Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 1 (6.1.1928)
- Date
- 1928-01-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064249--15957-3088680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 lijHM^^ OIE WAHRKEH scheut: er steuert zu dem Buch ein Vorwort und eine 45 Seiten lange „Einführung" hinzu, außerdem gibt er .vielfach zu dem Brafmannschen Text Anmerkungen aus eigenen Geistesschätzen. Schon das kurze Vorwort zeigt in klassischer Weise die exakte Arbeitsweise des Herrn Professors. Er gibt da Bemerkungen über die Aussprache des Hebräischen, wobei ihm amüsante Schnitzer unterlaufen. So setzt er zum Beispiel die sogenannte aschkenasische Aussprache des Hebräischen dem „Jargon" gleich. (!) Auf dem Gebiete der hebräischen Grammatik herrscht doch gewiß kein jüdischer Geheimbund, der Wahrheiten verbirgt. Mit ganz geringer Mühe hätte sich der Herr Professor Belehrung holen können. Es ist gewiß gleichgültig, ob Herr Professor Passarge Hebraist ist oder nicht; aber das kleine Beispiel zeigt, mit welcher Leichtfertigkeit hier offenbarer Unsinn ausgesprochen und gedruckt wird. III. in der langen Einführung Passarges ist die Biographie und Ehrenrettung Brafmanns besonders amüsant. Wenn sonst ein Jude zum Christentum übertritt, wird er auch von den Antisemiten als Renegat und Ueberläufer verachtet und immer betont, daß das Taufwasser die schlechten Eigenschaften der „jüdischen Rasse" nicht abwasche. Hier aber bemüht sich ein deutscher Professor, die Ehrlichkeit und vornehme Gesinnung eines getauften Juden zu erweisen. Er rühmt auch dessen „warmes Herz für seine Landsleute". IV. Es ist schade, daß es kein Patentamt für logische Erfindungen gibt: Passarge hat nämlich eine Beweismethode ausgearbeitet, die unter allen Umständen ihr Ziel erreicht und deshalb gesetzlich geschützt werden sollte. — Wen« nämlich einer antisemitischen Verleumdung von jüdischer Seite nicht ausdrücklich entgegengetreten wird, so ist das für Passarge ein klarer Beweis, daß die aufgestellte Behauptung richtig ist, warum sonst das Schweigen? - Wird dagegen die gehässige Behauptung bekämpft, so beweisen gerade diese „Widerlegungsv ersuche", daß die Juden sich getroffen fühlen, — warum sonst die heftige Abwehr, wenn es sich doch nur um Fälschungen handelt? — Das ist durchschlagende Logik! V. Ein Meisterstück feinster Argumentation liefert Passarge auf Seite XII—XIH. Dort wird bewiesen, daß es auch heute noch eine Zentralstelle gibt-die die gesamte Presse dirigiert. Diese Zentralstelle erschließt der Herr Professor daraus, daß „wie auf ein Kommando" eine „Hetze" gegen Passarge und Brafmann einsetzte, als die Herausgabe des Buches angekündigt wurde. Passarge kann sich die einmütige Abwehr nur dadurch erklären, daß eine Zentralstelle den ganzen „Entrüstungsrummel" „arrangiert" habe. Auf den Gedanken, diaß die Einmütigkeit der Zurückweisung auf den von vielen erkannten Charakter des Buches zurückzuführen ist, kommt der Professor nicht. Wer Montags auf der Straße geht und allen Leuten verkündet: „Heute ist Mittwoch!", der wird die einmütige Antwort erhalten: „Nein, wir haben Montag". Nach der Logik des Herrn Passarge könnte der Betreffende schließen, daß eine „Zentralstelle" alle Menschen angewiesen habe, ihm zu widersprechen, woher käme sonst die „Einmütigkeit der Abwehr"? VI- Jn Kürze seien die famosen Ausführungen über die „Sonnen-" und „Mondnatur" der Völker erwähnt. — Die Juden haben „Mondnatur"; wie der Mond der Erde immer nur eine Seite zukehrt, so zeigen die Juden den Nichtjuden nur immer die „Vorderseite", die „Hinterseite" bleibt verborgen (Seite XLVIII u. ff.). Dort liegen die „vielen Geheimnisse,- die nur das Ghetto- und Religionsmitglied kennen darf". — Köstlich ist es, wenn Passarge erwähnt, daß die rabbinische Literatur die Juden ganz offen als „Mondvolk" kennzeichne; denn in der jüdischen Literatur wird der Mond häufig als poetisches Bild gebraucht. — Für den Einsichtigen ist jedes Wort zur Charakterisierung dieses Verfahrens überflüssig. — „Jüdische Geheimnisse" gibt es nur für den, der sich nicht die Mühe n i m m t, die offen d aliegen den Tatbestände zu studier en, — aber für den gibt es dann ja auch „Geheimnisse der hebräischen Grammatik". VII. Der „Beweis" für die Echtheit des Brafmannschen Materials wird in einer Weise geliefert, die selbst den Unkundigsten in Erstaunen setzt. Die Dokumente sind echt, weil sie auf vergilbtem Papier stehen! Die einheitliche Handschrift ist auch ein Beleg für die Richtigkeit! (Seite VIII.) Dabei sagt Passarge selbst, daß es sich „zum Teil ganz überwiegend nicht um Originalprotokolle, sondern um alte Auszüge aus solchen" handelt (Seite XIX und XX). W7as beweist also die einheitliche Handschrift? — Natürlich legt Passarge auch großes Gewicht auf den Erweis nach seiner oben beschriebenen Methode: warum regen sich die Leute auf, wenn die Dokumente gefälscht sind; — die „Aufregung" beweist die Echtheit der Urkunden. Es ergibt sich also, daß die Einführung des Herrn Professor Pässarge ganz auf demselben Niveau steht, wie die Brafmannschen Ausführungen; — der Leser wird durch sie in geschickter Weise imd von kundiger Hand in das „Buch vom Kanal" eingeführt. Dr. S. W e i n b e r g. Geschichte der Wiener Juden. In der Beschränkung und im Kleinen zeigt sich der Meister. Wer aus einer solchen Fülle der Erkenntnis und der wissenschaftlichen Leistungen auf so vielen Gebieten der ludaistik und von solcher Höhe und Weite der Weltanschauung, wie Dr. Max Qrunwald, es unternimm*, die Geschichte einer Gemeinde für die Jugend zu schreiben, der legt sich einerseits vielerlei freiwillige Beschränkungen auf, denn er ist gezwungen, vieles ungesagt zu lassen, was er sich gedrängt fühlt, der Welt mitzuteilen, das aber für seine jugendlichen Leser nicht geschaffen ist. Anderseits jedoch eröffnet sich ihm die Möglichkeit, einem dankbaren und verständnisvollem Publikum Dinge zu sagen und es für sie hinzureißen, für welche die Erwachsenen und Alten schon überreif, schon viel zu blasiert sind. Nach der einen wie der anderen Richtung muß er weises Maßhalten üben und dabei darauf achten, daß die Leser nicht zu kurz kommen, daß sie