Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 2 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6!!l!ll;llli!i!HI!!!llHllHIHII!IIIHHiV rjjjj WAHRHEIT' „daß der selbstverständliche Grundsatz der Demokratie, welche den Kitt der zionistischen Organisation bildet, innerhalb unserer Partei noch nicht völlig klar geworden ist." Hier liegt eine Deklarierung der wirklichen Verhältnisse vor, und alles andere ist Ableugnung der Tatsache, daß die zionistische Organisation eben nur eine Partei ist! Warum darf dies nicht ruhig einbekannt werden? Ein solches aufrichtiges Verhalten würde unseres Erachtens nicht im geringsten der Bewegung schaden und vor allem dem Grundsätze entsprechen, den sich das neue Blatt nach seiner emphatischen Ankündigung zu eigen machen will: „In der Wahrhaftigkeit liegt unsere Würde, die jüdische Würde, die wir alle vor aller Welt zur Geltung bringen müssen." Des Interesses wegen sei noch die oben erwähnte Aufnahme des Falles Stricker-PIaschk e s durch das neue offizielle zionistische Organ kurz gestreift. Es schreibt, nachdem es schon vorher kernige Worte der Ablehnung gefunden, schließlich folgendes: „Man kann das Vorgehen der beiden Mandatare schwerlich anders denn als Dissidententum bezeichnen. Durch ein solches wird natürlich vor allem die Stoßkraft der zionistischen Partei geschwächt, und dies in einem Moment, wo sie sich — nicht zuletzt im Hinblick auf die kommenden Kultuswahlen — gerade anschickt, ihr durch den bisherigen Meinungskampf g elockertes Gefüge wieder zu festigen und zu straffen. Ein solcher Angriff auf die Kampfkraft der Organisation, eine derartige Schwächung ihres demokratischen, d. h. auf Mehrheitsbeschlüssen beruhenden Charakters, das soll das geeignete Mittel dazu sein, demokratische Prinzipien zum Siege zu führen?" 0. H. Religion und Illusion. Rfne Auseinandersetzung mit dem jüngsten Buche Professor Sfg. Freuds: „Die Zukunft einer Illusion". Von Medizinalat Dr. Heinrich Haase. (Fortsetzung.) VII. Freud ironisiert die psychologische Bedeutung der religiösen Vorstellungen mit drei von ihm ganz unwillkürlich konstruierten Antworten auf die Frage, worauf sich ihr Anspruch gründet. Sie lauten: „Erstens, sie verdienen Glauben, weil schon unsere Urväter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert sind, und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen." Es wäre allerdings wirklich schlecht um uns bestellt, wenn es keine anderen Stützen für den Anspruch der religiösen Ideen gäbe. Wir haben ihn in unserem eigenen Gewissen, unserem Verstand und den großen Denkern gefunden und ausgeführt, daß ihr Wert hauptsächlich in dem veredelnden Einfluß besteht, den sie auf die ethischen Anlagen des Menschen ausüben, nämlich auf eine Durchheiligung seines Lebens. — Die Religion führt „zu einer Bejahung des individuellen Lebens durch dessen Teilnahme am Absoluten, durch seine Verbindung mit dem Universum" (V, Kellner), das aus der Hand desselben Schöpfers hervorgegangen. Erst die Idee des heiligen Gottes schafft den Menschen heilig. Sie heiligt die Beziehung zwischen den Bürgern im Staate, zwischen den Menschen und ihren Nächsten, zwischen Eltern und Kind, Mann'und Weib. Sie befähigt den Menschen, seine Triebe zu .unterdrücken und zu.veredeln. Die Ethik verliert ihren ganzen S^i«. wenn die Kultarmenschheit die religiösen Ideen preis* gibt. Nichts anderes ist die sichere Folge,' afc die Ausnützung;, aller kulturellen Errungenschaften zur bloßen. Befriedigung - materieller Genüsse. Der Intellekt, dessen Primat Freud anstrebt, ist auch bei höchster Entwicklung von Wissenschaft und Kunst allein nicht imstande, den Absturz in die sittliche Verwahrlosung zu hindern, den die Religion aufhält, allerdings nur, wenn sie das Leben durchdringt und umspannt. Wir werten im Gegenteil mit der Bibel die Gottes« erkeimtnis als den Anfang aller Weisheit. Sie; hat nach Maimonides „die Aufgabe, im Einklang mit der Vernunft denken und handeln zu lernen, um sich der Vollkommenheit zu nähern". Freud stellt den an sich höchst gewagten Satz auf: „Die Unsittlichkeit hat zu allen Zeiten an der Religion keine mindere Stütze gefunden, als die Sittlichkeit." Kann er wirklich im Ernst als starkes Argument gegen die Religion anführen, daß „die Russische Innerlichkeit sich zu der Folgerung aufgeschwungen hat, daß die Sünde unerläßlich sei, um alle Seeligkeiten der göttlichen Gnade zu genießen"? Wenn die Gegner der Religion mit Nachdruck darauf hinweisen, daß die Menscheit bislang keine wesentliche Besserung in sittlicher Beziehung durch sie erfahren hat — man erwähnt den Weltkrieg als Beweis — so wird eben jener von uns unterstrichene Satz dabei vergessen, daß die Menschheit die Religion im Leben zu wenig betätigt. Das aber ist der springende Punkt, die conditio sine qua non. — Man liest heute vielleicht noch Ficht es „Reden an die deutsche Nation" — sicher nicht seine „Anleitung zum religiösen Leben". Ich habe an anderer Stelle meiner Ueberzeugung Ausdruck verliehen, daß, so erhaben die Ideen und Lehren der monotheistischen Religionen (das gilt auch vom, Sozialismus und Kommunismus) sind, so niedrig sehen wir leider ihre Bekenner, wenn sie keinen Gebrauch von ihnen in ihrer Lebensführung machen. Man muß eben „von dem Baedeker für die Reise durchs Leben" auch Gebrauch machen. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß Freud zum Schluß die Erfüllung seiner Wünsche in absehbarer Zukunft von einem Gott „logos" (nach dem Götterpaar „logos- Ananke" des Holländers Multatuli) erwartet. Beide Ausdrücke spielen in der Religionsgeschichte eine ziemlich groß« Rolle. Der „Logos" oder die wirksame, göttliche Vernunft war für Philo von Alexandrien (geb. um 1, gest. um 60) der Inbegriff aller geistigen Kräfte als Vermittler zwischen Gott und Welt. Er ist der erstgeborene Sohn Gottes, der an der Grenze zwischen dem Endlichen und Unendlichen steht. — Da „logos" im Griechischen das „Wort" bedeutet, entbrannte der Streit zwischen griechischen Philosophen: „Im Anfang war das Wort" und der mosaischen Lehre: „Im Anfang war die Tat". „Ananke" — die „Notwendigkeit" ist das Fatum, das Schicksal, welchem im Heidentum auch die Götter, selbst der Allvater Zeus Untertan waren, das nach „ewigen, ehernen Gesetzen" waltet. Erst der biblische Monotheismus enthält die Schaffung des willensfreien Menschen im Ebenbild Gottes. Bei seiner Ausbildung ist, wie Güdemann sagt, „die Philosophie nicht zu Gevatter gestanden", er ist älter als irgendein philosophisches System. . . Nach einem neueren Philosophen, dem Marburger Hermann Cohen, ist der mosaische Monotheismus „das unerschütterliche Bollwerk für alle Zukunft der sittlichen Kultur, die Gottesidee der Propheten aber der neue Begriff, der notwendigerweise die Garantie für die Realität der Sittlichkeit zu leisten hat Sie besagt nicht die Identität von Natur und Sittlichkeit, wohl aber ihre Korrelation: Gott, der Schöpfer der Natur ist der Urquell des Sittlichen. Die Propheten erkannten Gott als die Idee des Guten: sie hatten als die ersten diese Transzendenz Gottes erdacht." Im christlichen Glauben blieb nach Cohen das Interesse am Wesen, an der Natur Gottes haften, das ist ein Erbteil des Mythos, der im Christentum lebt. Der mosaische Gottesoe-r griff ist dem Naturbegriff gegenüber transzendent. Gott ist hier nicht Natur, er kann also nicht Gott-Mensch sein. Der Mythos richtet seinen Blick auf das Verhältnis von Gott und den Menschen, — die Propheten lenken ihn auf das Verhältnis zwischen Mensch und Mensch. Sie propagieren außer der Idee des einzigen Gottes auch die des Messias, die Idee von der einstigen Einigung der Menschheit. Sie taten den schönsten Blick in eine Zukunft wahrer sozialer Gleichheit und des Völkerfriedens, in der sich alle Nationen der Erde in der Pflege der reinen Gottesidee vereinigen werden, (Schluß folgt)