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Die Wahrheit · 1928-01-27 · Heft 4 (27.1.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 .«»immi^^ 0|g WAHRHEIT Honig; nirgends ist die Meinung, daß die bolschewistische Revolution in Rußland nur das teuflische Werk einer Handvoll „vaterlandsloser Hebräer" sei, so verbreitet, wie im Südosten unseres Erdteiles *). Aber ebenso zeugen die antisemitischen Wallungen bei diesen Völkern davon, daß ihr nationales Bewußtsein noch jung und ängstlich ist; durch Antisemitismus reagieren einzelne oder ganze Schichten, die der nationalen Selbstsicherheit entbehren, ihre Minderwertigkeitsgefühle ab. Je mehr sich aber Staaten wie Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland innerlich festigen, desto schneller wird der demokratische Urinstinkt ihrer Bewohner die ohnehin nicht starken Anfälle von Antisemitismus überwinden. Anders steht es mit Ungarn, Rumänien und der Türkei, wo es großer innerer Umwälzungen bedarf, um den Ungeist der Judenhetze zu vertreiben. Wann die Völker zu diesen Umwälzungen reif und bereit sein werden, steht um so mehr auf einem anderen Blatt, als der Genfer Völkerbund die Behandlung der Juden im allgemeinen als innere Frage der Staaten ignoriert, während sich vor einem halben Jahrhundert ein anderer internationaler Areopag, der Berliner Kongreß, immerhin für die Bürgerrechte der Juden im Südosten einsetzte. Die neue Offenbacher *) Nach der letzten Statistik, die anläßlich des zehnjährigen Sowjetjubiläums dieser Tage veröffentlicht wurde, sind die Juden in der kommunistischen Partei Rußlands mit 48.000 Mitgliedern, d. s. 4 Prozent vertreten, was genau ihrem Verhältnis zur Gesamtbevölkerung Rußlands entspricht. Die Schriftleitung. Der Dank des Vaterlandes, Von Dr. Willy G o Ii n, Breslau. jahrelang hatte Friedrich Löwy auf sämtlichen Schlachtleidem des Weltkrieges gekämpft und in stiller Selbstverständlichkeit seine Pflicht getan, bis ihm bei einem Sturme auf ein Fort von Verdun ein Granatsplitter ein Bein wegriß. Dann lag er viele Monate in den verschiedensten Lazaretten, bis die Wunde so weit abgeheilt war, daß er daran denken konnte, ein künstliches Bein an dem Stumpf zu befestigen. Weitere lange Monate hatte er geübt, um mit diesem vielen Pfund schweren Fremdkörper gehen zu können, dann war er in das Haus seiner Eltern zurückgekehrt. Nun setzten erst die seelischen Kämpfe ein, nun wurde ihm erst bewußt, daß er seine Jugend da draußen begraben hatte und daß es für ihn, den Zwanzigjährigen, hieß, von all den Freuden Abschied zu nehmen, die seine Altersgenossen sonst für sich als selbstverständliches Recht beanspruchten. Für ihn gab es keinen Tanz mehr* keine Wanderungen, ja er, der Krüppel, durfte niemals mehr den Blick zu einer Frau erheben, denn was er in solch einem Augenblick dafür eintauschte, war höchstens ein wenig Mitleid, nie aber die Zuneigung von Mensch zu Mensch, die er so sehr brauchte. Auch dies wurde alles im langsamen und schweren Ringen überwunden. Was blieb ihm auch schließlich übrig? Er gehörte nicht zu den Menschen, die andern gegenüber von ihrem seelischen Erleben viel herzumachen pflegen, und er hatte auch da draußen immer nur alles mit sich selbst abgemacht Es hieß nun auch Abschied nehmen von dem Beruf, der ihm so sehr viel bedeutet hatte. Schon in den Jahren vor dem Kriege hatte er als Volontär auf einem befreundeten Gut gearbeitet und sein größter Wunsch war es gewesen, einmal im Soeben beginnt die Ausgabe der von den Bibliophilen mit Spannung erwarteten Offenbacher Haggadah. Sie erscheint in dem Verlage des Herausgebers Notar Dr. Guggenheim, Offenbach a. M., in 300 Stücken in der Bibelgotisch von Professor Rudolf Koch auf Bütten gedruckt, ist geschmückt mit 12 ganzseitigen, handgemalten Holzschnitten von Fritz K r e d e 1 und einer Anzahl weiterer Holzschnitte; die nicht vorbestellten Exemplare sind broschiert zum Preise von *Mk. 60.— zu beziehen. Was ist das Neue und Eigenartige an dieser Haggadah? In der Hauptsache: sie baut einen Gedanken, der, wie sich nachträglich herausstellte, in einer aus dem Mittelalter erhaltenen handschriftlichen Haggadah gelegentlich einmal aufleuchtete, zielbewußt und methodisch aus, nämlich den Gedanken, in den Text der Haggadah in Anlehnung an einzelne ihrer Worte Stücke aus dem jüdischen Schrifttum, dem alten und dem neuen, einzubauen. Sie erfüllt so die Aufgabe, die jedem wirklich frommen Werk zu eigen sein muß, nicht nur kritisch zu sichten, sondern neu zu schaffen und das Vorhandene zu mehren. Es entsteht dank dieser Methode unter der Hand ein nahezu geschlossenes Bild des Lehrgebäudes des Judentums und seiner Empfindungswelt, und der an der Festtafel Teilnehmende wird an diesem Abend nicht nur zu einem an einer Kulthandlung Beteiligten, sondern zum Forschenden und Lernenden. Durch diese Erweiterung des alten Textes der Haggadah entstand Lande der Väter den Boden selbst bestellen zu dürfen. Man kann nicht sagen, daß er ein ausgesprochener Zionist war. Ihn ekelte alles an,, was Versammlungs- und Parteibetrieb hieß, aber es lockte ihn, da unten die Arbeit am Boden zu leisten, zu dem er sich besonders hingezogen fülüte. Nun war es auch damit vorbei. Kein Pferd konnte er mehr besteigen, über keinen Acker konnte er mehr in frohem und leichtem Schritte dahingehen. Jetzt hieß es, sich irgendwo eine karg besoldete Tätigkeit suchen, um einigermaßen sein Leben zu fristen. Irgend eine Schreibstube würde ihn wohl aufnehmen, und er, der so gern in Luft und Licht arbeitete, wird nun fortan sein ganzes Leben hindurch auf einem Büroschemel sitzen müssen und wenig von der Natur sehen. Nun, es hieß, die Zähne zusammenbeißen und auch dieses ertragen. Gab es doch schlimmere Dinge. Als er da draußen schwer verwundet in dem Erdloch ger legen hatte, da hatte ihn kein Mensch nach seiner Konfession gefragt und in den- Lazaretten suchte man ihm auch nur Liebes und Gutes zu tun. Wenn er aber nun jetzt in den Jahren,- die dem Kriege folgten, die Zeitungen las, und er hatte leider viel zu viel Zeit dazu, dann stürzte eine ganze Welt in ihm zusammen. War das der Dank des Vaterlandes, daß man jetzt die beschimpfte, die mit selbstverständlicher Treue ihre Pflicht erfüllt hatten. Er mußte lächeln, wenn er hörte, daß, man alle Juden Drückeberger nannte. In diesen Augenblicken schmerzte ihn sein künstliches Bein ganz besonders. Selbst diese schwere Verletzung schützte ihn nicht vor persönlichen Insulten, ebensowenig, wie das schwarz-weiße Bändchen, das er bescheiden im Knopfloch trug. Denn er besaß eine jüdische Nase und schwarze Haare und damit war er Freiwild für alle die unreifen Burschen der sogenannten ■ vaterländischen Verbände, von denen viele niemals Pulver gerochen hatten und die nun in wildgewordenem Hakenkreuzlertum alles Jüdische mit Schmutz bewarfen. Es hatte keinen Sinn, sich mit diesen Leuten in eine Diskussion einzulassen. Er konnte auch, nicht als Schwerkriegsbeschädigter sich mit ihnen in eine Schlägerei einlassen, hätte dies auch für unter, seiner

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