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Die Wahrheit · 1928-01-27 · Heft 4 (27.1.1928) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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!iniiiiiiiiiiiiiiiiiiitniiiH^ S*itk 3 ein in seiner Anlage selbständiges Gebilde, das Zeugnis ablegt von Möglichkeiten fruchtbarer Neuschöpfung, wie sie aus jüdischer Religiosität unserer läge quellen kann und überall quellen müßte. Daß das Werk nicht von einem rabbinischen Fachgelehrten, sondern von einem — wenn das verpönte Wort hier gestattet ist — Laien stammt, gibt ihm einen besonderen Wert und seine besondere Note. Der hebräische Text der alten Pessach-Haggadah ist in seinen wichtigen Teilen festgehalten, alle hebräischen Texte sind ins Deutsche übersetzt zu ihnen gesellt sich freie Uebertragung der nicht im hebräischen Gewände beibehaltenen Stücke. Das Ganze beherscht nun aber nicht ein Geist rationalen und vernunftgemäßen Anordnens, sondern eine naive Frömmigkeit und schlichte Gläubigkeit, zugleich spiegelt sich in ihm die Fröhlichkeit des Rheindeutschen und die Verbundenheit mit der deutschen Landschaft wieder. Der bibliophile Charakter des Buches in dieser Ausgabe kommt zum Ausdruck in der Wahl der Druckbuchstaben, in der Form der Noten und in dem Spiegel des Satzes. Zwölf handgemalte Holzschnitte und viele andere geben dem Buche farbigen Glanz, auch in der Wahl der Illustrationen ist ein neuer Weg beschritten, und manches ist bildlich dargestellt, was in den alten bekannten illustrierten Haggadahs nicht beachtet war. Dem Buchliebhaber ist die Möglichkeit zum Beziige eines vollendet künstlerischen Einbandes eröffnet Wie keine andere will und wird diese Haggadah Altes und Neues künstlerisch vereinen und in der Pessach-Feier neue Pfade zu dem alten, vertrauten Wege brechen. Räbb. Dr. Dienemann, Offenbach a. M. Würde gehalten, aber wenn er auch seiner ganzen Natur flach, sie mied, manchmal wollte es doch das Verhängnis, daß er ihnen begegnete. Schon ein paar Mal war es ihm passiert, daß sie ihm zugerufen hatten, Itzig, wo hast du denn deine Nase lier und ähnliche geschmackvolle Bemerkungen, aber auch dafür gewöhnte man sich allmählich ein härteres Fell an. Da geschah es an einem schönen Sonntagmorgen, als er sich entschloß, mit seiner Schwester einmal ins Freie zu fahren, um wieder ein Stückchen andere Welt als alltäglich zu sehen. Mühsam war er die Bahnhofstreppe hinaufgegangen. Man hatte es schon wieder verlernt, auf Schwerkriegsbeschädigte Rücksicht zu nehmen, und wenn ihn seine Schwester nicht sorglich gestützt hätte, wäre er arg zu Falle gekommen. Aber schließlich erreichte er den Bahnsteig. Dieser war erfüllt — er hatte es nicht gewußt — von vielen jungen Leuten jener Verbände, die das Hakenkreuz und die schwarz-weiß-rote Fahne zu führen pflegten. An ihnen mußte er vorbei, als er seinem Abteü zusteuerte. In diesem Augenblicke tönte ihm das Ehrhardt-Lied entgegen und alkoholgefüllte Kehlen ergingen sich in den häßlichsten Beschimpfungen. Es überkam ihn eine fürchterliche Wut. Er hob seinen Krückstock und wollte auf einen der ärgsten Schreier eindringen, seine entsetzte Schwester war im Begriff, ihm in den Arm zu fallen, da verlor er das Gleichgewicht, sein starker Körper neigte sich über den Bahnsteig, in demselben Augenblicke brauste ein Zug in die Halle und machte seinem Leben ein Ende. Am nächsten Tage las man von diesem erschütternden Fall in der Zeitung. Die wahren Schuldigen wurden nicht genannt. Man sprach von der bedauerlichen Enge unserer Bahnsteige, die dem sonntäglichen Andrang nicht gewachsen sind, man forderte die Eisenbahnverwaltung auf, Vorsorge zu treffen, dfciß eine derartige Mensdhenanhäufung nicht mehr stattfinden könne, aber weiterhin singen ungestört diese Leute ihre Lieder, während man draußen Friedrich Löwy zur letzten Ruhe begleitete. Auf seinen Grabstein schrieb man ihm die Worte: Ihm dankte das Vaterland in seiner Weise. Der justizfrevel an Leopold Hilmer. Aus dem literarischen Nachlaß Dr. Josef S. Blochs s. A. (Schluß.) Daß die Verurteilung von einer Bande organisierter gewissenloser Demagogen mit den verwerflichsten Mitteln der Volksaufwiegelung und Volksvergiftung erjagt, durch Lüge und Fälschung erschlichen, nicht so sehr einen Justizirrtum, vielmehr ein Justizverbrechen darstellt, ist das einstimmige Urteil der gesitteten Welt. Die Geschworenen sind meistens in solchen Situationen nicht minder willenlose Opfer der parteimäßigen wüsten Agitation wie der unglückliche Angeklagte, über den sie urteilen. Schon die Erhebung der Anklage wurde mit Hilfe eines parlamentarischen Skandals erzwungen. Die Untersuchung gegen H i 1 s n e r hatte von vornherein so schwache Anhaltspunkte, daß der Untersuchungsrichter Reichenbach die Haftenlassung anordnete, weil gegen Hilsner nichts Wesentliches vorlag. Ueber die öffentliche Aufforderung eines tschechischen Journalisten in einem Wiener Antisemitenorgan vom 13. April 1899 begab sich der sattsam gezeichnete Abgeordnete Ernst Schneider zu dem damaligen Justizminister Ignaz v. Ruber, um gegen den Landesgerichtsrat Reichenbach Beschwerde zu führen, daß er angeblich den Mörder begünstige, und in der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vom 28. April 1899 hat er dann gegen den Justizminister einen Drohruf ausgestoßen: „Ob nicht wieder der Justizminister Geld eingesteckt hat? Der Justizminister Ruber ist auch bestochen, ich werde ihm schon zeigen!" Das wirkte. Der Akt wurde diesem Untersuchungsrichter abgenommen und ein anderer Richter erhielt den Auftrag, den Angeschuldigten neuerdings zu verhaften und das Verfahren fortzusetzen Ein Vorkommnis in der Wiener Familie Leon hatte einen Sohn dieser Familie so schwer kompromittiert, daß seine Verhaftung und Verurteilung zu einer Zuchthausstrafe sicher bevorstand. Um diesen Sohn zu retten, kaufte diese Familie mehrere Wechsel über hohe Beträge des Justizministers Ruber an und ließ diese Wechsel seiner Gattin zustellen. Daraufhin ist der Untersuchungsakt gegen den jungen Leon aus dem Landesgericht plötzlich verschwunden. Das bot Schneider die Handhabe, gegen den Justizminister Erpressungen auszuüben. Solange ich dem Parlament angehört hatte, hatte Herr Schneider sich noch immer eine gewisse Reserve auferlegt, bei Konflikten mit mir zog er häufig den Kürzeren. Vor mir hätte ein Minister vom Schlage R u b e r s nicht weniger Angst als vor Schneider gehabt. Die späteren jüdischen Abgeordneten waren den Brutalitäten Schneiders nicht gewachsen, sie wurden darum auch nicht gefürchtet. Während der ganzen Dauer der Untersuchung wurden unter Mißbrauch der Abgeordnetenimmunität zahllose Interpellationen eingebracht, in denen alle Justizorgane beschimpft wurden, wenn sie zögerten, dem antisemitischen Kommando zu gehorchen. Insbesondere der Mißbrauch der Parlamentstribüne zur Einschüchterung der Gerichtsfunktionäre hat zum unglücklichen Ausgang der Justiztragödie Hilsner das Meiste beigetragen. Und so ging es nun fort. Es regnete Interpellationen, Flugblätter, die wie eine wilde Jagd schnaubender Dämonen in alle Welt hhmusstoben. das Gift wildesten Hasses, rasender Rachelust verbreitend. Noch ehe die Behörden in der Lage waren, den Tatbestand festzustellen, hatte sich ein sogenanntes Rechtskomitee etabliert, welches mit Unterstützung des Bürgermeisters, des Polizeikommissärs und anderer Gemeindefunktionäre eine förmliche Nebenuntersuchung einleitete, eine große Anzahl von Personen, zirka 180. protokollarisch vernommen. Aussagen der Zeugen für die Hauptverhandlung prä- Dariert und. wenn sie von den Aussagen vor dem Rechtskomitee abwichen, auch korrigiert hatte. Was nützte es. daß Hofrnt O r 1 i c. Chef der Prager Polizei, der im Mittelpunkt der Vorerhebungen stand, an der Suche nach dem Mörder beteiligt war. Hilsner für den Unrichtigen erklärte? So entstand eine suggestive Voreingenommenheit, welche nicht bloß die damals sich meldenden Zeugen beherrschte, auch alle, die sich erst nach Monaten und Jahren meldeten. Ein solcher Zeuge, der sich nach drei Monaten meldete, war ein gewisser Peter Pesak. Dieser sagte nun aus. er habe aus einer Entfernung von 700 bis 800 Meter im Walde einen

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