer zu uns, den zunächst die Frage angeht, wie die Juden als historische Gemeinschaft mit einer eigenen Literatursprache und mit großen, wenn auch zeitweise unterbrochenen oder getrübten literarischen und poetischen Traditionen, literarisch und künstlerisch auf die Einflüsse reagierten, die die moderne europäische Umwelt, die modernen geistigen Strömungen im europäischen Gesamtleben und im Leben der einzelnen Völker auf sie ausübten. Er eröffnet die Reihe mit dem genialen Mose Chajjim Luzzato (1701—1747), der z-war Italien und der ersten Hälfte des IS. Jahrhunderts angehört, aber, indem er den Gipfel der seit dem 13. Jahrhundert andauernden, nicht wenig umfangreichen Literaturentwicklung der italienischen Juden repräsentiert, die moderne hebräische Poesie einleitet, ohne sie direkt zu beeinflussen. Diese ging, wie gesagt, von Berlin aus und hat ihre Impulse von der geistjgen Bewegung empfangen, die die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts unter den Juden in ganz Mitteleuropa kennzeichnet und als deren repräsentativer Mann Moses Mendelssohn erscheint. Ihm und seiner Periode widmet Landau ein ganzes KapiteL das zu den schönsten im Buche gehört. Mendelssohns deutsche Bibelübersetzung nebst hebräischem Kommentar bildet einen Markstein in der Kulturgeschichte der Juden, nicht nur Deutschlands, sondern auch, und zwar ganz besonders, der des Ostens. Dieses Werk erschloß ihnen eine neue glanzvolle und reiche Welt, es zeigte ihnen die Sohönheit der Bibel in einem neuen Lichte und führte sie in deren natürlichen Sinn ein. Die Bibel erschien — unbeschadet ihrer Würde als religiöse Urkunde — nebenbei auch als Literaturwerk, das man ästhetisch genießen konnte, und das man als Ursprungs¬ und Hauptwerk einer lebendigen Literatur zu betrachten hatte, an deren weiterer Entwicklung man arbeiten durfte. Diese Anschauung erschien infolge ihrer Neuartigkeit als arge Ketzerei. Bekanntlich wurde Mendelssohns Bibel werk von einigen Koryphäen der damaligen Orthodoxie in den Bann getan, und sein Kommentar — Biur — gilt in den Kreisen der Chassidim und ihrer Gesinnungsgenossen noch bis auf den heutigen Tag als anrüchiges Symbol des Freddenkertums. Dieser Haß der Chassidim erstreckte sich übrigens auf alle Bücher und Strömungen, die innerhalb des Judentums, auch in der Vergangenheit, zum Lichte der Vernunft strebten, so vor allem auf den „Führer der Verirrten" (Moreh Nebuchim) des Maimonides als dessen Jünger und Fortsetzer Mose» Mendelssohn in einem gewissen Sinne betrachtet wurde. Landau erzählt, daß sein Großvater, der mit zwanzig Jahren Rabbiner in der Stadt Grabowitz in Ostgalizien war, mitten in der Nacht, als er bei der Oellampe den „Moreh" studierte, von den Chassidim mit einer Salve von Steinen bedacht wurde, die durch das Fenster in sein Studierzimmer flogen - zur Strafe und zur Warnung. Die frommen Eiferer achteten also weder der Würde ihres religiösen Oberhauptes, noch der Gelehrsamkeit des jungen Rabbi, noch seiner Ahnenreihe von dreizehn Generationen illustrer Rabbiner — obgleich solches einen Chassidim-Rebbe mit einer besonderen Aureole umgeben haben würde . . . Landau verfährt in der Behandlung seines Gegenstandes synthetisch; er ist Individualist, indem er die einzelnen Persönlichkeiten mit markanter Charakteristik hervortreten läßt. Man bewegt sich innerhalb einer lebendigen Schar erlesener Geister. Da wandeln sie an uns vorüber, die ehrwürdigen Schatten jener Männer, welche den Juden von halb Europa die europäische Kultur in ihrer deutschen Ausprägung brachten, ohne sie aus dem Judentum weit weg hinauszuführen, — wie es ihre Zeitgenossen auf dem anderen Ufer taten. Sie lehrten sie, daß sie, um richtige gute europäische Kulturmenschen zu sein, nicht dem Judentum zu entsagen hatten, sondern umgekehrt zuerst richtige gute Juden sein mußten und die edlen Geistesschätze des Judentums der Schatzkammer eben dieser europäischen und deutschen Kultur zuzuführen hatten. Der europäischen Poesie sollten sie einen neuen Ton hinzufügen, dem europäischen Gedanken eine neue Nuance. Da erblicken wir gleich am Eingange den Sänger der „Mosaide" Naphtali Hirz Wessely, dessen klangvolle Verse noch heute das Entzücken aller Freunde des klassischen Hebräisch bilden. Einige Gesänge der Mosaide wurden gleich nach ihrem Erscheinen von christlichen Hebräisten ins Deutsche übersetzt Wessely war der intime Freund von Mendelssohn (und Lessing), Mendelssohns treuer Mitarbeiter am Bibelwerk. Im Jahre 1781 trat er als Kulturkämpfer auf die Arena, indem er in einem berühmt gewordenen hebräischen Sendschreiben an die Juden der habsburgischen Mon archie sie aufforderte, der Anregung Kaiser Josefs des Zweiten zu folgen und den Jugendunterricht von Grund auf zu reformieren. Die Orthodoxie fühlte sich dadurch bedroht, es enispann sich ein heftiger Streit in welchem Wessely arg verketzert und beinahe in den Bann getan wurde. — Da ist die Plejade der „Measphim". in deren Mittelpunkt Mendel Bresselau und Isaak Euchel steht, Mendelssohns getreuer Knappe, sein hebräischer Biograph und der hebräische Uebersetzer seines „Jerusalem". Es folgt Ben Seew. der hervorragende Grammatiker, Lexikograph und Uebersetzer. Er stammte aus Krakau, studierte und arbeitete aber in Deutschland und Oesterreich. Seine gediegene, auch heute noch nicht überholte hebräische Grammatik „Thalmud leschon ibri" war ein Gegenstand besonderen Hasses der Chassidim, welche versicherten, es sei eine schwere Sünde, dieses ruchlose Buch zu studieren, denn es wäre am Sabbath geschrieben worden! . . . Dann Joseph Ephrati Troplowitz, der Dichter des ersten hebräischen Dramas in modernem Sinne des Wortes („Meluchat Saul). Ihm, der gewissermaßen sein Vorgänger ist, widmet Landau eine ausführliche Studie. Um eine