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Die Wahrheit · 1928-01-20 · Heft 3 (20.1.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 3 (20.1.1928)
Date
1928-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT itiinmiHiHnnmniimifiiMnnnimimimimiiiimiiinil^^ Seite h Beweise zu erörtern und Nichtigkeitsgründe darzulegen? Da war Begeisterung von nötcn, glühende, sengende, hinreißende Begeisterung, die der Schmerz über schreiendes Unrecht entfesselt, die den Gedanken im Hirn zu brennendem Feuer, die Sprache im Munde zu. einem Lavastrom umschmilzt, die das fromme Schaudern eines in seinen heiligsten Tiefen aufgewühlten Menschenherzens überallhin trägt, wo Menschlichkeit und Gesittung noch menschlichen Regungen zugänglich sind. Dieses Geistes hat man in der Verteidigung Hilsners keinen Hauch verspürt. (Fortsetzung folgt.) * :': * Mittwoch, den 11. d. M. fand das Leichenbegängnis des Opfers des Polnaer Ritualmordwahnes, Leopold H i 1 s n e r- Heller statt. Der unglückliche Mensch hat ein Alter von 51 Jahren erreicht und nicht weniger als 19 Jahre unschuldig im Kerker zugebracht. Interessant ist. daß ihm vor einige,n Jahren eine Namensänderung in Leopold Heller bewilligt worden war. Nachdem Kautor M. B a 1 a b a n vom Stadttempel den Trauerpsalm zum Vortrage brachte, hielt Rabbiner Dr. J, Taglicht einen tief empfundenen Nachruf. Fr sprach von der besonderen Tragik dieses unglücklichen Menschen, der, so unbedeutend er in jeder Beziehung gewesen, dennoch dazu ausersehen war, in der Leidensgeschichte des Judentums eine bedeutende Rolle zu spielen, da mit der Anklage gegen ihn eine verleumderische Anklage gegen das gesamte Judentum von dessen erbittertsten Feinden verknüpft wurde. So hielt sein Prozeß die ganze Welt in Atem und bedeutende Männer des In- und Auslandes, ohne Unterschied der Konfession, hatten sich für die Unschuld Hilsners in flammenden Worten verbürgt und fochten mit uns den Kampf gegen das Unrecht aus, das diesem armen Menschen willfahren. Statt des Freispruches fand er nur Begnadigung nach langjähriger, ihn seelisch und körperlich zermürbender Kerkerhaft; nun ist der unglückliche Mensch Leopold Hilsner zur Ruhe gekommen. Der Bahre des Verblichenen folgte ein kleine Trauerschar, in der sich ti. a. der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde und Präsident der ..Union deutschösterreichischer Juden'* Dr. Jakob O r n s t e i n, der Verteidiger Hilsners Dr. Zdenko Aurednicek. Doktor Leopold Pia sch kes, Bethausvorsteher S. Ernst. Amtsleiter W. F r e i s t a d t. Sekretär Alfred Meissner. Chefredakteur L. H i r s c h f e 1 d und die Lebensgefährtin Hilsners Frau Rosa R e i n h o 1 d befanden. Die Beisetzung erfolgte in einem von der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Grabe.__ Die Not der türkischen Juden. Vor einiger Zeit meldeten wir aus Konstantinopel ein tieftrauriges Ereignis, welches in seinen Folgen blitzartig die unerträgliche Lage des Judentums in der u e u e u Türkei beleuchtete und dringend zur Abwehr herausfordert. Seit damals hat sich nichts gebessert, das Schikanieren der Juden geht seinen alten Weg weiter. Der Jude hat effektiv keinerlei Recht (außer dem, Steuern zu zahlen). Die Ausübung des Wahlrechtes zum Parlament wird ihm zwar nicht de jure, wohl aber de facto verwehrt, denn Kandidaten kann er nach der Art der Wahlhandhabung nicht aufstellen. Obwohl ferner gerade die Juden zu den ältesten handeltreibenden Bevölkerungsschichten gehören und die weitaus größte kommerzielle Erfahrung besitzen (sehr viele hochangesehene alte Firmen befinden sich in jüdischen Händen), sitzt nicht ein einziger Jude in der Standesvertretung der Handelskammer. Wenn das bei Griechen und Armeniern ebenfalls nicht der Fall ist. •so ist es aus alten und jungen politischen Gegensätzen, wenn uueh in einem demokratischen Staate und nach der Verfassung nicht entschuldbar, so immerhin psychologisch verständlich: nie aber haben die Juden etwas gegen die Türkei unternommen. Weiter: es ist heute dem Juden praktisch unmöglich, z. B. den R e c h t s a n w a 11 s b e r u f zu ergreife n. Nach abgelegtem Examen nämlich mü Huer vor der Zulassung als Anwalt eine zweijährige informatorische Praxis bei einer Regierungsbehörde nachweisen. Die Regierung jedoch läßt nur „echte'\ d. h. musclmanischc, Türkei; zu. Aehnlich liegen die Verhältnisse im Geschäftsiebe-. Einige Beispiele aus der Zeit vor den jüngsten Ereignissen mögen das erläutern. In Brussa kamen von jeher die I.;i;idleute aus der Umgebung zum Verkauf ihrer Produkte zn- <:immen. und die Stambuler iüdischen Firmen sind seit langer Zeit ihre regelmäßigen Kunden, wobei beide Teile sich zufrieden fühlten. Eines Tages nun war der Markt nach außer halb verlegt in eine Gegend, für welche die Reiseerlaubnis nicht gültig war. Den iüdischen Kaufleuten wurde bedeutet, sie könnten nunmehr die Waren von türkischen Zwischenhändlern — natürlich zu höheren Forderungen — erwerben. Die Landleute ihrerseits waren wegen der ihnen nun gebotenen unzulänglichen Preise unzufrieden, hingen auch psychologisch an den alten Geschäftsbeziehungen. Und endlich: ein jüdischer Kaufmann machte, wie alljährlich, seine Einkaufsreise nach Anatolien. In einem Vilajet wird ihm von unbekannten Leuten, die angeblich im Namen des Vali handelten, die Weisung, binnen 24 Stunden abzureisen, „sonst passiere ihm etwas". Solcher Beispiele gibt es viele. Und warum das alles? Die Türkei hat keine loyaleren Bürger, als es die Juden von jeher waren und noch sind. Aui ihre Minoritätsrechte verzichteten sie freiwillig, sie bemühen sich um die Verbreitung türkischer Sprache und Sinnesart. Wenn irgendwo ein Unglück hereinbricht, sie sind die ersten, die helfen und geben. Niemals hat auch nur einer von ihnen das geringste gegen den Staat oder seine Vertreter unternommen. Auch heute schweigen sie trotz allen Unrechtes (und deshalb muß einmal von außen her auf diese unhaltbaren Zustände aufmerksam gemacht und an Mittel zur Abhilfe gedacht werden). So findet man trotz allen Suchens nur eine einzige Erklärung: der Neid auf die früheren wirtschaftlichen Erfolge des Judentums in der Türkei: die früheren, denn heute gibt es keine mehr, da das Land sich seit Jahren in schwerster Wirtschaftskrise befindet. So denkt man wohl, das Judentum zugunsten des „echten" Türkentums aus seiner, noch immer für glänzend gehalteneu geschäftlichen Stellung zu verdrängen, ohne dabei zu bedenken, daß zur Erreichung wirtschaftlicher Leistungen vor allem zähe Arbeit und der Erwerb solider Kenntnisse gehören. Der einzige Effekt würde also darin bestehen, daß die Türkei einer unersetzlichen, fleißigen Bevölkerungsschicht beraubt würde, deren Erfolge ja doch letzten Endes nur wieder dem Lande zunutze kommen. Die iunge Türkei führt als Hauptpropaganda die weitestgehende Demokratie ihres Regimes stets im Munde. Wie es tatsächlich damit steht, erhellt aus dem Gesagten: weite, nützliche Bevölkerungskreise werden zu Bürgern zweiter Klasse degradiert, wenn ihnen nichts Schlimmeres passiert. Hoffen wir. daß dieser Mahnruf die Geister aufrüttelt, sie zur Einsicht bringt oder aber, wenn das doch nicht der Fall sein sollte, die europäischen Juden zu Schutzmaßnahmen ihrer bedrängten Glaubensgenossen sammelt. Denn, und das verdient betont zu werden, das türkische Volk kennt keinen Antisemitismus. Er wird nur von oben „gemacht'". Tribun us. Radikales Debüt. Die aus dem Kultusvorstand ausgetretenen „radikalen Zionistenk\ Oberbaurat Robert Stricker und Dr. Leopold Plaschkes, luden für Montag, den 16. d. M., in der „Neuen W e 1t" zu einer „großen Versammlung" im Hotel Post ein. Wie „groß" diese Versammlung, respektive die Werbekraft der „radikalen" Zeitschrift wirklich war, geht aus einem Bericht im „Tag" vom 17. d. M. hervor, den wir auch bei der folgenden Kritik zugrunde legen. Dort heißt es: „Die beiden Referenten bedauerten die geringe Zahl der Zuhörer und erklärten, es sei ein Z c i c h e u des mangelnden Inte re s s e s, das viele Juden an den Zuständen in der Kultusgemeinde bekunden." Das ist eine beliebte Umkehrung der Tatsachen. Wenn die überwiegende Mehrheit der Wiener Juden den nunmehr abgesägten „radikalen Zionisten" und ihren Enthüllungsreferaten kein Interesse entgegenbringt, so sind nicht vielleicht diese selbst daran schuld, sondern die Gegenseite. Auch sonst wimmelt der Bericht von Entstellungen, für die aber der Berichterstatter des „Tag" wohl kaum die Verantwortung trägt, son-

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