Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-01-20 · Heft 3 (20.1.1928) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064251--15996-3088721
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiuiii^^ Seite 9 etx$jfentlichiuvjet% dec UitiCit deutrcfocs'tecveicKifcKec Uuclei* ^fpcuh»9seiAenteJSe.<9^ WteiilX.^evq^affQ 4 TeU/c*: 19-2-77 Ein Fischzug. In mehreren Werken hat es sich der Wiener Arnalthea-Verlag zur Aufgabe gemacht. Eu.ropa aui die Gefahr des Bolschewismus aufmerksam zu machen. Daß Bolschewismus seit jeher von den Judenfeinden mit Judentum identifiziert wurde, ist eine bekannte Tatsache, es muß aber doch wundernehmen, wenn die Aufgabe, die sich der Amalthea-Verlag gestellt hat, ihn, der in seinen Anfängen zu schönen Hoffnungen berechtigte, zum Antisemitismus geführt hat. Diese neue Einstellung des Verlages bewies schon das von uns gebührend gewürdigte Machwerk der beiden Franzosen Tharaud „Die H e r r sc ha f t I sr a e l s'\ in dem Kommunismus in aufhetzender Weise mit „Israel" gleichgesetzt wird, sie beweist nun abermals ein vom Verlage nicht zensurierter Abschnitt aus einer neueren Verlagserscheinung, dem „Tagebuche" des gewesenen Außenministers der Oesterreichisch-ungarischen Monarchie, Ritters des goldenen Vließes, Geheimrates a.D., Grafen 011 o k a r C z e r n i n. Diese glorreiche Ergänzung der antisemitischen Literatur hat folgenden Wortlaut: „Im Haien von Tonga habe ich einen merkwürdigen Fisch gesehen, den Sonnenfisch. Der Fisch ist einen Meter lang, ebenso breit und einem großen Teller ähnlich Der Teller hat aber ein Gesicht wie ein jüdischer Kriegsgewinner: Eine krumme Nase und ein Maul mit ekelhaften fleischigen Lippen. Ich habe dieses Gesicht auf der Wiener Ringstraße und der Kärntnerstraße gesehen und sein Anblick hat mir den Abschied von Wien so leicht gemacht und jetzt finde ich den Typus am Aequator mitten im Meer. In dem Augenblick, in dem die Gesichter der europäischen Kriegsgewinner — einerlei ob in Wien und Berlin oder in London und Paris — dank ihrer Aehnlichkeit mit dem Sonnenfisch an mir vorüberziehen, frage ich mich, ob die Bemerkung des Schiffsoffiziers, der Sonnenfisch sei ungeheuer dumm, richtig sei. Ich glaube nicht, daß es die Dummheit ist, die uns diese menschlichen Sonnenfische so unsympathisch macht. Heute, acht Jahre nach dem Kriege, sehen wir doch klarer und können uns fragen, ob es wirklich die Entente ist, die den Krieg gewonnen hat. Ob dieses Frankreich mit seinem entwerteten Franc soviel zufriedener sein kann als das arme, geschlagene Deutschland, und ob nicht auf der ganzen Welt für jene Elemente geblutet und gearbeitet wurde, welche diesem vorbeischwimmenden Sonnenfisch so verzweifelt ähnlich s ehen!" Es erübrigt sich, auf diesen kompletten gräflichen Unsinn näher einzugehen, er reiht sich, besonders in dem Fragesatze, „ob nicht auf der ganzer,' Welt für jene Elemente geblutet und gearbeitet wurde", würdig den literarischen Erzeugnissen eines anderen Kriegshelden, nämlich Ludendorffs an, der ähnliche Absurditäten in seinen „Memoiren" zum besten gab. Wichtiger als das Unwichtige, was er schreibt, ist die Person dessen, der das zu schreiben wagte, ohne sich zu — schämen. Graf Ottokar Czernin ist den Juden, recte „Sonnenfischen" kein Unbekannter. Nachdem er im Aeußern während des Krieges eine genug verhängnisvolle Rolle gespielt hatte, warf er sich nach dem Umsturz — die Katze läßt eben das Mausen nicht - auf die innere Politik. Er kandidierte im Jahre 1919 gerade im Wiener Kai-Viertel, also dort, wo die Stimmen jüdischer Kaufleute von besonderem Ausschlag sind, übersandte diesen seine mit der Grafenkrone geschmückte Visitkarte mit der Bitte um seine Wahl und das hierfür notwendige Geld und erreichte mit allen diesen Mätzchen sein Ziel, woran die Wiener Juden sicher schuldlos waren, düpierte sie doch der Herr Graf mit seinen nunmehr freiheitlichen Versprechungen. Doch bald belehrte er sie eines Schlechteren. Denn als die österreichischen Hochschulbehörden den Numerus clausus proklamierten, als die Minister Waber und Frank gegen den klaren Wortlaut des Friedensvertrages von Saint Germain das Optionsrecht der Juden durch einen antisemitischen Dreh wegeskamotierten, als Frontkämpfer und Hakenkreuzler wüste Judenhetzen begannen, und die jüdische Bevölkerung am Leben und Gut bedrohten, hat Herr Nationalrat Czernin im Parlamente geschwiegen, und als er sich endlich, gedrängt durch die Rücksicht auf seine jüdischen Wähler, doch dazu aufraffte, den antisemitischen Angriffen im Nationalrate entgegenzutreten, da wurde er zu einem umgekehrten Bileam. In dieser merkwürdigen Verteidigungsrede hat er die absolute Unwahrheit, daß 99 Prozent der Bolschewisten Juden seien, zu einer „his tor isc he n Wahr h e i t" gestempelt und neben der Bemerkung, daß es auch christliche Schieber und Preistreiber gebe, die Behauptung aufgestellt, daß dieüber wiegende Mehrheit der Schieber und Preistreiber aus Juden bestehe. So ist aus der vielleicht beabsichtigten Verteidigungsrede eine Anklagerede geworden, welche die wahren Ansichten des Nationalrates Czernin besser enthüllte als seine früheren Versprechungen. Damit war aber seine parlamentarische Wirksamkeit bei den Juden erledigt, bei seiner nächsten Wahlwerbung erhielt er von ihnen den gebührenden Abschied und so sind aus den lieben Goldfischen, die ihm ins Netz gegangen, nunmehr „ekelhafte Sonnenfische" geworden. Man konnte nun glauben, datf.der Herr Graf jetzt in der Versenkung verschwinden würde. Aber er beschäftigte nicht nur politisch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.