Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 46 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT iililliiÄ mm Seite 5 unserer Propheten, Psalmisten und Geschichtsschreiber manchmal fremdartig erscheinen lassen. — Der Jude kann es nicht dem Nichtjuden überlassen, für ihn eine Uebersetzung seiner Heiligen Bücher zu besorgen. Vor allem aber ist es wichtig, daß es nicht den Anschein habe, als seien wir in geistige Abhänggikeit von der nichtjüdischen Exegese und Interpretation geraten, und könnten aus eigenen Mitteln auf diesem Gebiete nichts Bedeutendes hervorbringen. Es war daher eine Tat von geistesgeschichtlicher Bedeutung, daß die erlesensten Fachmänner, die repräsentativen Geister einer mehr als drei Millionen zählenden jüdischen Gemeinschaft sich zusammengetan haben, um in gemeinsamer langjähriger Arbeit eine Bibelübersetzung zu schaffen. Es ist diesmal' nicht das Werk eine einzelnen, sondern der Gesamtheit, vertreten durch ihre feinste Auslese. Im Judentum geboren und erzogen, von jüdischer Tradition durchtränkt, verkörperten diese Männer das jüdische Bewußtsein in seiner vornehmsten Gestalt. Dabei waren sie mit dem gesamten Fachwissen unserer Zeit ausgerüstet, und sie traten an die Arbeit heran, beseelt von dem absoluten Willen zur Wahrheit und mit jener Liebe und Ehrfurcht, ohne die ein derartiges Werk nimmer gedeihen kann. Sie haben darum nicht nur der Judenheit, sondern auch der nichtjüdischen Welt eine wertvolle Gabe dargebracht, die diese nichtjüdische Welt denn auch dankbar begrüßt hat. George F. Moore, Professor der Religionsgeschichte an der Havard University, schreibt: „Es kann ohne Furcht vor Widerspruch versichert werden, daß hier den englischsprechenden Völkern die beste Uebersetzung des alten Testaments gegeben wurde, die überhaupt existiert." Dr. J. M. Powes Smith, Professor der semitischen Sprachen an der Universität Chicago, schreibt im „American Journal of Semitic Languages: „Das ist die beste vorhandene volkstümliche Uebersetzung des alten Testaments." Die „Church Qu arter ly Review" versichert: „Den nichtjüdischen Gelehrten wird diese Uebertragung ein unschätzbarer Begleiter sein. Konservativ wie sie ist (in bezug auf den englischen Stil), trägt sie ein ursprüngliches, eigenartiges Gepräge und bildet so ein edles Denkmal jüdischer Gelehrsamkeit." „Independent" schreibt: „Der eigenartige Charakter dieser Uebersetzung besteht darin, daß sie den Geist der jüdischen Tradition mit den neuesten Ergebnissen der modernen Bibelforschung vereinigt." „The Truth-Seeker" schreibt: .,Diese Uebersetzung erscheint uns als die beste unter allen, die bisher in englischer Sprache verfaßt worden sind." Dr. Theo. J. G a e h r schreibt im „Bulletin o f t h e Western Theological Seminary": „Als Christ und presbyterianischer Geistlicher vereinige ich mich mit meinen judischen Brüdern im Dank gegen Gott für dieses Hilfsmitte! zum Studium der Bibel." Auch die katholische Welt Amerikas begrüßte das neue Werk mit freudiger Dankbarkeit. ✓ Wie oben erwähnt, bereitet die Jewish Publication Society of America einen sechsbändigen Bibelkommentar vor. Dieser soll sich an die Uebersetzung anschließen und gleich dieser volkstümlich sein, also weniger für die Gelehrten, als für den Lehrer und den gebildeten Leser bestimmt sein. Eine „Einleitung in die Bibel" soll vorangehen, welche jedem Buch seinen Platz im Kanon nach der jüdischen Ueberlieferung anweist, die Literaturgattung bestimmt, zu der es gehört. Zeitalter, historische Umstände usw. charakterisiert. Die Probleme der Bibelkritik sollen berührt werden, doch ohne auf die nimmer endenwollende Polemik der Schulen ausführlich einzugehen. Die Hauptaufgabe des Kommentars ist, den Sinn des Textes dem Leser klar und faßbar zu machen. Die Erklärungen sollen aus allen alten und neuen Quellen herangezogen v/erden. Höchst wertvolles Material ist in den alten jüdischen Kommentaren enthalten, das in den modernen Werken noch lange nicht zur vollen Geltung gekommen ist, ja häufig überhaupt nicht berücksichtigt wurde, teils weil diese Kommentare den meist christlichen modernen Forschern nicht zugänglich waren, teils weil diese so viel als möglich es vermeiden wollten, den Anteil der Juden an der wissenschaftlichen Erklärung der Bibel allzu sehr hervortreten zu lassen. Demgegenüber will der Kommentar gerade das in der ganzen nachbiblischen Literatur enthaltene wertvolle exegetische Material hervorheben und ins rechte Licht rücken, damit die Kontinuität des jüdischen Gedankens durch die Jahrhunderte sichtbar werde. Es kommt vor, daß mancher moderne Autor, ein jüdischer oder ein christlicher, z. B. Barth oder Noeldecke von Ibn Ganach oder Ibn Ezra antezipiert wurde. Da muß natürlich das Prioritätsrecht des alten jüdischen Kommentators gewahrt bleiben. Daß dabei mnchmal Raschi neben Wellhausen zu stehen kommt, ist um so bedeutsamer. So hat die amerikanische Judenheit, dieser jüngste Zweig der Diaspora, ein Werk vollbracht, welches sich stolz mit jenem messen kann, das vor mehr als zwei Jahrtausenden von dem ältesten Zweige der Diaspora, den hellenistischen Juden in Aegypten, ausgeführt worden war. Nicht Dilettanten und feuilletonisierende Schöngeister, sondern gelehrte Fachmänner allerersten Ranges, die zugleich in hohem Maße die Gabe des poetischen und stilistischen Nachfühlens besaßen, haben die Bibel in englischer Sprache neu geschaffen. In glücklicher und nachahmenswerter Weise wurde die Mitwirkung aller religiösen Richtungen bei diesem großartigen Werke an dem gemeinsamen Erbe des Judentums erzielt. Als Symbol dessen darf es angesehen werden, daß Salomon Schechter, der Führer der Konservativen, mit Kaufmann Kohler, dem Oberhaupt der Liberalen — beide sind seither in die Welt der Wahrheit abberufen worden — über alle Parteigegensätze hinweg, in gegenseitiger persönlicher Hochschätzung vereint, ihre Kraft in den Dienst der großen Aufgabe stellten. Möge dieses amerikanische Beispiel in Europa Nachahmung finden! Welträtsel und andere Gedichte. (Dr. Armand Kaminka: Wien 1927, Verlag „Menorah".) Eine hebräische Gedichtsammlung. Allmählich entstanden und erlebt. In dem Büchlein von mäßigem Umfang findet sich reicher Gehalt: Allegorie, Philosophie, Ethik und Reflexion. Zusammengefaßt ergibt es vielleicht den geschlossenen Kreis einer Weltanschauung. Vor dem Dichter, dem einzig wahren König auf Erden, dessentwegen — so heißt es im einleitenden Gedicht — die Welt besteht, sind die Welträtsel gelöst oder — den Buchtitel genauer übersetzt — die „Geheimnisse der Welt" enthüllt. Er versteht das „Flüstern der Aehren" und hört die „Winde ihre Gespräche" führen; er sieht die „Wassertropfen" indie Unsterblichkeit einziehen und den „Erdenwurm" in Resignation sich mit seinem „zertretenden Schicksal" aussöhnen. Ja, die „Fliege auf dem Misthaufen" fühlt ihre Mission. Und der Mensch vollends, die Krone der Schöpfung, will sich, so lange Jugendkraft seine Glieder streckt, die Herrschaft über die Welt erstürmen, um als Greis einzusehen, daß „die Tage seiner Jugend nur ein Märchen und sein ganzes Leben bloß ein Traum" gewesen sei. In den „W eltgeheimnisse n", dem ersten Zyklus der Sammlung, offenbart sich dem Dichter auf der Höhe seiner Welt- und Menschenkenntnis das Leben und Treiben in der Tiefe der Natur, gibt der Philosoph sein abgeklärtes Werturteil ab, zieht die Ethik ihre Schlüsse. Ethik, Aesthetik und Philosophie. Hellas, Rom und natürlich vor allem Jerusalem haben die Bausteine zu seiner Weltanschauung geliefert. Eine Synthese, wie sie eben nur die größten Geister des Judentums ohne Schaden zu den lichten Höhen geführt hat. Beachtenswert in dieser Beziehung ist das erste Gedicht: ..Flüstern der Aehren". Das Horazische „Carpe diem!" (Nütze den Tag!) kommt hier zu Worte. Indes mit besonderer geistig-ethischer Note. Eine ganz knappe Gegenüberstellung sei erlaubt. Horaz: Kläre den Wein . . . und nütze den Tag, nicht vertrauend dem nächsten! — Hier: Nütze den Tag und freue dich des Lebens! — Aehnlich Kohelet: Es gibt nichts Gutes, außer freue dich und tue Gutes im Leben! (III, 12.) — Bei Horaz: Nüchterne realistische Ermahnung. — Hier: Tiefes und ahnungsreiches Miterleben in der Natur und lebensfrohe schöpferische Ethik, trotz eines gewissen Pessimismus, in den der Zyklus ausklingt. Das Ganze ist jedoch frei von jeder Negation des Lebens und von Depression. Philosophische Reflexion bieten ferner die „Gebet e". Was bedeutet physisches Leid gegenüber dem Gefühle seelischen Glückes und was die Finsternis in der Erscheinung der Umwelt gegenüber dem hellen Lichte, mit dem sich des Dichters Seele vermählt? In das unergründliche All hineingestellt — weiß denn der Mensch, was er sich wünschen soll? Dem ewigen Walten überläßt er die Entscheidung. Ein Schatzkästlein von Weltweisheit sind die „A p h o r i sm e n". Vertraut mit allem, was Wissen und Glauben, Erkenntnis und Spekulation bietet, lehnt der Dichter als „lachender Philosoph" das kleinliche Treiben der armen Erdenkinder ab. Für sich. Mit guter Satire, aber ohne Hohn; vielmehr mit