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Die Wahrheit · 1928-01-06 · Heft 1 (6.1.1928) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 1 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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ÖIE WAHRHEIT!;iiiii!>i!iii:iii!iiiiiiiiiii!iiiliiiilill!lliilliiii!iilllllllllllllllllllll!!ll^ Seite 7 Taten umsetzt. Ueberdies bietet wohl das Weltall noch unendlich größere göttliche Offenbarungen dar, wie es das menschliche Hirn tut. In neuerer Zeit ist mit Ludwig Feuerbach ein entschiedener, aber durchaus unwissenschaftlicher Atheismus auf den Plan getreten. Auch dieser wendet sieht hauptsächlich, wie schon aus dem Titel seines Hauptwerkes ersichtlich, gegen das „Wesen des Christenums'". Sein Inhalt: Da der Gegenstand, auf welchen sich ein Subjekt in seinem Denken, Wollen und Fühlen bezieht, nichts anderes ist als das eigene gegenständliche Wesen dieses Subjekts, ist das Bewußtsein des Gegenstandes das Selbstbewußtsein des Menschen. Jedes Wesen setzt in seinen Gefühlen, Vorstellungen und Gedanken immer sich selbst. Das gilt auch von dem Verhältnis des Subjekts zum religiösen Gegenstand, zu Gott Das Bewußtsein Gottes ist das Selbstbewußtsein des Menschen. Was dem Menschen Gott ist. das Ist sei n Geist, seine Seele, und was des Menschen Geist, seine Seele, sein Herz, das'ist sein Gott. Ferner: weil alle Prädikate Gottes, selbst die sittlichen, Antropomorphismen sind, ist auch das Subjekt selbst nicht mehr als ein Autropomorphismus: Man glaubt an die Liebe, weil man selbst liebt; man glaubt, daß Gott ein weises, gütiges Wesen ist, weil man nichts besseres von sich kennt als Güte und Verstand — und man glaubt, das Gott existiert, weil man selbst existiert. Das ist nichts als eine verfälschte Nachbildung des Gottesbegriifes wie er sich in der natürlichen Religion ausbildet; aber es ist auch reine Willkür, daß der Mensch eine Idee von Gott als das Abbild seines eigenen Selbst aufstellt. (Fortsetzung folgt.) Die Austritte aus dem Judentum. Die „Wahrheit" brachte in einer der letzten •Nummern folgende Mitteilung des Matrikenamts der Wiener israelitischen Kultusgemeinde: „Vorn IS. September bis 19. November 1927, also innerhalb zweier Monate wurden gezählt: 203 jüdische Geburten, 3S7 jüdische Tote, 240 Austritte aus dem Judentum." Einem Zuwachs von 203 steht also ein Verlust von 627 Personen, demnach mehr als das Dreifache gegenüber und die Austritte übersteigen die Geburtsziffer um 37 Personen. In den letzten drei Nummern der „Wahrheit" wurden 54 Namen von Ausgetretenen veröffentlicht. Darunter sind zwei Familien mit einem und zwei Kindern und ein kinderloses Ehepaar. Ferner lesen wir von^ einem 17jährigen Mädchen, einem 17- und einem 16jährigen Jüngling, von einem Kind unter einem Jahr und von zwei Brüdern mit 6 Jahren und 1 Jahr. Zwei Männer mit je 63 Jahren, ein Mann mit 60 Jahren und ein Ehepaar mit 58 und 49 Jahren sind unter den Ausgetretenen. Bei diesen Ziffern entringt sich einem der Ausdruck des Abscheus und der Erbitterung, aber zugleich drängt sich die Frage nach den Ursachen dieser Erscheinung auf. Am Anfang des vorigen Jahrhunderts wurden auch zahlreiche Abfälle verzeichnet. Sie kamen aus den Reihen der Begüterten und Gebildeten. Mitglieder der Familien Mendelsohn, Eskeles, Pereira, Heine und Börne gehören hierher. Sie wollten, wie sie selbst sagten, der Mehrheit der Bevölkerung auch in bezug auf ihren Glauben nahestehen, da sie ihr in bezug auf Bildung und Lebensweise nahestanden. Sie wollten also auch äußerlich gelten. Heute aber sind die Ausgetretenen, so viel wir sehen, Mitglieder des sogenannten Mittelstandes. Auch hier ist das vorgebliche Streben nach Assimilation, ferner Streberei und Gewinnsucht als Ursache zu erkennen und festzustellen. Interesselosigkeit für das Judentum ist aber das Hauptmotiv. Die Flucht aus dem Judentum ist sicher eine feindselige Handlung gegen dasselbe. Ausgetreten und abgefallen sind immer diejenigen, welche das Judentum und seine Lehre und Geschichte nicht gekannt und nicht in sich aufgenommen haben. Darum scheint das Mittel, um diesen Abfall und dieses Verlassen zu verhüten, weitestgehende Kenntnis des Judentums, seiner erhabenen Lehren u n d s eines w e r t v o 11 e u Inhaltes. Man darf nicht sagen, daß das Judentum an solchen Individuer, nichts verliert und daß es trotz dieser krassen Erscheinung bestand und bestehen wird. Ja, das Judentum wird bestehen. Dazu ist es geschaffen und bestimmt. Aber es muß doch die Aufgabe der Führer und Häupter in Israel sein, Abfälle vermeiden zu lassen. Es sind Verluste, die man einzudämmen hat. Daher ist es berechtigt, wenn man unseren Führern zuruft: Caveant consules! Diese Ziffern bedeuten einen Notstand und dagegen muß man ankämpfen. Man muß dem Abfall entgegentreten, um seine Pflicht als Hüter des Judentums getan zu haben. Man muß erziehen und bilden. Man muß alles tun, um sich selbst zu beruhigen, daß alles geschehen ist, was die Verluste unmöglich oder gering macht. Ohne auf die bestehenden Maßregeln für die jüdische Erziehung der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen einzugehen, muß hier darauf im allgemeinen hingewiesen werden, daß unsere Kinder und unsere Jugendlichen beider Geschlechter mit dem größten Interesse für das Judentum, seine Geschichte und Lehre erfüllt werden müssen. Der Religionsunterricht muß eine sittliche und für die erhabenen Lehren des Judentums erfüllte Persönlichkeit schaffen. Nicht Memoirenmaterial darf unsere Geschichte sein. Nicht Lesen eines Auszuges aus unseren Gebetbüchern soll Ziel des Unterrichtes sein. Die Bibel, das Buch der Bücher, die Grundlage der Sittlichkeit bei allen Kulturvölkern, muß gekannt werden. Die Psalmen und Propheten sollen die Jugend bilden, ihr Herz und ihren Sinn erfüllen. Durch unsere Gebete und Riten soll der Zusammenhang aller Juden und der feste Glaube an den Allmächtigen erweckt und festgehalten werden. Dann wird auch a 11umfassende Nächstenliebe entstehen, das Ideal aller Zivilisation. Ein Zion der Größe undErhabenheitsollenunsereJugendb i 1 d n e r aufrichten. Dazu gehört, daß sie selbst mit Wissen und Innigkeit der Hingabe und Erhabenheit ihrer Mission herangebildet werden. Lehrerbildungsanstalten mit solchen Aufgaben müssen geschaffen werden und nur solche Zöglinge aufgenommen werden, welche die Befähigung für diese Aufgabe in sich tragen. Die Berufsprüfung muß also vor allem eine solche sein, die sich auf Intelligenz und Herzensbildung erstreckt. Nur wenige sind auserkoren, denn unsere Jugendbildner müssen Auserwählte sein.

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