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Die Wahrheit · 1927-11-11 · Heft 46 (11.11.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 46 (11.11.1927)
Date
1927-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT MI Seit* 3 heutigen Zeit im irregeleiteten Nationalismus sieht. Nur verkennt er, daß B e 11 o c s Buch selber ein Produkt dieses irregeleiteten, beschränkten Nationalismus ist, der in der Weltgeschichte alles Besehende wegen der Tatsache seiner Existenz für gut und erhaltenswert hält, der keine sittliche Weltkultur mit dem Endziel eines auf Verständnis und Gerechtigkeit sich gründenden Frieden kennt. - Ü. Sachlich das Buch vo;i Dciloc im einzelnen zu widerlegen, ist darum nicht erforderlich, weil es geistig mit den „Weisen von Zion"fast ganz übereinstimmt, so daß die bereits vorhandenen Kritiken über dieses Machwerk auch ihm gelten. Der moralischen Seite sei aber ein ernstes Wort gewidmet. Ich kenne in der ganzen antisemitischen Literatur kein Buch von einer so widerlichen inneren Verlogenheit! Unter dem Anscheine des Wohlwollens predigt es durch die Wiedergabe aller nur erdenklichen unbeweisbaren Beschuldigungen Haß, unter dem Vorgeben, objektiv zu sein, gibt es diese und jene Methode des antisemitischen Kampfes tadelnd preis, um andere um so intensiver zu empfehlen, unter dem Vorwande, ein gerechtes und friedliches Verhältnis zu den Juden zu ermöglichen, weist es auf den Weg der Trennung, der Ausnahmegesetzgebung, der des Ghettos hin, und es droht — gewiß gewunden und verblümt, aber doch klar erkennbar — mit dem Pogrom! Und alle diese üblen Bestandteile des von ihm servierten Gerichts sind mit der Tunke der widerlich wirkenden Freundschafts- und Achtungsbeteuerungen Übergossen. Belloc will Frieden für Israel! Wenn seine Wünsche Erfolg hätten, wäre es der Friede des Grabes, der der völligen Vernichtung folgt. Wer unbefangen die Entwicklung des jüdischen Problems in der Geschichte der letzten zwei Jahrhabt Ihr meinen Eisik nicht ausgestrichen?" Fragt mich der Narr: „Wer ist der Eisik gewesen?" „Wie heißt?", frag' ich, „Ihr wißt nicht, wer Eisik ist? Mein Sohn Eisik, der den siedigen Samowar über sich gegossen hat!" „Was für Samowar?", fragt jener. — „Guten Morgen!" sag ich; „ein guter Kopf auf Euch! So ein Kopf ist gut, Nüsse darauf zu knacken! Wer kennt nicht die Geschichte von meinem Eisik, der sich mit dem Samowar zu Tode gebrüht hat! Ich verstehe nicht, was Ihr für ein Rabbiner in unserem Städtchen seid. Mit Schales*) kommt man nicht zu euch, dafür ist ein Row da, lang soll er leben — sollet Ihr wenigstens Achtung geben aui die Gestorbenen! Zu was hat man euch und eure Taxen? . . ." Endlich stellt sich heraus, ich habe den schönen Row ganz umsonst heruntergemacht; denn die Geschichte mit dem Samowar war gar nicht in Meseretsch passiert, sondern zu der Zeit, wo wir — nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka gewohnt haben. Das war mir ganz wie aus dem Kopf herausgeflogen. Kurz, was soll ich euch erzählen! Ich habe mich gerührt und umgetan, Papiere her, Papiere hin, mein Awrohom Jitzchok, das heißt Itzig, den man Alterchen ruft, war um sein Privileg gekommen. Das ganze Privileg war fort. Ach und Weh und Gewalt! Denkt euch: ein einzigdiger Sohn, einundeinzigdiger, ganz echt, wahrhaft, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg — und keine Spur von einem Privileg! Nun geh und schrei um Hilfe und Erbarmen — aus, verfallen! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Geht mein Alterchen, das heißt Itzig, und zieht die höchste Losnummer 699! Die Militärkommission hat sich gewiegt vor Freude. Der Vorsitzende selbst hat ihm einen Stoß in die Rippen gegeben und hat gerufen: „Bravo, Itzig, tüchtiger Junge!" Die ganze Stadt hat mich beneidet. Nummer sechshundertneunundneunzig! Was für ein Glück! Masel tow! Masel *) Ritualfragen. KUNEROL Verbärgt reines Fett aus Kokos* nassen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.,Wien- Atzgersdor£ gepreßt und die Er» zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezhrksrab* biners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng* gläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung der Speisen verwendet werden. tausende untersucht, wer insbesondere die geistigen und politischen Strömungen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in ihrer Wirkung auf Kultow! Mit Masel sollt Ihr leben! Genau, als wenn ich mit dem großen Los von 200.000 Rubel herausgekommen wäre! Aber unsere Jüdchen! . . . Wie man ist gekommen zur Untersuchung, sind auf einmal alle wüste, finstere Krüppel geworden. Der hat den Fehler gehabt, jener hat plötzlich zu hinken angefangen, einem anderen war es auf die Augen gefallen, der hat das Pfeifen bekommen, bei jenem hat sich eine Wunde aufgetan, bei wieder einem hat sich, mit Respekt zu sagen, ein Aussatz auf dem Kopf gezeigt . . . Kurz, was soll ich euch lang erzählen, man ist bis zu meines Sohnes Nummer gekommen und mein Itzig, das heißt Alterchen, hat sich nebbich gemußt zur Aushebung stellen. Bei mir in der Stube hat sich ein Gewein erhoben, ein Gewein und Geschrei. Finsterkeit! Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt? Wo ist das erhört gewesen! Ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg und kein Stückchen Privileg! Und er, das heißt mein Sohn, ist ganz gleichgültig, als ginge die Sache ihn gar nichts an. „Was wird sein mit Kol Jisroel, wird sein mit Reb Jisroel!", sagt er. Nur der Magen zittert ihm dabei. Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Der Doktor betrachtete meinen Itzig, das heißt Alterchen, mißt ihn aus in der Länge und in der Breite, beklopft ihn, bekuckt ihn, dreht ihn her und hin und sagt: „Er taugt nicht, der Hund", das heißt, er taugt schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Er mißt keine dritthalb Werschok in der Breite .... Wieder einmal eine Freude, ein Jubel: Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt Ihr leben! Die Familie ist zusammengekommen, man hat einander „lechajim!"*) zugerufen, man hat Gott gedankt, man war die Gestellung los! Aber unsere Jüdchen! . . . Meint Ihr, es hat sich nicht ein Scheikez**) gefunden, der bei der Regierung angezeigt *) Zum Wohlsein. **) Scheusal. . . BS

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