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Die Wahrheit · 1928-01-20 · Heft 3 (20.1.1928) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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(, j!!iif!M!ii;iiii!iiiijiitiiiii!tiiiiiit;iiiitti!iiiiiiiiiiiniiiiniiinniiiiiiii DHE WAHRHEIT dem nur seine-Informatoren. So wird gleich einleitend wohl zum besseren Verständnis der christlichen Leser des „Tag" erklärt: „Die .radikalen Zionisten' sind jene Gruppe, deren Vertreter aus dem Vorstand der Kultusgemeinde ausgetreten sind, um gegen das Wahlunrecht und den Abfall vom Judentum zu protestieren." Das angebliche „Wahlunrecht" ist ein Kapitel für sich, von dessen eigentümlicher Behandlung durch die „radikalen Zionisten" noch zu sprechen sein wird. Aber auf einmal sind — so paradox es klingen mag — die Austritte aus dem Judentum maßgebend für den Austritt der Herren aus dem Kultusvorstand gewesen. WTir erinnern uns nicht daran, daß in der großen Debatte, die am 30. November 1927 im Kultusvorstand über die Austrittsbewegung und die diese fördernde sozialdemokratische Agitation abgeführt wurde, Oberbaurat Robert Stricker oder Dr. Leopold Plaschkes das Wort ergriffen hätten, um diese Erscheinungen zu geißeln. Wir erinnern uns aber sehr gut daran, daß nur die Ablehnung des Antrages von Stricker, im Kultusvorstand eine oppositionelle Haltung einzunehmen, durch die Mehrheit des zionistischen Klubs und der zionistischen Parteileitung Stricker und Plaschkes zu ihrer Demissionserklärung veranlaßte. Auch ihr enger Parteifreund Dr. Israel Waldmann motivierte kürzlich seine Ablehnung, das durch das Ableben des Herrn Direktor Siegmund Epler freigewordene Kultusvorstandsmandat anzunehmen, mit dem „von den zionistischen Mandataren perhorreszierten Eintritt in die Opposition". Das also ist der wahre Grund für den Austritt aus dem Kultusvorstand und nicht die Austritte aus dem Judentum. Wie sieht es nun mit der anderen vorgeschobenen Begründung, dem angeblichen „Wahlunrecht" aus? Da wurde — immer nach dem Berichte des „Tag" — von den Referenten der „großen" Versammlung erklärt: „Es haben n u r die Reichen, die Steuerzahler das Wahlrecht, und dagegen müsse man protestieren." Nein, ihr Herren, dagegen muß man protestieren, daß derartige Verdrehungen öffentlich ausgesprochen werden. In der Wiener Kultusgemeinde haben nicht „nur die Reichen das Wahlrecht", sondern jeder, der den horrenden Steuerbetrag von mindestens — sage und schreibe — sechzig Groschen jährlich leistet, und der ist wohl auch einem Armen erschwinglich. Daher kann jeder Wiener Jude ein solcher „reicher Steuerzahler" — die Gleichsetzung ist zu köstlich — werden und nicht nur „eine verschwindende Minderheit". Es erübrigt sich nach diesen Kostproben, auf die sonstigen Vorwürfe der „radikalen Zionisten" gegen die Kultusgemeinde näher einzugehen. Es wrurde von ihnen sogar behauptet, „sie beachte nicht die sozialen Pflichte n". Dies wird ruhigen Gewissens von einer Gemeinde gesagt, die ihren gesamten Steuerertrag, ja noch mehr für Fürsorgezwecke widmet. Vierzig Prozent ihrer Gesamteinnahmen dienen diesen edlen Zwecken, eine Hochherzigkeit, die ihresgleichen in keiner anderen jüdischen oder nichtjüdischen Gemeinde findet. So sehen die Verdächtigungen jener Herren aus, die bis vor ganz kurzer Zeit noch führend in dieser Gemeinde mitwirkten, und nach diesem ihrem famosen Debüt als Oppositionelle kann man mit Seelenruhe ihrem weiteren Auftreten entgegensehen, das sie für die nächsten Tage in einer Reihe von großen Versammlungen emphatisch ankündigten. Wir wünschen ihnen gleich großen Erfolg — quantitativ und qualitativ wie diesmal. 0. H. Religion und Illusion. Hiuc Auseinandersetzung mit dem jüngsten Buche Professor Sig. Freuds: „Die Zukunft einer Illusion". __ Von Medizinalrat Dr. Heinrich Hanse. (Schluß.) Auch wir wollen an diesem „Esperanto" der Menschheit festhalten, indem wir ihr den uns nicht gar so utopisch erscheinenden Rat geben: Schaffet die Religionen ab. -bewahret euch jedoch die Religion! „Man kann M o s e s den Vater des Monotheismus nennen. Mit diesem Standpunkt der Tradition steht das Naturgesetz der Entwicklung nicht im Widerspruch. Es ist im allgemeinen gewiß richtig, daß jede frühere Zeit von der späteren überholt wird, aber trotzdem ist es eine unanfechtbare Tatsache, daß die eigentlichen schöpferischen Leistungen, die mächtigen geschichtlichen Anstöße und Impulse auf Jahrtausende hinaus richtunggebend bleiben. Die ganze Weltgeschichte operiert mit einer Anzahl derartiger Impulse, die kaum größer ist als die Zahl der Finger an einer Hand, ohne daß dadurch das Qesetz der Entwicklung aufgehoben wird." Die Religion der Kindheit der Völker war die natürliche: sie stellte nur eine besondere Seite der allgemeinen Entwicklung des natürlichen Lebens dar. Diese Natereligionen vergötterten das Natürliche und zogen das Göttliche in den Bereich des Natürlichen herab, indem es dann auch schließlich unterging." (Nach G. Bauer.) Erst der biblische Monotheismus zog zwischen dem Natürlichen und Göttlichen eine scharfe Grenze. Er wies die Vergöttlichung des Natürlichen sowie die Vermenschlichung des Göttlichen mit aller Entschiedenheit von sich. ' Nach Freud bedeutet die Religion seit der Kindheit der Menschen — im allgemeinen wie im besonderen Sinne, ob natürlich oder geoffenbart — einen Zwang, den sie durch ihre Gebote und Uebungen, durch ihre Dogmen insbesonders ausübt. „Die religiösen Lehren sind Illusionen, einige von ihnen so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, daß man sie den Wahnideen vergleichen kann." — Die Analogie der Religion mit einer Zwangsneurose läßt sich nach ihm bis in viele Einzelheiten verfolgen und „auf diesem Wege viel von den Sonderheiten der Religionsbildung erklären". Vielleicht ist die Frage gestattet wie es sich mit der psychoanalytischen Erklärung jener heute nicht seltenen Fälle verhält, die, wie der Autor dieser Methode durch ihre Erziehung in ihrer Kindheit von * jener Neurose verschont worden und auch im späteren Leben sich davon vollkommen freigehalten haben? Wir führen die Behauptung von dem Zwange, den die Religion angeblich ausübt auf ein beliebtes Schlagwort zurück — auf das vom „Joch des Gesetzes". Es gibt wohl ein Joch der Gebote und der religiösen Lehren wie es ein „Joch des Himmelreiches" gibt. Allein das ist der gleiche Ausdruck wie ..Dienst", der in der Zusammensetzung „Frohndienst" allerdings das Bedrückende bezeichnet, das aber in den Zusammensetzungen „Frauendienst", „Liebesdienst", „Gottesdienst" immer mehr verschwindet. Ganz im Gegensatz zur Behauptung vom Zwang heißt es doch: „der Glaube macht selig". Wer von der Strenge und Unerbittlichkeit des Gesetzes spricht, die zu beseitigen als Verdienst .hingestellt wird, übersieht dabei absichtlich, daß auch die erhabensten Sittengebote, wie Elternverehrung, Nächstenliebe, Wohltätigkeit und andere durch den Ausdruck „Gesetz" bestimmt werden. Auch hätte die Idee von der „Freude an der frommen Handlung" niemals entstehen können, wenn die Befolgung der das Leben regelnden religiösen Vorschriften ein Zwang und mit einer steten Beunruhigung verbunden wäre.

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