Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 «miiwiiiiiiiiiiiii™^^ DIE WAHRHEIT «at—»'UT^-T-T . -•• Wärme, .aber ohne jede Untertänigkeit, schlicht und vornehm zeichnet. Mit bemerkenswerter Geschicklichkeit macht er seinen jugendlichen Lesern das Wesen der politischen Strömungen verständlich, ohne ihre schöne Unbefangenheit zu trüben. In jener Zeit ist die Wiener Gemeinde ein Hauptzentrum jüdischen Geisteslebens auf allen Gebieten geworden, dessen Glanz weit hinausstrahlte in die große Welt, und fast gleichzeitig wurde Wien ein Herd des Antisemitismus, der in seiner Art ebenfalls hinausstrablte in die weite Welt. Von hoher Warte aus läßt Grunwald dieses üppig-breite Getriebe überblicken und verweilt mit besonderer Liebe bei der Zeichnung einzelner hervorragender Gestalten. (Bei Dr. J. S. Bloch hätte es sich sehr wohl verlohnt, ausführlicher zu sein. Der heroische Lebenslauf dieses Mannes müßte eigens für die Jugend eingehend geschildert werden. Selten dürfte eine Biographie in gleichem Maße wie die Blochs kraftgebend, ermunternd, mustergültig auf die Jugend wirken.) Eine warme, begeisternde Liebe zu seiner Gemeinde strömt aus Grunwalcs Worten in die Seele seiner Leser. Er ist beileibe kein Lobredner, sehr häufig findet er herbe Worte des Tadels. Aber jeder Leser wird fühlen, daß die prächtigen Schlußworte ihm aus der Seele gesprochen sind. Was er in diesem kleinen Buche schauen durfte ist: „eine stattliche Ahnengalerie des Kiddusch Haschern, der Heiligung des Namens Gottes und Mehrung der jüdischen Ehre, so daß man von Wien sagen kann: Der Boden auf dem du stehst, ist geweihte Erde." Die Jugend wird dem Verfasser und der Gemeinde für die Gabe dankbar sein. Allein wir anderen, die wir nicht mehr das goldene Glück haben, zu dieser seligen Menschenkategorie zu gehören — warum sollen wir leer ausgehen? Wie wäre es, wenn Grunwald für uns eine ausführliche Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde schreiben wollte? Viel weniger bedeutende Gemeinden haben solche Bücher schon längst — und der Vorarbeiten in dieser Richtung sind genug vorhanden. Biujamin Segel. Religion oder Illusion. Eine Auseinandersetzung mit dem jüngsten Buche Professor Sig. Freuds: „Die Zukunft einer Illusion". Von Medizinalrat Dr Heinrich H a a s e. (Fortsetzung.) Wir nannten auch als Zeugen für die Richtigkeit der religiösen Lehre vom Gottesbegriff den gesunden Menschenverstand. M. F1 u e g e 1 bedient sich hierzu eines hübschen Vergleiches: „Ich halte hier ein Stück Papier, einen kleinen Gegenstand von geringem Wert und Preis: trotzdem wird man ohne weiteres zugeben, daß es eine Ursache, einen Erzeuger hat. daß es nicht durch bloßen Zufall ins Dasein getreten ist. nicht etwa durch Selbstzeugung, sondern daß jemand es gemacht haben muß. Nun soll unser Kontinent, das Weltall, das Sternensystem im unendlichen Räume, von denen jeder eine Welt für sich bildet — das alles soll die Schöpfung des Zufalls sein — wie es der Materialismus lehrt! Halten wir dagegen: dieses selbige unscheinbare, kleine Blatt Papier trägt einige schwarze Zeichen, Schriftzüge, Buchstaben, welche Worte und Ideen bedeuten, welche Dir und Mir logische Gedanken mitteilen, die augenscheinlich von jemandem gehegt worden, der diese Zeichen niedergeschrieben hat. Oder wollte man etwa lieber annehmen, daß diese Schrifzeichen. die solide Ideen ausdrücken, die Wirkung eines blinden Zufalls seien? Wollte man annehmen, oui Tintenfaß sei über dieses Blatt Papier ausgegossen worden und habe ganz von rngefnhr Schrift/eichen. Worte. vernünftige ideeu hervorgebracht? Sieht man hier Zeilen von Buchstaben als Zeichen von logischen Meinungen ausgestreut, so ist man wohl zur selbstverständlichen Annahme genötigt, daß hier, wo eine Zeichnung ist. auch ein Zeichner sein muß. Nun aber leugnet der Materialismus diese einfache Argumen- ■i:^ung. Er nimmt an. daß Time ausfloß «nd ms bloßem Zufall in die Form logischer Gedanken floß. Ja. noch mehr! Er behauptet, daß dieses Universum mit seinen Millionen Welten, die ihre ewig fixen Gesetze haben, so groß, so schön, so zweckmäßig sind, und einem wundervollen Plan entsprechen, daß diese Unendlichkeit von auf ein Ziel, auf eine unbegrenzte Harmonie (rerichteten Kräften ohne einen Baumeister durch bloßen, blinden Zufall entstanden sei. Man bedenke nochmals: Dieses kleine, beschriebene Blättchen hat einen mit Vernunft und Absicht begabten Verfertiger gebraucht. Dieses herrliche Universum aber sprang durch Zufall ins Dasein! All diese großen Mittel für ihren erhabenen Endzweck sind Zufall? Jedes Ding hat seinen Schöpfer, jede Wirkung setzt ihre Korrespondierende Ursache voraus, nur das Universum hat keinen Schöpfer und keine Ursache? Hier allein ist ein wunderbarer Plan ohne einen, der ihn entworfen?" Wir können und werden den Schleier der Natur niemals zur Gänze lüften. Der Mensch, ein Atom, kann nicht das All umfassen, ein Geschöpf, kann er den Schöpfer nicht ei<- klären. Wollt ihr die Uhr befragen, sie soll den Uhrmacher erklären? oder den Wassertropfen, er möge den Ozean ergründen? Nichtsdestoweniger beweist die Uhr den Uhrmacher und zeugt der Tropfen für den Ozean. Der Mensch weiß wenig von der Materie und noch weniger vom Geist. Die alten Weisen verboten über Metaphysisches zu spekulieren, es sei unfruchtbar und irreführend. Aber Bibel und Talmud, Moralisten und Rationalisten aller Zeiten begegnen sich in der Annahme der Existenz einer allerhöchsten Geisteskraft. Jeder Versuch aber, zu einer Definition zu gelangen, führt zu Aberglauben und Götzendienst. Go e t h e antwortet auf die Frage nach dem Verhältnis Gottes zur Natur: „Er steht hinter dem Webstuhl der Zeit und wirkt sein eigen, lebendiges Kleid." Und über die Natur selbst sagt er: „Sie hat kein System, sie ist Leben und Folge aus einem unbekannten Zentrum zu einer nicht erkennbaren Grenze." Und, weil Gott und die Schöpfung gleicherweise dem Menschen unfaßbar sind, lehrt die Bibel das, was für menschliche Zwecke genügt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde." — Mag die Philosophie die Schöpfung durch das Wort, durch den Gedanken, durch Ausstrahlung, durch den unbewußten Geist und anderes ebenso Unfaßbares hervorgehen lassen — die Bibel philosophiert nicht, sie gibt dem Menschen praktische, zweckmäßige, ihr Sittengesetz stützende Lehren VI. Der Hauptangriff der Philosophie ist gegen die Annahme eines persönlichen Gottes gerichtet, wie ihn die monotheistischen Religionen postulieren. Der Mosaismus hat das allerhöchste Wesen nicht dem Universum subsummiert. Sein Wille und seine Kräfte sind immanent, sie durchdringen und überschreiten die Welt des Stoffes. Gott ist durch diesen nicht begrenzt: er ist Urheber alles Seins, der physischen Natur mit ihren Gesetzen, sowie der Moralgesetze des Menschen — der selbstbewußte Intellectus activus. Die Gottesidec Spinozas anerkennt nicht den bewußten, freien Weltbaumeister. Nach ihm ist Gott das unbewußte, unpersönliche immanente Gesetz, der Habitus des Universums. Er ist die ..natura naturalis", die erschaffende Natur, deren eigentümliches, notwendiges Denken die ..natura naturata", die erschaffende Natur hervorgebracht hat. Auch Fichte spricht der Gottheit Bewußtsein und Persönlichkeit ab. Ihm war die Gottheit die bewußte Vernunft und Moral des Menschen oder die Moralordnung des Universums. Das grenzt an Atheismus. Er betont jedoch: ..Wirklich und wahre Religiosität (für die er eine Anweisung '.(eschrieben), ist notwendig tätig. Sie besteht in dem innigen Bewußtsein, daß Gott in uns wirklich lebe und tätig sei und sein Werk vollziehe." Das hat auch der Römische Dichter gefühlt und mit dem Satz zum Ausdruck gebracht: „Est Deus in nobis, agitante ealescimus illo." Hegel nimmt an. das Universum sei autonom, selbstständig auf seinen eigenen innerlichen Rädern rollend, von seinen eigenen ihm innewohnenden Gesetzen geleitet. Er erinnert an den göttlichen Wagen mit seinen freiwilligen, sich von selbst drehenden Rädern und heiligen Tieren aus der Vision Ezechiels, des Propheten, der aber auch von der ..geheimnisvollen Persönlichkeit" spricht, „die über seinem Firmament schwebt." Diese Persönlichkeit leugnet Hegel. Ihm ist Gott das personifizierte Denken, bewußt — bloß im menschlichen Gehirn. Vielleicht begnügen sich Theoretiker mit solchen vagen Spekulationen. Wenn es keinen persönlichen, absoluten Führer, keine unabhängige, autonome Einsicht im Universum gibt, woher gelangt sie in das menschliche Gehirn? Wenn vielleicht gar der so apotheosierte Mensch mit seinem Denken die Gottheit ist — dann haben wir hier doch die flagrante Abgötterei! Soll etwa das Gehirn, das Nervengewebe Intelligenz und Moralität sezernieren? Da leuchtet doch ohne Zweifel die religiöse Lehre des Deisien mehr ein: Die Seele leitet ihre Gedanken und Kategorien aus der allgemeinen göttlichen Ouelle her. Sie wirkt es aus. wie der Musiker dem Instrument seine Musik entlockt. Auch diese stammte ursprünglich vom Komponisten, sie füllt den Geist des Musikers, der sie durch die Zweckdienlichkeit seines Instruments herausbringt. Ebenso wird die Pflicht, emaniert von der Quelle der Moralität, in das menschliche Gehirn reflektiert, die ler von dort in seine