Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-01-27 · Heft 4 (27.1.1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 4 (27.1.1928)
Date
1928-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064252--16005-3088731
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Preis dieser Nummer 50 Groschen. [mit den Veröffentlichungen der „Union deufschdsterr. Juden* und den „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 27. Jänner 1928 Nummer 4 Antisemitismus im Südosten. Von Hermann Wendel. Wenn die Judenhetze sich auch nur in U n g a r n und Rumänien faustehrlich ausrast, so sind doch auch die anderen Länder des Südostens gegen den antisemitischen Bazillus nicht mehr immun. In J u g os 1 a w i e n ist von ausgesprochener Hakenkreuzlerei noch am wenigsten zu verspüren, aber in den katholischen Bevölkerungsstellen der Gebiete, die bis 1918 habsburgisch waren, wirkt als Erbschaft der österreichischen Christlichsozialen eine den Juden nicht gerade holde Stimmung nach. Bulgarien zählt, seit es faschistischem Terror preisgegeben ist, leibhaftige „völkische" Organisationen, die gelegentlich auch den Knüppel gegen die eingesessenen Juden schwingen. Auch in Griechenland, das in Saloniki einen starken Bruchteil Israeliten empfangen hat, flatterten schon mehrfach Flugblätter mit den üblichen gemeinen antisemitischen Flegeleien hoch, und die neue Türkei durchzieht eine Strömung, die am liebsten alle Staatsbürger mosaischen Glaubens aus dem Lande spülte. Daß Rumänien, das bis vor nicht langem ein halbfeudaler Staat war, und Ungarn, das es heute noch ist, einen guten Nährboden für eine mittelalterliche Erscheinung wie den Antisemitismus abgeben, braucht nicht zu überraschen. Aber die anderen Länder des europäischen Ostens, die bis vor einem Jahrzehnt in den Machtbereich der Türkei fielen, hatten sich bis zum Weltkrieg von dieser Pest freigehalten. Der Moslem war ja insofern „religiös duldsam", als ihn sein Glaube zum Mitglied einer privilegierten Kaste machte und ihm darum jeder Anlaß fehlte, anderen diesen bevorrechtenden Glauben aufzuzwingen. Die Juden, die unter Isabella der Katholischen aus ihrem Heimatland Spanien vertrieben wurden, fanden unter dem Schutz des Halbmondes gastfreundliche Aufnahme; noch heute sitzen in der ganzen Levante große und vermögende Kolonien dieser Spaniolen. Die Balkanvölker aber, die in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts das osmanische Joch abwarfen, hatten selbst zu lange Druck verspürt, um, zur Freiheit aufgestiegen, andere zu drücken. Serbien, Bulgarien und Griechenland waren auch schon deshalb die klassischen Länder des Nichtantisemitismus, weil die in ihren Grenzen lebenden, zahlenmäßig nicht auffallenden Juden national in ihrer Umgebung völlig aufgingen. Einer der gefeiertsten serbischen Helden im ersten Balkankrieg war ein Jude, und unlängst ist in Belgrad ein großinächtiges Denkmal für die in den Kriegen zwischen 1912 und 1918 gefallenen Juden enthüllt worden. Wenn jetzt diese Völker mehr oder minder Spuren des antisemitischen Sehwamms im Hause haben, sprechen in erster Reihe, wie überall dort, wo die Judenfeindschaft ihre Fratze zeigt, wirtschaftliche Gründe mit. Der Versuch, eine vom Ausland unabhängige, „nationale" Industrie großzuzüchten, der nach dem Weltkrieg in allen bis dahin fast rein agrarischen Ländern des Südostens unternommen wurde, stieß vielfach auf die überlieferte wirtschaftliche Stellung der Juden. Nichts war da, zumal angesichts der bald ausbrechenden verheerenden ökonomischen Krise, bequemer, als vom Abendland den Schlachtruf zu übernehmen: Hinaus mit den Juden, den „Schmarotzern der Wirtschaft"! In Serbien waren es Handelskreise, die ein kurzlebiges antisemitisches Schmutzblättchen finanzierten; in Griechenland trat der Pferdefuß des Konkurrenzneides noch deutlicher hervor, da die in Saloniki verbreiteten Flugblätter zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufreizten, von der Türkei erst gar nicht zu reden, wo so ziemlich die gesamte Presse die jüdischen Kailfleute als Schädlinge beschimpft, weil sie nur der Einfuhr ausländischer Waren oblägen und aus den meisten Geschäften und Betrieben nichtmuselmanische Angestellte entlassen werden, damit Juden sich an ihre Stelle setzen. Freilich fallen auch andere Gründe in die Wagschale. Das unheimliche Schreckgespenst des Südostens ist der Bolschewismus, und nicht von ungefähr, denn durch Jahr und Tag betrachtete Moskau den Balkan als den archimedischen Punkt, Europa aus den Angeln zu heben. Nun finden sich unter den Kommunisten jener Länder an führender Stelle auch Juden. In Bulgarien war der Friedmann, der 1925 als angeblich Mitschuldiger an dem Bombenattentat in der Sofioter Kathedrale hänget; mußte, jüdischer Herkunft, und von den kommunistischen Wählerstimmen in Griechisch-Mazedonien stammen nicht wenige von Saloniker Spaniolen. Aus solchen Tatsachen saugt der Balkan-Antisemitismus .:>;k

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.