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Die Wahrheit · 1928-01-13 · Heft 2 (13.1.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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die Wahrheit »b»»»»»!^ Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Die alte Bischoffsheim. (Die Großmutter der Baronin Hirsch.) Aus L. Bambergers „Erinnerungen". Die Brüder meiner Mutter, Bischoffsheim mit Namen, waren, zwei wirklich geniale Finanzleute, jeder in seiner Geschäftsanlage vom anderen verschieden, aber beide ganz jerrmeiite Köpfe. Sie hatten schon ganz jung die geschäftliche Laufbahn betreten, in den Zwanzigerjahren des Jahrhunderts. Die Mütter, eine mit seltener Verstandesschärfe unü Energie begabte kleine magere Frau, hatte ihren Mann an der "Kxiegspest verloren, welche im Jahre 1813 durch die große Armee auf dem Rückzug von Rußland nach dem blockierten Mainz gebracht worden war. In beschränkten Verhältnissen mit fünf" Kindern zurückgeblieben, erzog sie dieselben mit der patriarchalischen Strenge, welche in den älteren Generationen noch aus alter Ueberlieierung sich fortgepflanzt hatte. Mit mancher anderen Stammeseigentümlichkeit des Judentums hat sich in dem modernen Leben auch diese, wenn gleich manchmal exzessive, doch im ganzen heilsame Autorität der Eltern verloren. Manche Stichworte der großmütterlichen Weisheit waren noch auf mein elterliches Haus übergegangen, wie zum Beispiel: „Ein Kind ist kein Ich", wenn wir irgendeine Meinung oder einen Wunsch mit Ich anfingen; oder auch, wenn wir sagten, ich will: „Ein Kind hat keinen Willen", oder auch den Grundsatz nach der kaufmännischen Buchhaltung ausgedrückt: „Ein Kind hat kein Folio" (im Hauptbuch nämlich). Vergnügen galt immer als etwas Verdächtiges und Illegitimes. Eine Figur, wie diese Großmutter, die ich noch gut kannte, und die erst dreiundachtzigjährig starb, als ich _schpi; in Holland lebte, wäre als Typus, wenn auch als ein exzeptionell hervorragender, ein dankbarer Vorwurf für eine besondere Darstellung. . Charakteriistisch war unter anderem an ihr, daß, während die Mainzer Bevölkerung im großen sich zu dem französischen Wesen lebhaft hingezogen fühlte, und namentlich die Juden, welche Frankreich ihre bürgerliche Befreiung danken, der strenge Sinn der kleinen Frau vor dem frivolen Geist, der; namentlich auch die jüngeren Offiziere der ununterbrochen durchziehenden Heeresmassen zeigten, Abscheu empfand und den Deutschen zuneigte. Daran konnte sie sogar eine persönliche Unannehmlichkeit, die sie von dieser Seite erfuhr, nicht irre machen. Als infolge des ersten Pariser Friedens die deutschen Truppen in Mainz einzogen, erlaubten sie sich gegen die als jakobinisch, verschrienen Einwohner viele Ungebührlichkeiten, . während vorher die französische Einquartierung, namentlicli beim weiblichen Teil der Bevölkerung, für ihre Liebenswürdigkeit berühmt war. Bei der Witwe, die eben erst während der Blockade, das Familienhaupt verloren hatte, wurden deutsche Soldaten einquartiert, die frechen Unfug trieben. Da der Oberst des betreffenden Regimentes zufällig in derselben Straße Wohnung genommen hatte, so entschloß sich die geplagte Frau kurz und begab, sich zu. ihm und flehte ihn um Hlfe an. Aber der Grobian nahm sie auch noch beim Arm und schob sie zur Tür hinaus. Nun glaubten die Ihrigen sie von ihrer Vorliebe kuriert, aber sie erklärte, daß diese einzelne Erfahrung ihrer Ueberzeugung nichts anhaben könne. Von ihrer elterlichen Gewalt war sie so durchdrungen, daß sie deren unbegrenzte Macht über die intimsten Angelegenheiten ihrer längst verheirateten und selbständigen Söhne zu erstrecken verlangte. Ihr ältester Sohn war bereits seit einer Reihe von Jahren au der Spitzeeines ausgebreiteten Bankgeschäftes und hatte einen Sohn von etwa sechzehn Jahren. Er wurde in Amsterdam von einem Hauslehrer erzogen, und Lehrer und Zögling wußten dem Vater als wünschenswert vorzuschlagen, daß zur höheren Ausbildung der junge Mann nach Paris zum Besuche der Ecole centrale geschickt werde. Der Vater schrieb seiner Mutter von dem Vorhaben, die bei dieser Nachricht entschiedene Mißbilligung aussprach und ganz richtig erriet, daß der Plan .von dem Lehrer ausging, der sich von dem Aufenthalt in Paris für seine philosophischen Studien und seine Laufbahn großen Vorteil verspreche, aber eben darum seinen jungen Zögling vernachlässigen und allen Verführungen des französischen Babylon preisgeben werde. Als der Vater sich nicht abwendig inachen lassen wollte, legte seine Mutter förmlich Protest ein, mit dem Hinzufügen: falls er ihr nicht gehorche, dürfe er ihr nie mehr unter die Augen kommen. Und so geschah es. Sie lebte etwa noch fünfzehn Jahre, und alle Versuche des Sohnes zur Versöhnung waren vergebens. Als sie auf dem Sterbebette lag, befand er sich im Nebenzimmer, aber sie erlaubte nicht, daß er eintrete. Und mit einer ihrer Töchter, die ebenfalls in einer, nur sie. die verheiratete Tochter, angehenden Sache nicht ihrer Vorschrift sich anbequemte, hielt sie es ebenso, ja sie verordnete noch testamentarisch, diese Tochter solle keine Trauerkleider um sie tragen. Dabei war sie in allen, mit ihren Ansichten übereinstimmenden Aufgaben des Lebens eine hingebende Mutter und von ihren Kindern aufs innigste verehrt. Für die Art ihres Denkens ist folgende kleine Geschichte höchst bezeichnend. Ihre beiden Knaben hatten Unterricht im Rechnen bei einem Lehrer namens Weisman. Eines Tages erzählte ihr eine Bekannte, um ihr eine Freude zu machen, der Lehrer habe die mathematischen Anlagen der Söhne über die Maßen gelobt. „Ach," erwiderte sie mit verächtlichem Achselzucken, „was geb' ich auf Weismanns Rechenkunst, wenn er sich um zehntausend Gulden irrt, wer merkts?" Dabei war die in der Praxis des Lebens harte und nüchterne Frau in der Abstraktion nicht frei von Sentimentalität. Sie las viel Romane und vergoß oft heiße Tränen darüber. Aber als sie die Memoiren von Las Casas las, ließ sie sich durch die Schilderung des Exils von St. Helena nicht erweichen, meinte vielmehr. Napoleon habe sein Schicksal wohl verdient. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie ihre Briefe, meistens an ihre beiden in Holland und Belgien wohnenden Söhne, schrieb, stehend an einem sogenannten Kaunitz, dessen horizontal aufgeschlagene Platte für normale Größe zum Sitzen berechnet, ihr so hoch hinaufging, daß sie eben stehend daran schreiben konnte. Sie ging dabei mit der Feder in der Hand zwischen einem Satz und dem anderen im Zimmer auf und ab, das Gesicht mit den scharfblickenden Augen in ernste Falten gelegt. In ihrem Lebenskreise war die „alte Bischoffsheimerin'", wie sie genannt wurde, für ihre Klugheit und ihre Unbeussarnkeit bekannt. (Fortsetzimg folgt.) Ql erre #v Die „Reichspost" hat dem jüngst verstorbenen P. Aloisius C h e i k h o einen Nachruf gewidmet, in welchem sie die hohen Verdienste dieses ausgezeichneten Mitgliedes des Jesuitenordens in schwungvollen Worten preist. P. Cheikho entstammte einer katholischen Familie zu Mordin in Mesopotamien und da erinnert sich das Blatt schmunzelnd daran, wie gelegentlich einer Vortrages, den der fromme Gelehrte vor Jahren einmal in Wien hielt, die Erscheinung des „fremdländischen Priesters mit den orientalischen Gesichtszügen bei den stark antisemitisch eingestellten Wienern Luegers nicht viel Gefallen gefunden habe". Diese Reminiszenz wird manche wieder daran erinnern, daß die „Reichspost'V die es so scherzhaft findet, daß dies einem schlichten Mitglied der Societas Jesu in Wien passierte, selbst viel dazu beigetragen, daß in dem verluegerten Wien eventuell noch einer ganz anderen Erscheinung wegen ihrer orientalischen Gesichtszüge ähnliche peinliche Erfahrungen gedroht hätten. * * * Herr Otto Rothstock, der einst, um streng bei der Wahrheit zu bleiben, nicht vor, sondern erst nach seinem mit einem Knalleffekt endenden Zusammentreffen mit Bettauer von den Hakenkreuzlern aller Couleurs in Wort und Schrift als

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