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Die Wahrheit · 1928-01-06 · Heft 1 (6.1.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 1 (6.1.1928)
Date
1928-01-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT MimuiiHiuiuiiu^^ Solle 5 alles das in sich aufnehmen, was sie erfahren sollen, wenn der 'Verfasser mit ihnen seine Ziele erreichen will. Denn der Geschichtsschreiber, wenn er ein echter Geschichtsschreiber ist, hat stets zugleich in sich ein großes Stück vom geborenen Führer, der die Menschen in einen bestimmten Weg lenken will, wenn er es ihnen auch nicht auf den Kopf zusagt, ia wenn er sich dessen oft selber nicht klar bewußt ist. Sprecht uns nicht von der voraussetzungslosen Wissenschaft im Zusammenhange mit der Geschichtsschreibung! Ihr könnt nur unparteiische Wissenschaft, gerechte Wissenschaft fordern, aber schon bei der Auswahl der Stoffe und bei der Wahl seiner Gesichtspunkte muß der Geschichtsschreiber voraussetzen, daß die einen wertvoller und bedeutender sind, als die anderen. Und wenn der Geschichtsschreiber wirklich Führereigenschaften besitzt, so mag er sich alle Mühe geben, sie zurückzudrängen, zumal mit Rücksicht auf seine jugendlichen Leser; es wird ihm doch nie ganz gelingen, stellenweise leuchten sie auf wie wohltuendes Feuer. Alle diese Erwägungen drängen sich einem auf bei der Lektüre der „Geschichte der Wiener Juden bis 1914 für die Schuljugend erzählt von Dr. Max Qrunwald". Aus Anlaß der Jahrhundertfeier des Tempels der Inneren Stadt widmete der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens der Schuljugend dieses Buch als Angebinde und Erinnerung. Der Verfasser hatte eine sehr schöne aber ebenso schwierige Aufgabe vor sich. Die Wiener jüdische Gemeinde ist eine der ältesten und glorreichsten in Europa. Der Stoff ist überreich, der glanzvollen Perioden und Persönlichkeiten, der Kämpfe und Leistungen, gleich hochbedeutsam für das Väterland wie für das Judentum gibt es die Fülle. Es galt, das Merkwürdigste und Wissenswerteste in dem kleinen Büchlein von fünf Bogen zusammenzufassen, und es mit so viel Lebhaftigkeit, Glanz und natürlicher Anmut auszustatten, daß unsere heutige Jugend daran Interesse und Gefallen finde, eine Jugend, auf die von rechts und von links eine wüste Agitation einstürmt, die ihr klar machen will, daß das Judentum und die jüdische Gemeinde arg überlebte Requisiten sind, denen kein langes Dasein mehr in unserer neuen Welt beschieden seien und die man am besten tut, still und schmerzlos „abzubauen". Es ist nun ein wahrer Genuß, zu beobachten, wie der Verfasser sich dieser Aufgabe entledigt. Er ist ein Meister der künstlerischen Verkürzung. Die ungefähr tausend Jahre, die sich von der ersten Erwähnung der Juden auf österreichischem Boden bis zur Gegenwart erstrecken, ziehen vor den Augen des Lesers mit ihren beleuchteten Gipfelpunkten vorbei, von denen jeder auf seine nächste Nachbarschaft reichliche Strahlenbündel wirft. Aus der vorangehenden, ganz in Dunkel gehüllten Geschichtsepoche ist nur eine Tatsache erwähnenswert. Aus der römischen Besatzung der Kolonie Vindobona, auf deren Boden nachmals die Stadt Wien erblühte, wurde eine Reiterkohorte nach Palästina abkommandiert, um im Kriege gegen Bar Kochba (132—135 n. Ch.) mitzukämpfen. Wie schade, daß die Wiener Hakenkreuzler sich nicht, gleich ihren rumänischen Genossen, als direkte Nachkommen der glorreichen Helden Roms betrachten. Sie könnten ja die Genugtuung empfinden, daß ihre Vorfahren vor 2000 Jahren mitgewirkt haben bei der grausamen und blutigen Unterdrückung der letzten Freiheitsregung des verhaßten Judenvolkes. Die Rumänen haben ja, wie erinnerlich, vor einigen Jahren die in der Bukowina bestehenden Turnvereine „Bar Kochba" verboten, weil sie den Namen dieses ruchlosen Rebellen führten, der sein Volk von dem edlen und gerechtfertigten Joche der römischen Kaiser befreien wollte und in dieser verlorenen Ecke des Riesenreiches eine furchtbare Revolution anzettelte, die die Grundfesten der römischen Herrschaft derart erschütterte, daß die Herren der Welt gezwungen waren, zu deren Niederkämpfung Truppen nicht nur aus Vindobona, sondern sogar aus Britannien herbeizuholen ... Die Makkabäer dagegen, sagen die Rumänen, waren andere Leute, zwar auch nur Juden, aber schließlich Bundesgenossen der Römer, d. h. der Vorfahren Bratianus, Cuzas und Titulescus. Daher verboten sie gnädigst das Chanukafest nicht .... Aber dieser Bar Kochba . . . Na, von dem Moment, als römische Wiener nach Palästina abmarschierten, um ihn zu bekämpfen, bis die Wiener auf eigenen Boden Juden zu verfolgen hatten, dauerte es noch mehrere Jahrhunderte. Unter dem Schutze der Babenberger war die W'iener Gemeinde eine „Rettungsinsel für die Juden mitten in dem Meer von Jammer, welches die ganze Umgebung für sie bildete. Von allen Stürmen entfesselten Judenhasses selbst in Oesterreich, blieb sie allein verschont, eine Zuflucht der Verfolgten von Ost und West." Bald wurde Wien zu einem Hochsitz jüdischer Kultur. Von weit und breit kamen Jünger der jüdischen Wissenschaft nach Verlangen sie aberall 1 Original- Badgasteiner Thcrmalwasser A.-Q. Direktion Badgastein: Lastenstraße Nr. 170 Fetnsptecher 138 Drahtanschrift: Thermag Depot Wie«: I., Helferstorferstraße Nr. 9 Femsprecher 62-t -42 Drahtanschrift: Thermag Wien der Name spricht für sich! Wien, aus aller Welt Anfragen über gelehrte Gegenstände an die „Weisen von Wien". Im 13. und 14. Jahrhundert blühen in der wohlhabenden Gemeinde große Gelehrte, deren Entscheidungen für ferne Gegenden maßgebend waren. Doch iii den Jahren 1420—1422 bricht eine grauenvolle Verfolgung aus, wie sie im Mittelalter sehr häufig sich über die Köpfe der Juden zu entladen pflegte. Der Rest wurde „auf ewige Zeiten" von Wien verbannt und von der ganzen Gemeinde blieben nur ein paar Grabsteine, die im heutigen jüdischen Museum aufbewahrt werden. (Daß bei diesem Martyrium Kinder eine große Rolle spielen, hat Grunwald sehr fein und geschmackvoll hervorzukehren verstanden.) Doch bald wurden die Vertriebenen, wie dies im Mittelalter fast regelmäßig geschah, zurückgerufen, um die unentbehrliche Lücke in der damaligen Volkswirtschaft auszufüllen. Und so sehen wir um die Wende des 16. Jahrhunderts in der Gegend der Himmelpfort- und Sterngasse eine jüdische Gemeinde neu erstehen. Bald gibt sie der Judenheit einen der berühmtesten ihrer Söhne, Rabbi Jomtob Lippmann Heller, den noch heute vielgenannten „Tossefot Jomtob". Doch im Jahre 1670 mußten sie Hals über Kopf ihre Häuser verkaufen, ihre Geschäfte liquidieren und vielfach nackt und bloß mit ihren Greisen und Kranken die Stadt verlassen. Einen Teil von ihnen lud der Große Kurfürst nach der Hauptstadt des aufblühenden Preußen ein, wo sie den Grundstein zu der industriellen und kommerziellen Größe der heutigen Weltstadt Berlin legten. „Nirgends mehr", sagt Grunwald, „hört man sonst von solchen Mißgriffen, wie in Oesterreich, wo er sich überdies noch zweimal wiederholen sollte, indem Karl VI. 1738 die Juden aus Schlesien und Maria Theresia sie 1744 aus Prag vertrieben. Es vergehen keine 10 Jahre nach der unsinnigen Vertreibung und schon wird wieder ein Jude, Samuel Oppenheimer aus Heidelberg, eingeladen, sich in Wien niederzulassen, er wird der Gründer unserer Kultusgemeinde. Von da ab geht es fast ununterbrochen aufwärts. Freilich, Maria Theresia galt den Zeitgenossen als ein „Ha man im Unterrock". Aber ihr Sohn, Josef IL, eröffnete eine neue Epoche im Leben der Juden, weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus. Mit einem Hochgefühl der Befriedigung und der Dankbarkeit folgt man an der Hand der gedrängten, lebhaften und klaren Erzählung Grunwalds dem Aufstieg der jüdischen Gemeinde unter Kaiser Franz Josef, dessen Bild der Verfasser mit großer

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