Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 3 (20.1.1928)
- Date
- 1928-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHR MELI <!!!!;!i!:::)ii!!!!il!iiiiiiii!!iii!ii!iiililH Seite 7 VIII. Wir kommen zum Schlüsse. Freud wählt in seinem Buche stellenweise die ansprechende Form des Dialogs. Er läßt einmal seinen Pjrrtner einwenden: „er bemühe sich eine erprobte und affektiv wertvolle Illusion durch eine andere, unerprobt und indifferent /.w ersetzen". Das ist auch unsere Meinung, wie uns dieser Partner überhaupt ganz sympathisch erscheint. Wir haben uns zu beweisen bemüht, daß die Religion durchaus keine Illusion ist. Mit der Anwendung der Psychoanalyse auf dieselbe scheint.uns Freud vielmehr die erhabenste und wunderbarste Konzeption des Geistes in den Dunstkreis alltäglicher Erscheinungen herabgezogen zu haben. Steht doch die Religion als Menschheitsproblem sicher hoci: über dem der Gültigkeit eines Teilgebietes angewandter Psychologie. Auch das angeborene Gefühl der Abhängigkeit vom Göttlichen und der Sehnsucht nach demselben ist eine Realität. Daß sie nicht in jedem Individuum zur Entwicklung kommt ist kein Gegenbeweis für ihre Existenz. Der Intellekt kann sie nicht leugnen. Ebenso richtig wie witzig meint ein ganz Moderner, Alfred Polgar, in einem Aphorisma (Gestern und heute): „Und dein nicht achten — wie ich!" sagt der Goethe'sche Prometheus in seiner Polemik wider Gott. Indem er ihn nicht achtet, bekennt er ihn. Und indem er Gott be kennt, gibt er implizite zu, daß ihm auch die Möglichkeit. GoU nicht zu achten, von Gott verliehen ward. Es ist ein rechtes Pech, daß Gott verneinen, ihn bejahen, und Gott leugnen, ihn behaupten heißt. Man muß ihm andere beizukommen suchen. Gott weiß, wie." Besserung der Menschheit auf dem Wege des Intellekts allein, durch „Erziehung zur Realität" scheint uns unmöglich. Auch bezweifeln wir, daß gerade jetzt die Zeit für ihre Inaugurierung gekommen ist. Das Bedürfnis nach innerer Ruhe und Sammlung, dem die Einordnung in eine höhere Einheit entgegenkommt, ist heute mehr denn je vorhanden. Man darf auch den gegenwärtigen Kampf gegen Kirche. Klerikalismus und Dogmen nicht als gänzliche Abkehr von aJler Religion im Volke deuten. In Deutschland vollzieht sich teilweise in unseren Tagen. was ein geistreicher Fanzose mit prophetischem Blick geahnt und wovor er gewarnt hat: „Man schaffe die Religionen ab. lasse dem Volke nur den Vaterlandskult, und man erziel; nichts geringeres als Rückkehr zum Heidentum, eine An nationaler Vielgötterei, worin jede Nation ihren Gott hat, dem Gemeinwesen des Altertums, dem Kulte Roms, Vergötterung der Cäsaren, gegen welche Juden und Christen durch das Blut so vieler Märtyrer Verwahrung eingelegt haben." Georg Simel meint: „Weil uns das Natürliche vielleicht gar zu .natürlich' geworden, darum ist es unserer Zeit schwieriger als jeder früheren Religion zu finden, darum aber gerade braucht sie sie um so nötiger." (Fragmente und Aufsätze.) Wir versöhnen uns mit der Annahme Freuds, daß der Primat des Intellekts dd©selben Ziele in bezug auf Menschenliebe und Einschränkung des Leidens haben soll, wie wir sie von unserem Gott erwarten und beschließen unsere Auseinandersetzung mit seinem jüngsten Buche mit R ü c k e r t s Zitat aus „Weisheit der Brahmanen" (V, 36): „Ohn' einen Gott und ohn' ein künftiges Leben — „Sagst du, ist kein Gesetz der Sittlichkeit gegeben; „Doch die Geschichte sagt, daß, in die Brust geprägt. „Das sittliche Gesetz sich selber hält und trägt. — „Wer dort es eingeprägt, kann freilich Gott nur sein. „Und für dies Leben nicht ist's eingeprägt allein; — „Doch kann vergessen sein, wozu Er es gegeben, „Vergessen, der es gab, und das Gesetz doch leben. - „So sind von Gott bedacht, auch, die Ihn nicht erkennen, — „Und ehren seine Macht, auch, wenn sie's anders nennen." iTttdittge wirtsdidf tslcHcrinj : welche die Küche versteht und bereits in großen «s», ■; Betrieben wirkte, sucht per sofort ähnliche Tätig- ^jSSSmk l «keit oder btelle als Wäscheverwahrerin. Beste ^—r: | Referenzen. Gef. Anträge unter Sara Hecht, ^H?* : S Wien iv., Fleischmanngasse 2. : QI erre #v. Im Talmud, der, nach dem großen Ignoranten Rohling, den blutigen Haß gegen die Nichtjuden predigt, rinden wir die folgende, die göttliche Liebe zu allen Geschöpfen lehrende und verherrlichende Dichtung: Als die Aegypter bei der Verfolgung der von ihnen in so martervoller Sklaverei gehaltenen Israeliten ins Meer versanken, wollten die Engel im Himmel ein Freudenlied singen. Da rief ihnen der Herr zürnend zu: „Wie, meine Geschöpfe liegen versunken im Meer und da wollt ihr Freudengesänge anstimmen?" Dem Geiste dieser Talmudstelle entsprach wohl wenig die Kunde, die im Jahre 1762, also ziemlich geraume Zeit nach dem Auszuge der Juden aus Aegypten, aus der schönen Stadt Toulouse eintraf. Dort rüstete man zu einer von religiöser Inbrunst diktierten Prozession zur Erinnerung an das zwei Jahrhunderte vorher aus Religionshaß vollbrachte Massaker, bei dem alles in allem 4000 Hugenotten in ein auf alle Fälle besseres Jenseits befördert wurden. Man kann sich leicht vorstellen, wie schrankenlos sich auch noch 1762 in Toulouse die fromme Stimmung des Volkes äußern durfte, wenn die Erinnerung an jene grauenvolle Massenabschlachtung andere Gefühle als die der Scham und der Reue wecken konnten. Was Wunder, daß in diesen von den Miasmen des Fanatismus verseuchten Tagen das Parlament von Toulouse sozusagen als würdigen Auftakt für das schöne gottesdienstliche Fest sich mit der Verurteilung eines glaubenstreuen Protestanten einen der furchtbarsten Justizmorde leistete. Der allgemein als edler, tugendhafter Mann bekannte Calas stand unter der Anklage, seinen eigenen Sohn, um ihn angeblich an dem Uebertritt zum Katholizismus zu hindern, ermordet zu haben. Der ebenso unglückliche wie unschuldige Vater, gegen den nur überzeugend eines sprach, die Stimme des betörten, urteilslosen Religionshasses, wurde zum Tode verurteilt, gerädert. * -» * Aber damals lebte ein Mann, der, nachdem ihm die Unschuld des durch die Justiz gemordeten Calas unwiderleglich bewiesen erschien, von seinem Gewissen, von seinem Rechtsgefühle gepeinigt, keine Ruhe mehr fand, bevor er mit dem Aufwände aller ihm zu Gebote stehenden Mittel, durch den Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit, seiner europäischen Autorität, durch die Ausnützung seiner weitreichenden Beziehungen die Revision des Prozesses Calas durchsetzte. Das war Voltaire, der geniale Mann, auf dessen Lippen häufig der Spott, in dessen Herzen aber ewig die glühende Liebe zum Rechte, zur Wahrheit und Humanität lebte. Drei volle Jahre seines Lebens widmete der Siebzigjährige dem unermüdlichen Kampfe für den wenn auch verspäteten Sieg der Gerechtigkeit, für die Rehabilitierung der Ehre eines Märtyrers. Ganze Bände füllen die Briefe und Dokumente, die Voltaire in der Sache Calas veröffentlichte. An einen hochstehenden Staatsmann schrieb er: „Sie fragen mich vielleicht, war-