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Die Wahrheit · 1928-01-13 · Heft 2 (13.1.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 2 (13.1.1928)
Date
1928-01-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen. IDMdti Erscheint Jeden Freitag %idiMßcJm<Jui/t [mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 13. Jänner 1928 Nummer 2 Jüdische Herzoge von Oesterreich Von Dr. Alfred Schwoner. Erschrick nicht, lieber Leser! Es finden keine Enthüllungen statt. Es handelt sich nicht um Nachweisungen eines „Semi-Gotha" von Eheirrungen oder ungenügender Ahnenkontrolle, die dem Stammbaum der Babenberger oder der Habsburger semitische Zweige aufgepfropft haben. Es wird auch nicht behauptet, daß jemals jüdische Herzoge in Oesterreich tatsächlich regiert haben. Aber es ist kaum weniger interessant, daß es eine Zeit gab, in der österreichische Herrscher Wert darauf legten, der Geschichte Oesterreichs durch eine mythische jüdische Vergangenheit größeren Glanz zu verleihen, und daß damals eine offiziöse Geschichtschreibung jüdische Fabelherrscher erfand, an deren Existenz ein oder zwei Jahrhunderte lang geglaubt wurde. In den Leseräumen der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin blieb ich kürzlich bei den riesigen i'olianten der Monumenta Germaniae Historica stehen, nahm einen Band „Deutsche Chroniken" heraus und sah mich der „Oesterreichischen Chronik von 95 Herrschaften" gegenüber, in der mir sofort die jüdischen Fabelherrscher in die Augen stachen, die mich veranlaßten, den Band einer genaueren Lektüre zu unterziehen. Diese Chronik ist in „fümf" Bücher eingeteilt nach den „fümf" Sinnen des Menschen, und beginnt mit der Erschaffung der Welt. Sie kombiniert biblische Erzählungen, griechische Mythologie und römische Geschichte in sehr freier Weise und sucht später von den „keyseren", den „pebsten" und von dem „edel lande ze Oesterreich" synchronistisch zu berichten. Die Geschichte Oesterreichs wird folgendermaßen eingeleitet: Ein rittermäßiger Mann, Abraham von Temonaria (geboren 810 Jahre nach der Sintflut), empörte sich in der „Terra Ammiracionis" (dem gelobten Lande) gegen seinen Herrn, den Grafen Sattan von Aligemorum. In Armut, vertrieben, kam er in ein Land „bey der Tunaw" (Donau), das vor langer Zeit ein Jude, der noch nie in das Land gekommen war, „Judeisapta" geheißen hatte. Abraham ging so lange, bis er eine Stadt fand, die ihm wohlgefiel. Die Stadt, die jetzt Stocharew (Stockerau) heißt, nannte er Anreytim. Abraham nannte sich „ein haiden, markgraf von Judeisapta". Der Verfasser der Chronik sagt nicht und meint auch nicht, daß sein Abraham, der erste Herrscher Oesterleichs, mit dem Patriarchen Abraham identisch sei; auch heißt Abrahams Weib, das mit ihm in Stocharew begraben wurde, Susanne und nicht Sara. Nun folgen die Nachkommen Abrahams, die sich mit den Fürstengeschlechtern von Ungarn und Pehaim verschwägerten, den Namen des Landes fleißig veränderten und immer neue Wappen schufen. Der fünfte Herrscher (Laptan) war bereits Herzog, stiftete das Land zu Steyr und wurde bei Trautmannsdorf begraben, der zehnte Herrscher wurde zu „Tulen" (Tulln) begraben. Der 35. Herrscher, Gennan, ward „betwungen von den Juden und nam an sich die jüdischen, und tet die abgötter hin und glaubt jüdischen glauben. Herzog Gennan nant sich do Gennan ain Jud, herzog ze Tantamo" (wie das Land damals hieß). Die folgenden 24 Herrscher waren alle Juden, und auch die Fürstinnen von Ungarn und Böhmen, die sie heirateten, waren Jüdinnen. Als aber Manton (der 59. Herrscher) Herzog war — das Land hatte damals wieder einen anderen Namen und hieß Corrodancia —, da ging die „jüdischait" zu Ende, da zogen die Heiden von Ungarn und von anderen Ländern gen Corrodancia und zwangen Herzog Manton, „das er haiden must werden und die abgötter an petten". Als die heidnische Dynastie mit dem 65. Herrscher ausstarb, da setzten die Römer einen Grafen Amman, einen heimlichen Christen, zum Herzog von Corrodancia ein, und „fürbas ward nimmermer dhain (kein) haiden noch dhain jud herzog in demselben land Corrodancia, sunder ez besazzen fürbas kristenlaich fürsten". Von dieser Zeit an tragen alle Fürsten germanische Namen. Die Chronik galt jahrhundertelang als die österreichische Chronik, trotz der vernichtenden Kritik, die kaum ein Jahrhundert später AeneasSylvius in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte Friedrichs III. an ihr übte. Er spricht darin von einer „Historia quaedem quam australicam vocant, sermone theontonico scripta". Sie sei ganz unzutreffend, lügnerisch, von einem Manne zusammengesetzt, von dem man schwer urteilen könne, ob mehr Dummheit oder Böswilligkeit in ihm stecke. Wenn man diese Dinge lese, die durch keine Vernunft zusammenhängen, so werde man sagen, ein Mensch, der annehmen könnte, daß man ihm so offenbare Lügen

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