Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 2 (13.1.1928)
- Date
- 1928-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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!li'!!ll!!lllllllll!llll1l!llllllllllllimilllllim Seit* 3 Kritische Reise i Alfred Wieners Besprochen von Dr. Kurt Es ist selten, daß man heute beim Auftauchen eines neuen Buches sagen kann, sein Erscheinen entspreche einem besonderen Bedürfnis. Daß wir dieses Bedürfnis angesichts des Wienerschen Buches anerkennen, liegt nicht daran, daß wir einem Vorkämpfer unserer Arbeit*) eine Genugtuung bereiten wollen, auch nicht etwa daran, daß wir glauben, nun ein Buch zu haben, daß unsere Auffassung über das Palästinaproblem bestätigt. Das erste würde uns nicht hindern, offene Kritik auszusprechen, das zweite trifft nicht zu, denn das Buch enthält keine einseitige Stellungnahme. Das aber ist es gerade, was uns berechtigt, die Notwendigkeit seines Erscheinens zu betonen. Wohl zum erstenmal in der einschlägigen Literatur finden wir hier eine objektive Würdigung der palästinensischen Verhältnisse, die geschrieben ist ^on einem Manne, der nicht nur das Palästina von heute kennt, sondern der ein ausgezeichneter Kenner der dortigen Verhältnisse auch aus der Zeit vor dem Kriege und im Kriege ist. Es mag zugegeben werden, daß ein scharfer Beurteiler, der auch heute eine kurze Zeitspanne in Palästina verlebt, sich ein gewisses Urteil über die derzeitige Lage erlauben darf. Eine kritische Würdigung darf sich aber nur der gestatten, der tatsächlich die Verhältnisse aus einer langen Erfahrung kennt, der infolgedessen nicht nur das abschätzen kann, was ihm an der Oberfläche entgegentritt, sondern der auch bis auf den Grund der Dinge zu forschen in der Lage ist. Dr. Wiener kennt das Palästina vor dem Kriege, er hat während des Krieges an den Kämpfen dort teilgenommen, es ist ihm auf Grund seiner wissenschaftlichen Spezialausbildung möglich gewesen, mit allen Bewohnern des Landes in Berührung zu treten. Man wird hüben und drüben Ausstellungen an dem Buche zu machen haben. Hier, weil er da anerkennt, wo anzuerkennen ist, drüben, weil er die Dinge nicht mit dem rosigen Lichte überstrahlen läßt," mit dem man so gerne viele graue Punkte schöner beleuchtet. Aber keiner, der in diesen Dingen noch objektiv zu denken versteht, wird an dem Urteil vorbeikommen, daß es sich um eine wahrhaft kritische Beobachtung handelt. Kritik heißt, daß man den Dingen, die man zu beurteilen hat, mit warmem, offenem Herzen entgegenkommt, daß man das Gute unterstreicht, das Schlechte aber auch nicht beschönigt, und daß man es an Winken, die eine Besserung ermöglichen, nicht fehlen läßt. Man braucht nur die Einführungsworte der *) Der Verfasser ist der verdienstvolle Syndikus des „Central-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". D. Red. lurch Palästina. Palästinabuch. Alexander (Krefeld). Schrift zu lesen, in denen der Verfasser betont, daß ihm jede Stunde Verweilens im Heiligen Lande eine Stunde der Beglückung bedeutet hat, um zu wissen, in welchem Geiste sie geschrieben ist. Es ist weder ein politisches Buch, noch ist es ein Meisterwerk der Erzählungskunst. Diejenigen, die das Vergnügen haben wollen, eine politische Streitschrift zu lesen, werden ebenso enttäuscht sein wie die. die eine angenehme Abendlektüre in ihm finden wollen. Es ist eine nüchterne, ernsthafte Darstellung für nüchtern urteilende, ernsthafte Menschen. 35 Tage hat Dr. Wiener, begleitet von seiner Gattin, das Land kreuz und quer durchreist. Schwierigkeiten allgemeiner Art haben sich ihm von Anfang an entgegengestellt. Die zionistische Exekutive, die sich bemüht, jedem Fremden möglichst das Beste im Lande vorzuführen, hat versucht, sich gerade des Herrn Dr. Wiener anzunehmen. Er hat sich, um sich in seiner Beobachtung in keiner Weise beeinflussen zu lassen, diesen Versuchen entzogen und ist damit nicht in den Fehler verfallen, der in den Berichten anderer Beobachter deutlich nachwirkt. Seine Arbeitsmethoden schildert Doktor Wiener dahin, daß er nach eingehender literarischer Vorbereitung in der Heimat, die ihm deshalb möglich war, weil er sich jetzt seit Jahrzehnten mit dem Orient, insbesondere Palästina und Aegypten, beschäftigt hat, ausführliche Rücksprachen mit der überwiegenden Zahl der maßgebenden und bedeutenden Persönlichkeiten aller Richtungen pflog, daß er die Siedlungen jeder Art und die Städte besuchte und daß er mit den Einwohnern, den Chaluzim und Chaluzoth. Unterredungen suchte, in denen er bestimmte Fragen stellte. Worauf es Dr. Wiener bei seinem Buche zunächst ankommt, ist, eine richtige Palästinaerkenntnis vorzubereiten. Dadurch, daß die meisten Nachrichten über Palästina von einer bestimmten Tendenz getragen sind, wird ganz allgemein eine durchaus falsche Vorstellung über die Grundlagen des Problems erzeugt. Um es richtig zu erkennen, ist es nötig zu wissen, wie tatsächlich die Größenverhältnisse Palästinas sind, wie der jüdische Bodenbesitz sich zu dem nichtjüdischen verhält, wie die Bevölkerung gegliedert ist und von welcher Seite die wesentliche Kolonisationsarbeit bislang und heute geleistet wird, Karten, anschauliche Skizzen verdeutlichen klar die Ausführungen. Jeder, der diese, auf nichts anderes als auf Tatsachen und auf unwiderlegbaren Zahlen gestützte Ausführungen liest, wird endlich die klare und richtige Vorstellung über die Dinge, wie sie in Wirklichkeit legen, erhalten. Wer weiß denn, daß Palästina nur dreimal großer ist als Hessen, daß der jüdische Landbesitz nur 919 Quadratkilo- Wir zerreißen unser Gewand, streuen Asche auf unser Haupt, vor uns tauchen auf die Erinnerungen und Leiden der Vergangenheit, wir gedenken „jiskaur es nischmas kol kerauwaj ukrauwausaj hen mizad ovi hen mizad immi" (wir gedenken unserer seligen Verwandten sowohl väterlicherwie mütterlicherseits, die man gemordet, totgeschlagen, verbrannt, im Wasser ersäuft hat, wegen ihrer Treue zum Heiligen). Und wir weinen auch um die Zukunft, wir zittern um das Morgen, um das Leben unserer Lieben, um das Schicksal unserer Kinder. Der in Verzweiflung stürzende Anblick des ewigen Märtyrertums, des steten Leidens, der Erniedrigung und des Sterbens, so wie in der Vergangenheit im beständigen düsteren Kreislauf, unberechenbar und ununterbrochen ... Man begräbt Thorarollen. Man hat die Wahrheit aller Wahrheiten beschimpft und besudelt, in den Kot getreten. Sie sind in das Heiligtum des Königs der Könige eingebrochen, haben seine Schätze geraubt. Dies ist ihre Ethik, dies ist ihr Lebensziel und diese nichtsnutzigen Elemente sind es. die unsere Heiligtümer zertreten, sie sind die Herren über uns geworden. * * * Wir begraben Thorarollen. Aber kann man die Thora begraben? Wir Tiönnen das Pergament der Erde übergeben, die Verwesung kann zu Staub machen, was an ihr menschlichen Ursprunges ist, aber man kann nicht begraben, was unsterblich, was der Hauch Gottes ist, was nie ein Ende finden kann, denn es hat keinen Anfang. Nie kann man Ihn eins mit der Erde machen, den Schöpfer des Alls. Er ist der Anfang des Lebens, der Wahrheit des Gesetzes und Er wird nie ein Ende haben, Er ist und Er wird sein und nichts kann an seine Stelle treten, nie und nirgends. Er ist die Ewigkeit. Spähen wir nicht mit unseren schwachen Augen in die unübersehbaren Fernen der Unendlichkeit. Wir sind verschwindende Staubkörner im Weltall, fallende Blättchen vom Baume des Lebens, die jeder Hauch bewegt, der Wind wirbelnd fortreißt Kaum sind wir gekommen und schon müssen wir gehen. Als Kinder haben wir gelernt, man dürfe nicht hinschauen, wenn die „Kohanim" den Segen spenden: als reife Männer begreifen wir die tiefe Wahrheit dieses Glaubens. Wir dürfen nicht in die Sonne blicken, nicht versuchen, in die Geheimnisse der Höhen zu dringen; wir dürfen nicht Richter des Lebens sein wollen. Das ist nicht unser Beruf, denn „AI tehi don jechidi scheen don jechidi elo echod" (Urteile nicht allein, denn es gibt nur einen Einzigen, der allein richtet). Wir haben keinen Mangel an Trauer und Begräbnissen. Seit Jahrtausenden ist dies unser Schicksal und sehr oft haben wir. nicht nur Tote begraben müssen, sondern auch lebendiges Leben, Stärke, Begabung, Hoffnung, Wünsche und Wahrheit. Und doch sind wir noch da und werden da bleiben; wir leben und werden leben im Erbe unserer Väter und dies unseren Kindern als Erbe hinterlassen. Wir werden weiter kämpfen, warten, hoffen und glauben, ungebrochen und unerschüttert. Unser ganzes Leben ist nichts als Glaube und unser Glaube ist unser Leben. Vertrauen wir auf schönere, bessere Zeiten und glauben wir mit felsenfestem Vertrauen, daß „moaus zur jeschuosi" (Daß der mächtige Hort unseres Glaubens uns neues Oel, neues Licht, neues Feuer spenden wird, daß er Blumen aus