Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 2 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 'IllilllllU« DIE WÄHRHEll meter umfaßt und daß der anbaufähige Boden überhaupt rund das Neunfache dieser Zahl beträgt! Erst auf der Grundlage dieser klaren Erkenntnisse können die Reiseeindrücke des Verfassers ausgewertet werden. Mit der Arbeit der Chaluzim, die in aller Welt als die Pioniere des Aufbaues gelten, beschäftigt er sich zuerst Bei aller Hochachtung vor ihrem Idealismus muß festgestellt werden, daß ihre Tätigkeit gewaltige Gelder gekostet hat und manche schweren Mißerfolge, die sich trotz aller Sanierungsversuche nicht ausgleichen lassen, zutage gefördert hat. In der weiteren Darstellung der Tätigkeit der Chaluzim kommt Dr. Wiener zur Arbeiterfrage, die im engsten Zusammenhang mit dem Araberproblem steht. Die nationaljüdische Forderung geht dahin, nur jüdische Arbeiter zu verwenden. Das bedeute einmal eine erhebliche Verteuerung der Arbeitskraft, auf der anderen Seite aber auch schaffe die Verdrängung des arabischen Arbeitermaterials keine Freundschaft zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen. Bemerkenswert vor allem sind natürlich die nationalistischen Bestrebungen im Lande. Man will eine einheitliche hebräische Kultur schaffen. Ueber das Gesunde und Notwendige geht man oft aber hinaus zum nationalistischen Chauvinismus. Man glaubt, Nationalismus in extremster Form auf einen Boden künstlich aufpflanzen zu können, der nicht in der Lage ist, diese Wurzel zu speisen. Jene Versuche stoßen auf um so stärkeren inneren Widerstand, als die jüdische Bevölkerung Palästinas vielfach etwas gemeinsam Verbindendes hat. Zu diesen inneren Schwierigkeiten treten nun noch zwei äußere Momente von außerordentlicher Tragweite hinzu: die arabische und. die englische Frage. Wenn man vielfach glaubt, die Araber hätten nicht die Energie und die Intelligenz, sich den Verdrängungsbestrebungen aus ihrer Heimat zu widersetzen, so bezeichnet Dr. Wiener, auch wieder auf Grund seiner Unterhaltungen mit Führern der Araber, solchen Glauben als recht bedenklich. Mit eben solcher Besorgnis betrachtet der Verfasser die englische Politik. Jeder, der die englische Politik auch nur ein wenig verfolgt hat, weiß, daß sie eine egoistische Politik ist, und er wird sich keinen Illusionen darüber hingeben, daß in Palästina gerade eine Ausnahme gemacht werden sollte. Eines hat nun nach Ansicht des Verfassers der Palästinaarbeit besonders geschadet; die verhängnisvolle Propaganda, die es verursacht hat, daß Tausende und aber Tausende einströmten, die glaubten, wirklich in das gelobte Land einziehen zu können. Der entsetzliche Rückschlag, die Tatsache, daß die Rückwanderung die Auswanderung schon um ein Erkleckliches übersteigt, wäre, jedenfalls in diesem Umfang, vermieden worden, hätte man nicht diese Propaganda getrieben. Ein besonders schlagendes Beispiel für die schädliche Auswirkung dieser Propaganda ist die Gründung der „Textilstadt" den Gräberhügeln, Leben aus dem Tode wird sprießen lassen). „Mekimi meofor dol, measchpaus jorim evjaun" (Er erhebt aus dem Staube den Armen und aus dem Kehricht den Elenden). „Jeworeche haketanim im hagedauliim" (Er segnet die Kleinen und die Großen). * * * Verzagen wir nicht, erheben wir unser Haupt. „Schuwi nafschi limnuchojchi" (Beruhige dich, o meine Seele) und singen wir, wie unsere Väter bei gutem wie bei bösem: „Du hast beschützt meine Seele vor dem Tode, meine Augen vor den Tränen, meinen Fuß vor dem Straucheln." Es kommt doch die Zeit, wo heitere Tage uns leuchten werden. „Kaus jeschuaus eso" (Wir erheben den Becher des Glückes). Anstatt der begrabenen Thorarollen werden neue kommen, auch dahin, wo es bisher keine gab. und es werden auch solche sie lesen, die sie bisher nicht gelesen. Die Thora ist unsterblich, sie wird ewig leben und herrschen. * * ■ * Die Thora kann man nicht begraben. Der Kadisch ist nicht das Gebeit der Resignation und des Abschiedes, sondern die Verherrlichung des Ewigen, das Bekenntnis zur Thora. Der Hymnus der Treue und des Vertrauens. Der Kadisch singt noch am Grabesrand Dank und Preis dem Herrn des Weltalls und noch angesichts des Todes fleht er um Leben und Frieden. „Jehe schelomo rabo min schemajo wechajim tauwim olenu weal kol Iisroel" (Dauernder Friede und freudiges Leben ströme vom Himmel auf uns herab). Wir und unsere Kinder mögen zum Schlüsse das Gebet unserer Väter und ihr Glaubensbekenntnis stammeln: „Ause scholaum bimraumow, jaase scholaum olenu weal kol Iisroel, weimru omen" (Der in de» Höhen Frieden: schafft, gewähre Frieden uns und ganz Israel und dazu sprechet Amen!) Manor, die mit tönenden Fanfaren der Welt verkündet. wurde. Der Plan ist jämmerlich gescheitert. Wir haben schon eingangs gesagt, daß der, der wünscht, daß die palästinensischen Verhältnisse nur mit rosiger Brille angesehen werden, mit dem Inhalt des Buches höchst unzufrieden sein dürfte. Aber es enthält die Wahrheit. Und es spricht sich in ihm ganz und gar nicht der Wunsch nach vollkommener Vernichtung aus, sondern im Gegenteil: immer und immer wieder klingt die Hoffnung durch, daß Einsicht.. Wirtschaftlichkeit, Vernunft die Oberhand behalten, um einem wirklich guten Werk zum Siege zu verhelfen. Die große Gefahr des Aufbauwerkes sieht Dr. Wiener darin — und das kommt insbesondere in den Schlußbetrachtungen zum Ausdrück —, daß man unter allen Umständen den Nationalstaat schaffen will. Der Keren Hajessod, dem neben anderen Organisationen noch besondere Abschnitte gewidmet sind, als eine rein national-jüdische Institution, kann, wie die zionistische Organisation, die Besiedlung Palästinas nur im nationalen Sinne wollen. Anders würde der Antrieb zur Einwanderung fehlen. Diese nationalen Bestrebungen aber hemmen die rationale wirtschaftliche Bearbeitung. Solange dieser Gegensatz nicht überbrückt wird, wird, wie Dr. Wiener meint, die Krisis in Palästina nicht überwunden werden. Schon wird von nichtzionistischer Seite angeregt, die nationale Frage ganz auszuschalten und der natürlichen Entwicklung der Dinge nicht vorzugreifen. Aber bis die Zionisten die Richtigkeit einer solchen Forderung einsehen und sie vor allem öffentlich vertreten, wird noch lange Zeit verstreichen. Wenn nicht das Palästina-Problem gerade so sehr dazu beigetragen hätte, die jüdischen Massen zu zersplittern, so müßten eigentlich alle Juden dem Verfasser für sein Buch dankbar sein, denn wir alle haben von Rechts wegen nur ein Interesse daran, die Wahrheit zu wissen und zu kennen. Keiner kann wünschen, daß in Palästina ein großer Zusammenbruch sich vorbereitet, der uns allen doch nur zur Last gelegt v ürde, und der deshalb besonders schmerzlich wäre, weil er in einem Lande vor sich ginge, das auch uns heilig ist. An Steile einer schrankenlosen Propaganda sollte eine sachgemäße, die Kräfte der Menschen und des Bodens richtig auswertende Arbeit treten. Noch ist wahrscheinlich der Augenblick nicht da. in dem alle Juden diese Wahrheit und diese Notwendigkeit erkennen. Aber dient das Buch nur dazu, diese Erkenntnis vorzubereiten, so hat es einen wesentlichen Zweck erfüllt. Briefausjagoslawien. Von Oberrabbiner Dr. Julius Diamant in Vukovar. Der Schauplatz einer schönen Feier war am 8. Dezember 1927 die altehrwürdige Kultusgemeinde V a r a l d i n, die ihren 150-, sowie den 125jährigen Bestand ihrer Chewra Kadischa und den 100jährigen ihres Frauenvereins in solenner Weise beging. An dem um 10 Öhr vormittags im festlich beleuchteten und geschmackvoll dekorierten Gotteshause abgehaltenen Gottesdienste nahmen außer der jubilierenden Gemeinde und ihrer Vereine zahlreiche Delegierte von Schwestergemeinden, die Vertreter der Zivil- und Militärbehörden, wie auch die verschiedenen städtischen Vereine teil. Den Mittelpunkt des Festgottesdienstes bildete die vom Landesrabbiner Dr. Isac A1 ka 1 ay, Beograd gehaltene patriotische Rede, in welcher er betonte, daß er vom Ministerpräsidenten ersucht wurde, dessen wärmste Glückwünsche zum Ausdruck zu bringen, und daß er nicht nur als Landesrabbiner erschien, sondern auch als Vertreter des Kultusministers, dessen innigste Gratulation er verdolmetsche. Auch der OrtsQberrabbiner Dj. Rudolf Glück hielt eine wirkungsvolle Festrede. Den gesanglichen Teil des erhebenden Festgottesdienstes besorgte in exakter Weise Oberkantor Wilkowitsch mit Hilfe eines verstärkten gemischten Chores. Nachher begaben sich die zahlreichen Teünehtrier in den geräumigen, festlich geschmückten Sitzungssaal der Kultusgemeinde. Vor Eröffnung der Festsitzung empfing der Landesrabbiner als Vertreter des Kultusministers die Huldigungsdeputationen der Geistlichkeit, des Militärs, der städtischen Behörden, Aemter, Vereine sowie die Delegierten der auswärtigen jüdischen Kultusgemeinden. Die Festsitzung eröffnete der allgemein verehrte Präsident der Kultusgemeinde Stadtphysikus Dr. Hinko Ulan mit sehr innigen Begrüßungsworten. Dann verlas der Vizepräsident Dr. Wilhelm T a u s s i g eine von ihm geradezu meisterhaft verfaßte Geschichte der Gemeinde. Hierauf begrüßte der Landesrabbiner die Festsitzung