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Die Wahrheit · 1928-01-06 · Heft 1 (6.1.1928) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 1 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 'W^miiwiiiiiiiiiiiiw 0|g tVAHRHEIl teiligen Auffassung sehr isoliert fühlen. Selbst die Antisemiten werden sich vielleicht in Zukunft hüten, mit Berufung auf Herrn Dr. Sieber ihrer Verehrung für Juden durch die Betonung ihrer ».jüdischen" Manieren Ausdruck zu verleihen. Ein vielgelesenes Budapester Tagblatt „Pesti Kurir" hat sich veranlaßt gesehen, an Herrn Professor Mehc 1 y i mit der Anfrage heranzutreten, ob er tatsächlich die in einer der „Glossen" der „Wahrheit" mitgeteilte Depesche an Professor C u z a abgesandt habe, in dieser Depesche hieß es u. a., Mehelyi hätte es wohl für wünschenswert gehalten, daß die Jünger seines geliebten Gesinnungsgenossen Cuza bei ihren Uebungen in Großwardein, Klausenburg usw. „sich nur von den erhabenen Idealen des Numerus clausus hätten leiten lassen, der sich ausschließlich immer und überall auf Juden beziehe, aber er begreife, daß in der Hitze des Kampfes Mißgriffe nicht zu vermeiden sind'*. Man hat in Budapest, wo man noch nicht vergessen, daß Professor Mehelyi, der Dekan der philosophischen Fakultät, dafür plädierte, der Staat solle das Recht zur Fortpflanzung nur den intelligenzlern und den kleinen Landwirten (Mehelyi ist kein großer Gelehrter, aber in seinem Hauptberufe ein kleiner Landwirt) einräumen, ihm ernsthaft auch dieses Telegramm zugemutet. Herr Professor Mehelyi hat dem ungarischen Interwiever buchstäblich folgende, im „Pesti Kurir'* veröffentlichte Antwort, gegeben: „Ich bin außer meinem Gewissen niemandem für meine Handlungen verantwortlich. Mit Hinblick auf die das Land berührende Wichtigkeit der Angelegenheit erkläre ich, daß diese Depesche aus der Luft gegriffen ist." Ich selbst habe nur noch zu bemerken, daß der Herr Professor, den man vielleicht wirklich nicht für seine Reden verantwortlich machen sollte, den Ernst dieser Depeschengeschichte ein wenig überschätzt. Für Ungarn dürfte es denn doch wichtiger sein, ob man an der philosophischen Fakultät ungestört einen Mann Lehren vortragen läßt, die manchen liebesbedürftigen Jüngling, der nicht das Glück hat, später einmal von seinen Eltern ein kleines Landgut zu erben, zur Verzweiflung treiben können. Nur die Fortpflanzung der antisemitischen Ideen soll bekämpft werden. £ Die grauenhaften Schandtaten rumänischer Studenten haben, wenn auch verspätet, von der Regierungsbank aus eine scharfe Verurteilung erfahren. Keiner der rumänischen Minister, der in dieser Angelegenheit das Wort ergriff, hat es unterlassen, darauf hinzuweisen, daß die Ehre der rumänischen Nation durch diese Ausschreitungen vor dem Auslande entsetzlich befleckt wurde. Aber die brandmarkendsten Urteile des Auslandes lauten noch immer wie herrliche Lobeshymnen im Vergleiche zu der gräßlichen Rede, die "der Verteidiger der neun Studenten hielt, die wegen der Schändung und des Raubes von sakralen Kostbarkeiten aus den Synagogen angeklagt und sogar — verurteilt werden mußten. Der vor Judenhaß toll gewordene vornehmste rumänische Advokat hatte sich in seiner Raserei zu dem pathetischen Ausrufe hinreißen lassen: „Diese Jünglinge, meine Herren Richter, die vor ihnen stehen, sie vertreten das Gewissen Rumäniens." Wenn dieser Verteidiger nicht wegen blutiger Schmähung seiner Nation angeklagt wird, dann hat er wirklich von Glück zu sagen. Ego. Eine kleine Irreführung. „D i e Neue W e 1 t" leistete sich kürzlich einen überaus gehässigen Angriff auf den genialen Erneuerer des deutschen Theaters, unseren Glaubensgenossen Max Reinhardt, anläßlich seines jüngsten Triumphes in Nordamerika. Unter der Ueberschrift „M a x Reinhardt in seiner neuesten Glanzrolle — als J u d" war da u.a. folgendes zu lesen: .....Der Schauspieldirektor Max Reinhardt, der jüngst unter obligatem Zeitungsgeschrei gegen Amerika dampfte, machte nach seiner Ankunft die nämliche Entdeckung (daß „drüben" mit dem Judentum ein „gutes Geschäft" zu machen sei. Anm. der Red.). „Also rasch eine Portion Judentum herschaffen, eine ausgiebige!" So herrschte er seinen Requisitenmeister an. Aber wo hernehmen? In den Koffern war Reinhardts Judentum nicht zu finden. Konnte auch nicht drin sein, weil Reinhardt vor zwanzig Jahren sein Judentum im Taufwasserkessel einer Wiener Pfarrkirche ersäufte. Wenn es der Kirchendiener nicht auf den Mist geworfen hat, dann liegt's noch heute dort. Aber Reinhardt müßte nicht Reinhardt sein, nicht der größte aller Verwandlungskünstler, um nicht einen so kleinen Regiefehler fix zu beheben. Er ließ einfach erklären, er sei Jude. Er lief zu jüdischen Zeitungen, und die bringen jetzt spaltenlange Reklameartikel und seitengroße Bilder von Reinhardt, die wirklich und ehrlich jüdisch aussehen. Er hat nichts zu befürchten, denn der Wiener Pfarrer und die Taufzeugen sind nicht in New York, und 20 Jahre sind eine lange Zeit." — Dieser schon in der Form höchst geschmacklose Angriff basiert auf einer falschen Behauptung. Der geniale Regisseur ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde in B er 1 i n. Reinhardt — ebenso wie sein Kollege Leopold J e ß n e r — betet an den Hohen Feiertagen in einer Berliner Hauptsynagoge. Vor 20 Jahren war Reinhardt bereits Direktor des Deutschen Theaters in Berlin, wo er seit fast drei Jahrzehnten wirkt. Als Reinhardt seinerzeit als unbekannter Schauspieler nach der deutschen Reichshauptstadt zog, hat er sich bereits polizeilich als Jude a n m e 1 d e n lassen. Der letzte Schritt. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur (J. T. A.) aus New York erfährt, stellt die Zeitung Fords „D e a r b o r n I n d e p e n d e n t", die besonders durch die antisemitischen Artikel bekannt geworden ist und bisweilen in einer Auflage von 700.000 Exemplaren gedruckt wurde, mit Anfang dieses Jahres ihr Erscheinen ein. Auch diese Tatsache beweist, daß Henry Ford es mit seinen Erklärungen ernst meint. Wieder ein „Dreh" des „Michel". Wir berichteten vor kurzem, daß der thüringische Landtag dem Professor für Zoologie an der Universität Jena, Plate, die Etatsstelle gestrichen hat, weil er sein Katheder unablässig zu antisemitischen Schimpfereien mißbraucht hat. Welchen Beweggrund führt nun der Grazer antisemitische „Michel" für diese nur zu berechtigte Maßregelung an. Er schreibt, „Prof. Plate wurde das Gehalt gestrichen, weil er als Sachverständiger in einem Prozesse dem Kläger rasseiüdische Abstammung nachgewiesen hatte, was als „republikfeindlich4 ausgelegt wurde". Hier liegt eine völlige Entstellung der Tatsachen durch den wackeren „Michel" vor. Mit dieser Gerichtsaffäre hatte der Abbau Prof. Plates gar nichts zu tun, sie war nur für ihn persönlich peinlich, denn der angebliche „Nachweis der rassejüdischen Abstammung" endete mit der Riesenblamage, daß der so schwer „verdächtigte" hohe Beamte dokumentarisch belegen konnte, daß sein gesamter Stammbaum „judenrein" sei. Daß sich der „Michel" so sehr für den abgebauten Professor der Zoologie einsetzt, beweist seine aus naheliegenden Gründen entspringende Vorliebe für diese Wissenschaft. Kongreßliches. In einer westlichen Metropole erhielt die Polizei Witterung von einem geheimen Kongreß und machte sich schleunigst an dessen Aushebung. Die Teilnehmer wurden dabei überrascht, wie sie gerade die wissenschaftlichen Ergebnisse der modernen Forschung, ferner die neuesten Fortschritte auf technischem Gebiete einander mitteilten und über deren rationellste Fruktifizierung berieten. Sie wurden samt und sonders hinter Schloß und Riegel gesetzt und haben zumeist mehrjährige Zuchthaus-

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