Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 46 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite o MUli™^ DIE WAHRHEIT menschlichem Begreifen. Uebrigens muß sich die Rezension da größere Reserve auferlegen; denn Aphorismen müssen gelesen werden. Die behandelten drei Zyklen berühren in der Hauptsache das eingangs angedeutete Problem der Weltanschauung. Lediglich einige Punkte ihrer Peripherie dürften hier im Vorübergehen gestreift werden. Der interessierte Leser kann sich aber aus diesen und früheren Dichtungen des Verfassers den Kreis seiner Weltanschauung selbst konstruieren. Und das scheint uns der Mühe wert. Von tiefer Menschenliebe und echt jüdischer Ethik durchdrungen sind die „Gedanken über den Krieg und den Zusammenbruch" und die „Jahre des Unheils". Mit Entsetzen sieht der Dichter das schreckliche Unglück des Weltkrieges, das „Stahlbad", diese furchtbarste aller konventionellen Lügen der Menschheit. Er sieht und erlebt die besondere Tragik der heimatlosen Juden. Fremd ist er in dieser Welt des bewußten Truges und planmäßigen Menschenmordens. Und nun kommt auch hier wieder die spezifisch jüdische Note und der nicht mehr steigerungsfähige Grad des Erfassens und Ablehnens des Krieges, der Unbedingtheit in diesem Punkte: Angesichts der Kriegskatastrophe verweigern die Engel des Himmels die Keduschah dem Allmächtigen und erklären, nicht verkünden zu können, in dieser grauenerregenden Zeit: „Heilig ist der Herr Zebaoth!" Besonders starken Eindruck machen die drei Gedichte „Im Lande", entstanden gelegentlich der Besuche in Palästina. 1913 — gelegentlich der ersten Reise — drängen sich in der heiligen Stadt dem Auge nur Trümmer auf. Wohin man blickt, nur Trümmer, hoffnungslose Trümmer. Der Dichter rast, von Schmerz überwältigt. „Wozu bist Du. Jerusalem, zurückgeblieben?" fragt er. „Warum sind nicht verschwunden diese Trümmer all? Warum hat sie nicht hinweggeschwemmt des Wassers Schwall? Als Märchenland würdest Du in ungetrübter Pracht bestehen, Und in süßen Träumen würden wir Deinen einstigen Zauber sehen. Hier stand Jerusalem — würde der Vater seinem Sohne sagen. Hier ist der Ort, der Davids Feste hat getragen." 13 Jahre später. Zweiter Besuch in Erez-Israel. Der Aufbau ist in vollem Gange. Jerusalem zeigt dem Besucher bereits seine neuen Stadtviertel, feste Steinhäuser der Juden, von jüdischen Händen erbaut. Schutt und Trümmer sind vielfach verschwunden. „Wozu Du zurückgeblieben bist, soll ich wieder fragen? Jetzt weiß ich die Antwort schon selber zu sagen: Damit Du Dich wieder aus dem Staube erhebest — Und die Hoffnung auf Erneuerung bei Deinem Volke belebest." Diese deutschen Verse, bloß nach dem Sinn der Gedichte in Eile gebildet, sind gewiß zu schwach, um die Kraft und Wirkung des hebräischen Originals auch nur annähernd wiederzugeben. Der geneigte Leser möge hier dem aufrichtigen Rezensenten, der auf dem Helikon nicht zu Hause ist, sein offenes Geständnis zugute halten. Diese Verse sind aber das Kind ehrlicher Begeisterung. Eine besondere Gruppe bilden die Uebersetzungen fremdsprachlicher Dichtungen. Die „N i o b e" aus den Metamorphosen des Ovid ist fast dem Wortlaute des lateinischen Originals nach treffend übersetzt. Der Hexameter ist gewahrt und glücklich durchgeführt. Vor Jahrzehnten schon hat der Verfasser übrigens auch andere Horazische Gedichte und ein Buch der 11 i a s ins Hebräische übertragen. Ausgezeichnet ist die Nachdichtung von Platens „Das Grab im B u s e n t o". Wer einmal dieses Gedicht Platens memoriert und „Niobe" in der Schule gelesen hat, den erinnert die hebräische Uebertragung nicht allein an seine eigene Jugend, sondern immer wieder auch an die Jugendfrische der hebräischen Sprache, die so wortreich, so elastisch und geschmeidig ist, daß man durch sie die feinsten psychischen Nuancen wiedergeben kann, wie nur in irgendeiner anderen lebenden europäischen Sprache. Rhythmus, Takt, Klang — alles hört man aus dieser hebräischen Uebersetzung heraus wie einst aus dem Original. Schließlich sind noch aus den Schriften Rostands und Puschkins Uebersetzungen vertreten. Von gewaltiger Kraft der Wirkung ist die Ballade „D i e Frau des Rabbi Mose s". Der babylonische Gelehrte verläßt, als die Hochschulen im Kalifat gewaltsam geschlossen werden, in Begleitung seines Weibes die Heimat. Auf hoher See geraten sie in die Gefangenschaft eines heidnischen Flottenkommandanten, der ein Auge auf die schöne Jüdin wirft und sie mit seinen Liebeswerbungen verfolgt. Nach gewiß schwerem Seelenkampfe richtet eines Morgens die treue Gattin an den Gelehrten die scheinbar naive Frage, ob auch die Seelen der in die Tiefen des Meeres Versinkenden einst auferstehen werden. Der nichtsahnende und glaubensstarke Weise antwortet in Ruhe, daß jede reine Seele dereinst auch aus dem Abgrunde des Meeres zurückkehren werde. Da — ein Schrei des Entsetzens! und das treue Weib ist in den Fluten verschwunden. An sich ein Ereignis, das nicht ohne Beispiele in der Literatur und im Leben geblieben ist. Virginia, Lucretia, Emilia Galotti und andere Frauen haben aus Liebe und Treue den Tod der Schande und Sünde vorgezogen. Einer anderen Sünde entzieht sich diese Frau; anders die Motivierung, anders und ergreifender der Seelenkonflikt. II. Akt.: Im Himmel. In den Kreis der heiligen Frauen Rachel, Deborah und Chana und der anderen Chana, jener großen jüdischen Märtyrerin, tritt die Seele der Selbstmörderin. Sie begründet ihre Tat: Die Leidenschaft zum Heiden hatte sich allmählich bereits in ihrem Herzen eingenistet und der Gedanke fraß in ihrem Hirn: O, daß doch mein Mann stürbe!--- Eine historische Ballade behandelt den „Wiederaufbau der Stadt Jericho" zur Zeit des gottlosen Königs Achab und das tragische Schicksal Chiels. Mehr Satire ist das Gedicht „Gras in das Volk". (Inhaltlich nicht zu verwechseln mit dem gleichbetitelten Gedicht Bialiks.) David flieht vor Absalom. Mit jedem Wechsel des Kriegsglücks ändert sich die Haltung der wankelmütigen Plebs gegenüber dem König. Die Horazische „Turba mobilium Quiritium" und Herzls ähnliche Situationen im „Palais Bourbon". Den Widerstreit des Materiellen mit dem Geistigen behandelt das dramatische Gedicht „Ufa und Rabbi Joch a n a n". Der Stoff ist dem Talmud entnommen. Das Geistige trägt den Sieg davon. Ein Gedicht tritt für die Einheit des Buches J e s a i a ein. Das einzige wissenschaftliche Sujet in der ganzen Sammlung. ,;Bei lebendigem Leibe hat man Dich entzweigesägt und jetzt zerreißt man Dein Buch in zwei, in drei Stücke." Eine Anspielung auf die bekannte Legende vom Tode Jesaias und auf die bisherige Jesaia-Forschung. Lachend bemerkt der Prophet von der Höhe der Wolken herab: „Die mich verstehen — für die bin ich Einer, und Eins ist das Buch meiner Offenbarung." Ueber die Einheit Jesaias hat der Verfasser übrigens bereits mehrere Studien publiziert und er kündigt für das bevorstehende Wintersemester eine Reihe von Vorträgen über dieses Thema an. Daß der Verfasser der eben besprochenen Gedichtsammlung vor allem Gelehrter ist und einer der bedeutendsten Forscher des Maimonides, jenes Mannes^ der gerade dem Intellektualismus den ersten Platz zuwies, macht diese Dichtungen um so interessanter. Ueber sein Verhältnis zur Dichtung sagt der Verfasser mit Ovid: At mihi iam puero caelestia sacra placebant, Inque suum furtim Musa trahebat opus. Deutsch: Schon als Knabe bin ich dem Rufe der Muse gefolgt, Hehre, Du zogest mich stets, heimlich zum lieblichsten Werk. Dr. H. Glaser. Jüdische Frauenideale. (Fortsetzung.) Frauenopfer für die Wissenschaft. Nach S. Lichten stätter, Eduard Glaser (der bekannte Arabienforscher), im Jahrb. f. jüd. Gesch. 1909. Die Mittel zu der Reise nach Arabien verschafften ihm größtenteils seine Brüder, einfache Kaufleute in Saaz, die das Geld recht gut in ihrem Geschäfte hätten verwenden können. Ja, mehr noch: Um ihn mit möglichst reichlichen Mitteln versehen zu können, verpfändeten seine beiden Schwägerinnen sogar ihren Schmuck! Ehre den wackeren Frauen, die, einfach und schlicht erzogen, von Haus aus sicherlich kein Interesse an katabanischen und himjarischen Inschriften hatten, denen auch an der Erforschung der arabischen Halbinsel sehr wenig gelegen war! Es waren junge Frauen, denen es sicherlich ein Opfer war, ihren Schmuck lange entbehren zu müssen — aber der junge Eduard Glaser hatte seine Begeisterung für seine Ideen und das Vertrauen auf den Erfolg seiner Unternehmungen auf seine Familie zu übertragen vermocht. Ich möchte meinen, daß diesen Frauen der Dank und die Anerkennung, der Wissenschaft gebührt und daß es gerechtfertigt ist, ihre Namen zu nennen, es sind Frau Pauline Glaser, geborene R e i m a n n, und Frau Marie Glaser, geborene Steiner, beide in Saaz, letztere schon vor vielen Jahren verstorben. Aus einem Briefwechsel Moses Mendelssohns mit seiner Braut. Allerliebste Fromet! Ich habe in Ihres Vaters Schreiben eine Entdeckung gemacht, die mich nicht wenig vergnügt. Der gütige Mann ver-