Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 46 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT tur und Rechtslage der Juden kennt, weiß, daß es in Wahrheit nur eine Lösung der Judenfrage gibt, die Hardenberg in die klassischen vier Worte goß: „Gleiche Pflichten, gleiche Recht e." Und wenn auch der geradlinige Weg zum Ziel oft genug versperrt wurde — die Zeit des Petljura-Prozesses ist gewiß geeignet, die Erinnerung an ganz traurige Rückschläge zu wecken —, so ändert das nichts daran, daß — vom Standpunkte der Weltgeschichte aus — der langsame Aufstieg unverkennbar ist. Solange in der Welt die sittlichen Postulate des Rechtes und der Menschenliebe gelten, solange die Gewissensfreiheit als ein Ziel der sittlichen Entwicklung gilt, solange wird der Antisemitismus ein Unrecht sein, das von allen ehrlichen Kulturmenschen bekämpft werden muß. Wir verkennen nicht, daß unsere von nationalistischer Engherzigkeit und Menschenhaß bestimmte Zeit für den Ausblick auf die Höhen reiner Menschlichkeit wenig Sinn hat. An der Richtigkeit der Ziele und an der Notwendigkeit des Kampfes ändert das nichts. Und antisemitische Angriffe jeder Art, vor allem so scheinheilige wie der Bellocs, mögen wohl hemmen, nie aber dürfen sie das Ziel verwirren und unseren Willen ablenken. Dr. Felix G o 1 d m a n n (Leipzig). ertet Abonnenten lor „Die Uakrteif Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldin. 7.—, Tschechoslowakei £K60.—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.—, AmerikalV» Doli., Italien Lire 40.—,EnglandSchilling 15.—, Rumänien Lei300.—»Jugoslawien Dinar 100.— hat, ich hätte „geschmiert?" Was soll ich euch sagen — noch nicht zwei Monate vorüber, kommt ein Papier, worin mein Itzig, das heißt Alterchen, gebeten wird, er soll noch einmal zur Gestellung in die Gouvernementstadt kommen, zur „Revision" heißt man das. Wie gefällt euch die Mahsse? Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt! Wie heißt! Zweimal zur Gestellung ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger. ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg! Kurz, was soll ich euch erzählen! — Wenn man zur Regierung gerufen wird, darf man nicht ausbleiben, muß man fahren. Sind wir zur Regierung gefahren. Bin ich herumgelaufen hin und her. Vielleicht hilft das Verdienst der Väter, ein gutes Wort, das, jenes. Geh, schrei! Ich erzähle einem die Geschichte — ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, und nicht einmal gesund. — Der erhebt ein Gelächter. — Und mein Sohn? — Man hat schon schönere begraben, sagt er, eine Revision ist eine Lotterie, die reine Lotterie! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Man hat meinen Itzig, das heißt Alterchen, hineingeführt zu der Regierungsrevision und hat wieder von vorn angefangen, ihn zu betrachten in der Länge und in der Breite, hat ihn wieder beklopft und bekuckt, gedreht hin und her. Was? Steins geklagt! „Taugt nicht, der Hund?" Das heißt, taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Einer hat widersprochen und hat gesagt: „Tauglich". Hat der Doktor geschrien: „Nicht tauglich" . . . Der sagt „tauglich", der sagt „nicht tauglich", tauglich, nicht tauglich, hin und her, bis der Gouverneur selbst sich von seinem Bänkchen erhoben hat, herankommt und sagt: „Ganz und gar nicht tauglich", das heißt, er taugt auf neunundneunzig Kapores .... Hab' ich sofort weggeschickt eine Depesche nach Hause in verstellter Sprache: „Masel tow, die Ware ist für vollkommen unbrauchbar erklärt." (Fortsetzung folgt.) Die amerikanisch-jüdische Bibelübersetzung. Von Binjamin Segel. (Schluß.) Hier ist es am Platz, etwas über die Persönlichkeiten der Urheber dieser Uebersetzung zu sagen. Dr. Salomon Schechter war einer der vielseitigsten jüdischen Gelehrten der letzten Generation, er beherrschte meisterhaft alle Gebiete der jüdischen Literatur, hat sich als Editor alter Autoren sowie als Essayist bekannt gemacht. — Berühmt wurden seine Genizah-Funde, von denen der wichtigste wohl der hebräische Ben S i r a war. Allein Schechter, dieser galizisch-rumänische Jude, den ein glückliches Schicksal frühzeitig über Deutschland nach England, dann nach Amerika entführte, galt in der anglosächsischen Gelehrten- und Schriftstellerwelt als einer der glänzendsten und gediegensten englischen Stilisten. Dr. Kaufmann Kohler, der sich damals schon den Achtzigern näherte, Präsident des Hebrew Union College und anerkanntes Oberhaupt der Reform-Bewegung in Amerika, war ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit und gründlicher Kenntnis der modernen Bibelwissenschaft, galt als besonderer Kenner der hellenistischen Literatur der Juden. Bekannt ist sein auch in deutscher Sprache erschienenes Werk über das System der jüdischen Theologie geworden. Dr. Joseph Jacobs war ein sehr vielseitiger Schriftsteller, Editor älterer englischer Texte, ein feiner Kenner der Literatur- und Kulturgeschichte, ein hervorragender englischer Stilist. Er wurde vornehmlich bekannt durch sein Werk „Jewish Contributions to Civilisation, an Estimate". Dr. Cyrus Adler, Präsident des Dropsie College, ein bekannter Gelehrter aufdem Gebiete der orientalischen Sprachen, Literatur, Geschichte und Archäologie, ist in Amerika berühmt als Führer des jüdischen Gedankens und erfahrener Organisator, der es ausgezeichnet versteht, Ideen in die praktische Tat umzusetzen. Dr. Daviid Philippson, ehemaliger Präsident der Central Conference of American Rabbis, ist bekannt als hervorragender Prediger; sein Werk „Old European Jewries" erfreut sich einer großen Beliebtheit. Dr. Samuel Schulmann, ebenfalls ehemaliger Präsident der Central Conference of American Rabbis, ist namentlich durch seine hervorragenden Vorlesungen über verschiedene theologische und philosophische Fragen sowie durch seine gedankenreichen Predigten bekannt geworden. Dr. Max L. M a r g o 1 i s, Professor der Bibelwissenschaft am Dropsie College for Hebrew and Cognate Learning, ist ein sehr bekannter Semitologe und hat in der gelehrten Welt einen wohlbegründeten Ruf als Grammatiker und Exeget. Derart vereinigte das Uebersetzerkollegium in sich die Repräsentanten aller religiösen Richtungen im Judentum, die wissenschaftlich vorzüglich für ihre Aufgabe ausgerüstet waren. Vor allen Dingen brachten sie eine gediegene Kenntnis des Hebräischen in allen seinen Entwicklungsphasen mit, hatten die Kenntnis dieser Sprache nicht erst in späteren Jahren mit Grammatik und Wörterbuch in der Hand erworben, sondern sie gleichsam mit der Muttermilch eingesogen. Mit der Bibel waren sie von Kindesbeinen an in der Ursprache vertraut. Die alten jüdischen Kommentare, die Homilien des Talmud und des Midrasch waren die steten Begleiter ihrer Studien gewesen. Und auf dieser Basis baute sich bei ihnen der modern wissenschaftliche, kritische Apparat auf. Das ermöglichte ihnen, auf eine unvergleichliche Weise aus allen jüdischen Quellen, bis zurück zu den entlegensten, und aus allen außerjüdischen in gleichem Maße zu schöpfen und die Wahrheit anzunehmen, wo sie sie fanden. So ist in Amerika das Bedürfnis der Juden nach einer eigenen Bibelübersetzung erfüllt worden. Dieses Bedürfnis ist ein zweifaches. Die Juden haben natürlich ebenfalls Anspruch auf eine Uebersetzung, die allen Ansprüchen der gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse genügt. Dabei aber muß diese Uebersetzung von Männern jüdischen Glaubens verfaßt sein. Die Bibel ist nicht nur ein literarisches Denkmal; für uns Juden ist sie das Buch unserer Geschichte und für uns wie für andere ist sie die Quelle unseres Glaubens. Alle christlichen Glaubensgemeinschaften haben Bibelübersetzungen für ihren Gebrauch herausgegeben, die sich untereinander in einer Menge von Nuancen unterscheiden; diese bilden in ihrer Gesamtheit eine Tönung und Färbung, auch abgesehen von den direkt christologischen Deutungen, die uns Juden die Bücher