Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 46 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT M«^^ Seite 9 ihm mit großer Freundlichkeit und Liebe entgegen und bat ihn inständig, sich hier niederzulassen; sie wolle auch alles aufbieten, damit es ihm an nichts mangle. Kurz, er nahm ihren Vorschlag an und bekundete ihr allmählich dieselbe Liebe, die sie ihm entgegenbrachte. Auch seinen Wunsch, daß sie vor einer ehelichen Verbindung den jüdischen Glauben annehme, erfüllte sie mit der Bereitwilligkeit einer Liebenden. Im weiteren Verlauf der Aussprache mit seiner Indianerbraut erfuhr er zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß sie in der Geschichte und in den Gebräuchen des Judentums ziemlich bewandert war und auch andere Indianer aus jener Gegend großes Interesse für jüdische Sitten bezeugten. Die Erklärung hierfür liegt in der Tatsache, daß ein großer Kreis junger Intellektueller unter den Indianern, die an Universitäten studieren, ein ziemlich eingehendes Studium über Juden und Judentum betreiben. Enttäuscht durch das Christentum und die Christen, von denen sie so schlechte Behandlung erfuhren, begannen sie das Judentum zu studieren. So hatte denn auch die junge Indianerin mit Freuden dem Vorschlag Kehrmanns, zum jüdischen Glauben überzutreten, Folge geleistet. Kehrmann fuhr dann mit seiner Braut in die nächstgelegene kleine jüdische Siedlung, wo das Mädchen von dem dortigen Rabbiner in das Judentum aufgenommen wurde. Heute ist sie eine überzeugte gläubige Jüdin. Die übrigen Indianer des Dorfes beneiden die Proselytin Kehrmann und überlaufen ihren Mann mit Bitten, auch ihnen den Weg zum Judentum zu ebnen. Interessant ist hierbei, daß gerade unter den intelligenten Indianern, die in ihrem Kreis die Liebe zum Judentum verbreiten, die feste Anschauung besteht, daß sie, die rotfarbigen Kinder Amerikas, die Nachkommen der verloren gegangenen zehn Stämme des jüdischen Volkes seien. Da die Christen die Indianer auch heute noch als Menschen niedrigster Sorte behandeln, mehren sich jetzt die Fälle von Mischehen, indem Indianer Judenmädchen und umgekehrt Juden Indianerinnen heiraten. In allen Fällen aber nehmen die Indianer beiderlei Geschlechts gerne das Judentum an. Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgemeindebezirkes Wien XXI (Floridsdorf). (Schluß.) Während der entsetzlichen Periode des Krieges und der nicht minder verheerenden der unmittelbaren Nachkriegszeit haben die 3 Vereine: Chewra Kadischa. Frauen- Verein und Chaunen-Dal im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit Großes geleistet, um den jüdischen Armen und Bedürftigen des Bezirkes das „Durchhalten" — wie der schöne Ausdruck damals lautete — zu ermöglichen. Um aber, insbesondere den doppelt schwer leidenden und in ihrer Entwicklung bedrohten Kindern der unbemittelten — wenn auch nicht ganz armen — Familien irgendwie Hilfe zu bringen, gründete ich 1919 das Komitee: „Jüdische Jugendfürsorgefür den 21. Bezirk". Kein bares Geld, sondern nur Lebensmittel, Holz und Kohle wurden zur Verteilung gebracht, und zwar ein bestimmtes Quantum für jedes Kind. Die Beschaffung gewisser Produkte war in damaliger Zeit mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden und zumeist nur durch persönliche Beziehungen ermöglicht. Dem Komitee — das nicht auf Mitgliedsbeiträge, wohl aber auf Tempelspenden und anderweitige Zuwendungen reflektierte — gehörten die maßgebenden Faktoren des Bezirkes und der Vereine an, insbesondere aber außer mir die auch sonst auf diesem Gebiete sich eifrig betätigende Präsidentin Henriette Grünwald, Gabriel Dukes, Emil Fanto, Dr. Max Ticho und Salomon W einiger. Letzterer, dermalen Mitglied des Wiener Kultusvorstandes, trug viel aus eigenem zur Durchführung der Aktionen der „Jüdischen Jugendfürsorge" bei. — Gegenwärtig wendet diese Institution ihre Aufmerksamkeit den Kindern der jüdischen Arbeitslosen des Bezirkes zu, denen sie monatliche Zuschüsse zur Erhaltung gewährt. 1921 wurde im Sitzungssaal des Gemeindehauses die Marmortafel des „Chaunen Dal" (gespendet vom Vorstandsmitglied Moritz G r ü n w a 1 d) zur Erinnerung an die verdienstvollen Gründer und Mitglieder desselben angebracht. Sie wird eröffnet mit Samuel Deutsch (gestorben 13. November 1910), der wie bereits erwähnt, einer der Mitbegründer der Gemeinde, des Tempels und der Chewra Kadischa gewesen ist und überdies als langjähriger Gemeinderat des Bezirksteiles Donaufeld auch in nichtjüdischen Kreisen Einfluß und Anklang besaß. Eine Marmor-Denktafel, von der Chewra Kadischa gespendet und in der Zeremonienhalle des Friedhofes eingeweiht, kündet Namen für Namen die schweren Opfer, die der Weltkrieg unter den jüdischen Angehörigen des Bezirkes gefordert hatte. Im Herbst 1922 wurde aus der Mitte der opferfreudigen Gemeindemitglieder des Bezirkes mit Subventionierung der Muttergemeinde die Renovierung des Gotteshauses vorgenommen, wobei Hugo Schwarz einen herrlichen Bronzeluster demselben widmete. 1922 wurde von der Gemeinde mein 25jähriges Jubiläum gefeiert und in der darauf folgenden Zeit die Bilder Dr. Jakob Königs, Emanuel Grünwalds, Josef Buchwalds, sowie, wie bereits angeführt, in diesem Jahr auch das von Gabriel Dukes im Sitzungssaale angebracht. — Die Geschichte dieses Bezirkes, die alle Agenden eines jüdischen Gemeindelebens berühren sollte, darf nicht, ohne einen schweren Verstoß zu begehen, das Kaschrus und den Ritus verschweigen, obwohl ersteres vielen gleichgültig geworden ist und letzterer ein — nach vielen Kämpfen — allgemein anerkanntes Gut ist. Für die Ausübung und Erhaltung des Kaschrus waren im Bezirke jahrzehntelang Adolf Donat und Leopold Hahn als Schächter angestellt. Letzterer war überdies ein erstklassiger Sofer, aus dessen Hand einige Seforim, von Gemeindemitgliedern bestellt, und unzählige hebräische Inschriften, auch in Stein gemeißelt, stammen und auch erhalten geblieben sind. Der Ritus in unserem Gotteshause ist vermöge der Provenienz der meisten Gemeindemitglieder ein konservativer, dem nordungarischen (slowakischen) Minhag angeglichen. Vom Standpunkte ausgehend: quieta non movere, ließ ich im Laufe der Jahrzehnte an den rituellen Gebräuchen und Einrichtungen des Gottesdienstes so wenig als möglich Aenderungen vornehmen. Hiedurch wurde zum nicht geringen Teile den Differenzen vorgebeugt, vor allem aber der Exodus der konservativen Gemeindemitglieder und die Bildung eines besonderen orthodoxen Synagogenveremes hintangehalten. Als Oberkantoren, respektive erste Kantoren sind u. a. zu nennen: A. Römann (später Kantor in der Brigittenau), David Weiß (gegenwärtig pensionierter Oberkantor in Iglau), Moritz Löwy (gegenwärtig Oberkantor in Mährisch-Ostrau), J. Schleifer (gegenwärtig in gleicher Eigenschaft in Fünfhaus), Heinrich Rosenberg (gegenwärtig in Budapest), G. Margulies (gegenwärtig in Währing) und nunmehr David Groß. Als Kantoren des Gotteshauses wären anzuführen: S. Blau, Ignatz Low und gegenwärtig J. Eibenschütz. Als Gemeindeangestellter für das Gotteshaus war früher Aron K o r n i t z e r tätig und nach dessen Heimgange ist es nunmehr für Tempel und Friedhof David Getreu. — Für die Aufrechterhaltung des Minjans beim täglichen Gottesdienste war außer mir nicht bloß der Tempelvorstand in seiner Gesamtheit eifrig bemüht, sondern auch insbesondere in früheren Jahren der bereits mehrfach erwähnte Max N e u m a n n und in den letzten Jahren das Mitglied des Tempelvorstandes und der Bezirkskommission Naftali B r a n d e i s. Sollte nicht auch des Todes und der unter großen Ehrenbezeigungen erfolgten Bestattung der verdienstvollen Männer unseres Bezirkes — wenn auch flüchtig — gedacht werden? Viele ruhen bereits auf dem jüdischen Gottesacker des Bezirkes, den sie zu erwerben, und sind verzeichnet in der Haskarah des Gotteshauses, das sie zu errichten wesentlich mitgeholfen haben. — Die Entstehung und Entwicklung des Floridsdorfer Kultusgemeindebezirkes, die, wenn man von der vorangegangenen Periode absieht, seit der Erbauung des Gotteshauses und Gründung der Chewra Kadischa ein halbes Jahrhundert (1877—1927) umfassen, sind somit ziemlich eingehend geschildert worden. — Weit mehr als die Hälfte dieser Zeit, und zwar 3 Jahrzehnte (1897—1927) ununterbrochener Arbeit meinerseits sind damit verbunden. — Rufen aber nicht all diese Darstellungen den Eindruck hervor, als ob stets in der Gemeinde ungetrübter, heller Sonnenschein geherrscht hätte? — Gab es nicht auch Wolken, Verdrießlichkeiten, Aergernisse, Aufregungen? — Was ist mit diesen? „Was ist mit den Schatten, die immer im Hintergrunde lauern?" — so fragen wohl manche Wißbegierige. Die Antwort lautet: „Man denke sich diese hinzu und das Bild ist — fertig."