Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 46 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 liliM DIE WAHRHEIT HOTEL „NATIONAL ii Restaurant 1P3 Wien Ii., Taborstraße 18 ™°£SSS Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u. Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. Vorziigl. Wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell Weiningers, in der dieser von den Juden alles Böse behauptet, aber Fritsch hat noch nie verraten, daß auch dieser Unglückliche Jahre hindurch unzählige Male von sich selbst aussagte, „er fühle in sich einen ungeheuren Antrieb zur Lüge, zur Grausamkeit, selbst zum Mord." Noch unmittelbar vor seinem freiwilligen Tode hat Otto Weininger, den, wie einer seiner Biographen bemerkt, „die unbezwingbare Furcht vor den unheimlichen Mächten in ihm selbst in den Tod getrieben", die Worte niedergeschrieben : „Ich morde mich selbst, um nicht einen anderen morden zu müssen." Diese zwei Juden, Arthur Trebitsch und Otto Weininger sind die Kronzeugen für die antisemitische Rassentheorie! Freilich muß zugegeben werden, daß man die Stützen für den Wahnsinn einer mörderischen Rassentheorie nicht bei normalen Köpfen suchen kann. * * * Es ist bekannt, daß vor der Ankündigung des Grafen Bethlen, die Regierung beabsichtige, die Schärfen des Numerus clausus zu mildern, an der Pester Universität das Verhältnis der christlichen Inskribierten zu den jüdischen wie 95 zu 5 war. Da haben die Erwachenden die erst zart geplante Maßnahme der Regierung damit beantwortet, daß sie über die durch das Gesetz tolerierten paar jüdischen Studenten und Studentinnen mit Knütteln herfielen, die Wehrlosen blutig schlugen und sie aus den der hehren Wissenschaft geweihten Hallen der Universität hinausjagten. Mathematiker, die auf Grund ihrer Wissenschaft nebenbei psychologische Studien betreiben wollen, wären also genau in der Lage, die ungeheure Gemeinheit, die dazu gehört, daß viele über einen herfallen, perzentuell festzustellen. * * * Die jüdischen Studenten in Budapest wollen nunmehr den Versuch machen, den Knüttelhelden mit der Waffe in der Hand entgegenzutreten. Natürlich nicht im Lehrsaal, sondern auf dem Fechtboden, Mann gegen Mann. Mann kann schließlich auch dies eine Uebertragung auf das „ritterliche" Gebiet nennen, da man ja doch gewisse Wegelagerer aus mittelalterlichen Zeiten als „Raubritter" getauft hat. Prinzipielle Duellgegner sind aber sicherlich weiter überzeugt, daß in einem Rechtsstaate der Kampf über geistige Fragen nur mit geistigen Waffen geführt werden dürfte. Aber wer wird so naiv sein zu glauben, daß die Vorgänge, die der Budapester Universität seit langem schon ihren Stempel aufdrücken, in einem Rechtsstaate überhaupt möglich wären? Die Erwachenden sollen die Duellforderung der jüdischen Studenten angenommen haben. Es scheint also, daß sie sich noch nicht zu dem famosen Waidhofner Prinzip bekennen, das sich bekanntlich eine Gruppe extrem deutschnationaler Studenten bereits vor vielen Jahren an deutschen Universitäten zurecht gelegt hat. Allerdings erst nach betrübsamen Erfahrungen, die es ihnen aus Gesundheitsrücksichten rätlich erscheinen ließen, den jüdischen Studenten die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen. Das Waidhof ner Prinzip hat sich in der Tat für Maulhelden als eine Art Unfall- und Lebensversicherung bewährt. Ego. jüdische Indianer. Der chilenische Rauchwarenhändler Bernard Murau erzählt in einem amerikanisch-jüdischen Blatt das folgende Erlebnis: Auf meinen Fahrten in den entlegensten Winkeln von Chile mußte ich einmal in einem kleinen Dorf im Norden der Chile-Republik übernachten. Ich wußte, daß dieses kleine Dorf mit dem Namen Fakhat ausschließlich von Indianern bewohnt wird. Ich spazierte durch die stillen Gäßchen des Dorfes, wenn man diese Durchgänge Gassen nennen darf, als ich plötzlich einen bekannten jüdischen Sang hörte. Mein Herz begann lauter zu klopfen, ich glaubte, zu träumen. Aber bald konnte ich ganz deutlich die mir so vertrauten Worte „L e c h o d a u d i" ausnehmen. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. War es Wirklichkeit oder bloß ein Werk meiner erhitzten Phantasie? Aber nein! Ich hörte ganz klar, es waren hebräische Worte — es war die altbekannte Sangesweise des „Lecho daudi". Ich werfe einen Blick in das Innere des Häuschens, aus welchem der Gesang auf die Gasse gedrungen war, und ich sehe Lichter auf dem Tisch — Sabbathlichter. Habe ich mich etwa in ein kleines Städtchen der alten Heimat verirrt oder befinde ich mich in einem Ort, wo sich die verlorenen zehn Stämme aufhalten? . . . Ich klopfe an und trete in das Haus ein. Eine echte, unverfälschte Indianerin mit einigen kleinen Kindern, winzige Indianer, kommen mir entgegen. Jetzt begreife ich die Situation noch weniger. Doch bald erblicke ich ein heimisches jüdisches Gesicht — einen jungen Juden von dem Typus, wie ich ihm in Galizien und Polen oft begenet bin — ein bleiches Gesicht mit zwei tiefen schwarzen Augen, echt jüdischen Augen. Mit einem Lächeln begrüßte er mich mit dem altgewohnten Scholem Alejchem. Er war nicht weniger überrascht als ich. Auch er war nicht darauf gefaßt, in diesem entlegenen Indianerdorf einem Juden zu begegnen. In der Stube war alles sabbathlich wie in einem frommen jüdischen Haus. Rein, fein säuberlich, und auf dem Tisch brannten Sabbathlichter. Man lud mich zum Essen ein, und nach dem Mahle erzählte mir mein Gastgeber — er hieß Sußmann Kehrmann — seine Geschichte: Vor vier Jahren kam er aus Polen nach Chile, wo er sich anfangs einsam und verlassen fühlte. In der ersten Zeit litt er auch Hunger und Not, da er wegen Unkenntnis der Sprache nichts beginnen konnte. Mit Hilfe eines kleinen Betrages, den ihm Verwandte aus der alten Heimat geschickt hatten, kaufte er etwas Ware und begann damit zu hausieren. Er fuhr von Dorf zu Dorf zu den Spaniern und Indianern, denen er seine Ware verkaufte, und erhielt sich kümmerlich. Als er in dieses Dorf kam, verliebte sich, in ihn ein junges Indianermädchen, dasselbe, das heute sein Weib ist. Sie kam