Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-01-13 · Heft 2 (13.1.1928) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064250--15972-3088696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 ^ninnu:ni!ituEiirifiiiuiiiiiiiiiiniiiuiuuiiiii.....iiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiH 9|£ WAHRfiEll glauben werde, habe keine Vernunft besessen. Anderseits habe er aus bewährter Papst- und Kaisergeschichte einiges eingefügt, so daß man an Tücke denken müsse, die den Glauben an die Lügen durch die Wahrheit des übrigen erzielen wolle. Und er habe sich bei den Oesterreichern nicht getäuscht, die diese Chronik wie die Bibel verehren, weil sie sich durch sie wegen des Altertums ihrer Abstammung erhoben fühlen. Gewiß sind die Erdichtungen des Autors nichts anderes als Lügen, ganz und gar aus der Luft gegriffen. Aber solche Lügen lagen damals in der Luft. Man darf nicht vergessen, daß kurz zuvor von oder für Rudolf IV. die „österreichischen Hausprivilegien" erfunden worden waren, die auf Julius Cäsar, Nero, Heinrich IV., Friedrich Barbarossa zurückgehen und absolute Freiheit der Geschichtsmacher, absolute Gläubigkeit der Geschichtsleser voraussetzen. Man wird annehmen können, daß Albrecht III. nicht hinter seinem Bruder zurückstehen wollte und zumindest sehr damit einverstanden war, wenn sich ein Geschichtschreiber fand, der die Glorie Oesterreichs durch historische Lügen vermehren wollte. Freilich bedarf es noch immer einer Aufklärung, warum man einen Abraham aus dem Heiligen Lande und jüdische Herzoge als Zacken in dieser gefälschten Krone für wichtig hielt. Zumal sich der Verfasser in seinen zeitgemäßen Berichten als einen ausgesprochenen Judenhasser zeigt und alle Register des damaligen Antisemitismus aufzieht. Er erzählt zum Beispiel von den Judenmassakers in Süddeutschland, die 1298 unter Anführung Rintfleisch' stattfanden. „Herzog Albrecht von Oesterreich, da er nur ward ze römischen chünig bestetigt, räch (rächte) er ser die Juden an den kristen. Er nam in leib und gut, die den auflauf hetten gemachet. O, wer hat den argen rat dem edelen fürsten gegeben!" Der Autor ist darüber sehr bekümmert, wegen des „pitterlichen 3euilletci%< Kadisch. Von Dr. G6za D e s i. Mitglied des ungarischen Abgeordnetenhauses. Jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, findet in Großwardein, meiner Geburtsstadt, ein Begräbnis statt; man begräbt Thorarollen. Ich kann nicht bei dem Begräbnis anwesend sein, aber als der treue, über Zeit und Entfernung treue Sohn meiner Heimatstadt spreche ich das Kadischgebet. Man begräbt meine Toten. Meine Ahnen waren es, die diese Thorarollen in Purpur und Samt kleideten, sie mit glänzendem Silber schmückten und wenn sie sie aus der Bundeslade hoben, mit den Worten priesen: „Boruch schenosan tauro leamau Jisroel bikduschosau" (Gesegnet sei, der in seiner Heiligkeit die Thora seinem Volke Israel gegeben). Sie priesen diese Thora. wenn sie sie zeigten: „Ez chajim hi lamachzikim bo" (Sie ist der Baum des Lebens für die, die sie halten), „haudau al erez weschomajim" (Ihr Glanz strahlt am Himmel und auf Erden). Aus dieser Thora las ich zum ersten Male Maftir, als man mich in dem „alten Tempel" aufrief. Damals lebte diese Thora und leuchtete, jetzt aber können wir mit dem Chanuka- Gebet klagen: „Jewonim nikbezu olaj" (Sie haben sich zusammengerottet gegen mich, haben die starken Mauern tods", den die Juden „sein eigen plut", über Christus verhängt haben. „Ich beckenn daz die kristen Halden mügen die juden nicht alz hern und müzzger (Müßiggänger), sunder alz chnechte und aigen." Die Juden seien für die Christenheit wie eine Maus in der Tasche, wie eine Schlange, am Busen usw. Und ein andermal, da die Juden im Jahre 1397 durch bewaffnete Haufen aus der Steiermark vertrieben wurden — es waren unter dem Haufen auch viel Edelleute, die gern „gotz marter" an den Juden „gerochen" hätten und gleichzeitig freilieh auch „ir brief und geldschuld an die Juden" gern los geworden wären — in Wien beim Herzog Albrecht III-. Schutz suchten und der Herzog wie der Rat zu Wien durch strenge Dekrete diesen Schutz gewährten, da sagt der Autor, der freilich schon ein anderer zu sein scheint als der ursprüngliche Autor: „Also ist Oesterreich der Juden verhaißen und gesegnet lannd." (Wiener Annalen von 1348 bis 1404.) Es war eben der Antisemitismus des Mittelalters offiziell ausschließlich religiös motiviert, durch die Leiden, die Christus von den Juden zugefügt worden waren. Die anderen Motive schwangen mehr im Unterbewußtsein mit. Bei dem Stande der damaligen historischen Kritik, der durch den Erfolg unserer Chronik grell beleuchtet wird, konnte gar nicht in Zweifel gestellt werden, daß alle damaligen Juden und alle ihre Nachkommen für die Tötung Christi verantwortlich zu machen seien. So wurde ein fundamentaler Unterschied gemacht zwischen den Juden vor Christo und denen nach Christi Geburt. Diese galten als verabscheuungs-, jene als verehrungswürdig. Daher war es trotz des Judenhasses eine Ehre für Oesterreich, von einem Mann aus dem Heiligen Lande gegründet worden zu sein, und es war eine Ehre, daß sich unter Oesterreichs vorchristlichen Herrschern nicht nur lauter Heiden, sondern doch wenigstens auch Juden befanden. meiner Türme durchbrochen, haben meine Oele entweiht). Wir schluchzen: „Von Schmerzen ist meine Seele erfüllt und im Elend ist meine Kraft geschwunden." Ich sehe vor mir den Großwardeiner Friedhof. Seit langem kenne ich den „Guten Ort", da ruhen meine Verwandten und Freunde, ich höre schier den Trauerpsalm: „Jauschew beseser eljaun" und die Worte des Kadisch krampfen mir das Herz zusammen. Wir Juden jammern nicht und klagen nicht bei Begräbnissen, sondern verkünden, daß die Güte stärker ist als der Tod, wir preisen den gerechten Richter „Jisgadal wejiskadasch" (Wir preisen und heiligen seinen großen Namen.) Aber ich fühle es doch, bei diesem großen Begräbnisse weinen die Seelen, nicht nur in Großwardein und in Klausenburg, sondern überall, wo die in aller Welt zerstreuten Söhne Israels leben. Es ist ein betrübendes Begräbnis, wenn man einen jungen Menschen ins Grab bettet, wenn die Blüte des Frühlings im Eise des Todes erstarrt. Aber es ist eine noch traurigere und erschütterndere Tragödie, wenn man das Lichit und die Wahrheit begräbt. Da erbebt auch der Himmel, denn die Säulen des Alls werden erschüttert und der Zusammenbruch des Ganzen droht. Es krampft die Herzen zusammen und an dem Grabesrand erstarren in Angst die Seelen, daß die grauenhaften Schrecknisse vergangener Zeiten wiedergekehrt sind, daß sich der lebenspendende Glauben an menschliche Güte und Fortschritt als nichtig erwiesen, daß wir zurückstürzen in die Finsternis, in die Unwissenheit, in die Barbarei, daß die Sicherheit des Lebens, die Herrschaft des Rechtes aufhört und die blutige Welt des Pogromes ersteht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.