Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 46 (11.11.1927)
- Date
- 1927-11-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ■HHflnHHanMHHHBHHO DIE WAHRHEIT lieh die modernen Großstädte in die Luft zu sprengen gedenken, seien für eine vielleicht erforderlich werdende Neuauflage zur Hinzufügung ernstestens empfohlen. Wie nun auf der Grundlage solchen Denkens der Lösungsversuch für die Judenfrage aussieht, ist nicht schwer zu erraten. Belloc verlangt etwas wie den „gelben Fleck"! Und das fast wörtlich. Gewiß braucht der Jude, der in der Straßenbahn fährt oder ein Glas Bier trinkt, nicht sofort als solcher erkannt zu werden, aber sobald er geschichtlich, sozial, politisch, religiös, wissenschaftlich, künstlerisch mit seiner Umgebung zu tun hat, muß er als Jude kenntlich sein! Die Juden müssen, das ist immer wieder seiner Weisheit letzter Schluß, als ein fremdnatio.nales Element erkannt und anerkannt werden, und insbesondere muß aus dem Namen eines Menschen zu entnehmen sein, ob er Jude ist oder nicht. Irgendwelche gesetzliche Maßnahmen aus der Anerkennung dieser Tatsache zu ziehen, lehnt Belloc fast entrüstet ab. Aber die Entrüstung ist nur erheuchelt, denn so unwissend er — auf diesen Punkt kommen wir noch zurück — in allen historischen Dingen ist, kann er unmöglich verkennen, daß eine solche Politik der absoluten Trennung und des gelben Flecks, des sozialen G.he11os, schließlich zu einem wirklichen Ghetto und zu einer scharfen Ausnahmegesetzgebung logisch führen muß. Und in Wahrheit fordert er auch praktisch den Beginn der Entrechtung, indem er besondere Gerichtsbarkeit für Streitigkeiten unter Juden und von Juden mit Nichtjuden für angebracht hält. Auffallend ist, daß Belloc an den Z i o n i s t e n und ihren Theorien keine reine Freude hat. Für ihn ist der Zionismus lediglich eine Macht, die f£ Feuilleton Die Assentierung. Von Scholem Aleichem. Von wannen ich fahr'? Ach, weh ist mir: Ich fahre von der Assentierung. Das dort ist mein Sohn, der junge Mann, der da ausgezogen auf der Bank liegt. Mit ihm fahr' ich von Jehupetz. Bin beim Advokaten gewesen, mit ihm zu beraten, und auf dem Wege habe ich bei Professoren gehorcht, was sie etwa sagen möchten. Eine Assentierung hat mir Gott zugeschickt! Viermal habe ich dort gestanden und bin noch nicht fertig. Und gerade er ist ein einzigdiger Sohn, der einundeinzigdige, ganz echt, wahrhaftig, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg . . . Was kuckt ihr mich an? Ihr glaubt nicht? Ihr mögt zuhören, mögt Ihr! Das Begegnis von der Geschichte ist nämlich die Mahsse*): Ich selbst bin ein Meseretsche'r von Meseretsch. Geboren bin ich in Masepewka und zugeschrieben bin ich in Worotiliwka. Einmal bin ich nämlich — nicht gedacht soll es heut werden! — in Worotiliwka ansässig gewesen. Heute aber wohne ich in Meseretsch. Wer ich bin und wie ich heiße, macht euch wohl nicht viel aus, meine ich. Doch meines Sohnes Namen muß ich euch sagen, denn das gehört zur Hauptsache, sehr sogar. Er heißt Itzig, das heißt Awrohom Jitzchok, aber man ruft ihn Alterchen. Den Namen hat sie ihm gegeben, meine Frau, sie soll gesund sein, weil er ein Angstkind ist, ein einzigdiger, ein einundeinzigdiger. Das heißt, wir hatten außer ihm noch einen Jungen gehabt, um ein Jahr oder anderthalb Jahr jünger als jener, ihm zu längeren Jahren. Eisik hat er geheißen, Eisik. Ist ein Unglück gekommen. Man hat ihn, nämlich Eisik, einmal allein gelassen — ich bin da- *) Sache. England politisch in Abenteuer und Kosten stürzt, und der Aufbau Palästinas ist ihm nur ein neuer Beweis für die überragende Macht des Judentums. Eine bezeichnende Kritik übt bereits der Uebersetzer Theodor Haeckerin seinem Nachwort aus, obwohl man ihn wahrhaftig nicht als Freund der Juden ansehen kann. Bezüglich der Anschauungen Bellocs über manche deutsche Angelegenheiten wirft er ihm „Ignoran z" vor als „Frucht einer gewissen andauernden Kriegs- und Haßpsychose, die aus dem Herzen Europas gern ein Ghetto machen w ü r d c". Das Urteil ist für alle Teile des Buches so ausgezeichnet, daß ihm kein Wort hinzugefügt zu werden brauchte. Wenn der Uebersetzer von jüdischen Dingen auch nur halb so viel verstünde wie von 'deutschen, würde er seine kritische Meinung über das Ganze des Buches ausdehnen können. In einem Punkte hat er, der offenbar ein Kenner der Bibel ist, es getan, hat den geradezu unglaublichen Unsinn Bellocs ad absurdum geführt und gezeigt, daß die religiöse Lehre des Judentums nicht v>........ stisch ist, sondern daß sie das Privateigentum kennt und schützt. Ebenso betont er, daß das angebliche besondere Ueberlegenheitsgefühl der Juden eine Einbildung ist, daß alle Gemeinschaften so denken wie die Juden. Aber leider kennt er weder die Geschichte noch das Wesen des nachbiblischen Judentums, so daß ihm die Fülle der faustdicken, auffallenden Irrtümer Bellocs, bei denen es oft schwer ist, ihm den guten Glauben zuzuerkennen, keinen Anlaß zur Kritik gibt. Im ganzen aber hat er in seinem kritischen Nachwort das Rechte gesehen, wenn er das gefährlichste und bedrohlichste Uebel der mals, es soll nicht gedacht werden, noch ein Worotiliwkaer gewesen, das heißt, ich hatte mich in Worotiliwka ansässig gemacht — und da hat er, nämlich Eisik, sich niedergesetzt und ist unter den Samowar gekrochen und hat den siedigen Samowar — nicht für euch soll es gedacht werden — auf sich gegossen und sich zu Tode gebrüht — jenem zu längeren Jahren. Von der Zeit an ist er, Itzig nämlich, das heißt Awrohom Jitzchok, unser einzigdiger gewesen, und sie hat ihn verzogen, meine Frau, sie soll gesund sein, und hat ihm den Namen Alterchen gegeben. Werdet Ihr fragen; Wie heißt? Ein Einzigdiger — ein Einundeinzigdiger, was hat der mit der Militärgestellung zu tun? Hört nur, das ist doch eben mein ganzer Verdruß! Ihr glaubt vielleicht, er ist, Gott soll hüten, ein gesunder Jung, wie es einmal vorkommt bei Kindern, die im Ueberfluß aufwachsen. Seid Ihr auch im Irrtum! Nicht zwei Groschen möchtet Ihr für ihn geben. Ein Versehnis ist er, ein kranker Jung. Das heißt, krank, Gott soll behüten, ist er auch eigentlich nicht; aber gesund ist er gewiß nicht. Schade, er schläft jetzt, ich will ihn nicht weeften. Wenn er aufsteht, werdet Ihr sehen: ein Schatten von einem Menschen, Haut und Knochen, lang und schmal, ein Gesicht, wie die pusgespiene Feige, die Rebi Zadok verschluckt hat, und eine Gestalt — Steins geklagt! — dünn wie ein Lulew, im ganzen nach ihr geraten, nach meiner Frau, sie soll gesund sein, auch hochgeschossen und mager. Nun frage ich euch: brauche ich etwa angine Militärgestellung zu denken, so lang und dünn wie er ist. Und untauglich ist er auch, und ein Befreiungsprivileg hat er! Es ist zur Militärgestellung gekommen. Wie heißt Befreiungsprivileg? Was ist mit dem Befreiungsprivileg? Es fängt sich gar nichts an. Und was war die Ursache? Ganz einfach: mein anderes Jüngelchen, Eisik, der sich als Kind — nicht für euch soll es gedacht sein! — mit.dem Samowar zu Tode gebrüht hat, war nicht in der Matrikel gestrichen worden; man hatte es vergessen! Man hatte es vergessen! Bin ich hingelaufen zum Kronsrabbiner, dem Schaute, und habe geschrien: „Halunke, Spitzbube, was habt Ihr getan? Warum